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Dienstag, 14. Mai 2019 Drucken

Ich sehe das ganz anders

Kolumne: Komm, schnapp sie dir!

Von Sigrid Sebald

Ich bin sauschnell im Verurteilen. Manche nennen das Vorverurteilen, aber das hieße ja, dass auf das erste noch ein zweites Urteil folgt, und das ist hier nicht der Fall. Ich kann in Sekundenbruchteilen verurteilen, eine Fähigkeit, die mich selbst oft erstaunt. Arschgeige, blöde Kuh, Scheißlied, Drecksloch – das geht bei mir zackzack und in der Regel schon beim Erstkontakt. Oft auch bereits aus weiter Ferne. Und in Gedanken benutze ich noch weitaus schlimmere Wörter in ganz anderen Kombinationen. Wäre ich ein Pokemon, wäre meine Attacke der vernichtende Verurteilungsschlag.

Womit wir beim eigentlichen Thema sind. Meine Verurteilungen revidiere ich äußerst selten bis nie. Alleine schon, um nicht hinterher zugeben zu müssen, dass ich unrecht hatte. Und irgendwie kriegt’s der innere Richter immer hin, dass einmal aufgestellte Bewertungen passend zurechtgebogen werden und somit nicht zurückgenommen werden müssen. Was Pokemon angeht, bleibt mir aber keine andere Wahl. Ich muss zurückrudern und Abbitte leisten.

QUATSCH aus Fernost

„Was ist denn das für ein QUATSCH!?“, rief ich laut, als unsere Tochter nach langer Conni-Zeit plötzlich für Pokemon entflammte. Den Satz habe ich in den Genen. Schon meine Mutter rief stets, was immer wir uns auch reinpfiffen an Kinder- und Jugendsendungen, beim Betreten des Wohnzimmers: „Was ist denn das für ein QUATSCH!?“ Kimba, der weiße Löwe, Puschel, das Eichhorn, Mork vom Ork, die Waltons, keiner blieb verschont, alles war QUATSCH oder gar die Steigerung davon: AMERIKANISCHER QUATSCH. Das war, wenn es besonders grell, laut und mit affektierter Singsangsprache zuging.

Sig, Sigrid, Rid, Sigsigrid, Ridrid!

Pokemon kommen nicht aus Amerika, sondern aus Japan, sind also allerhöchstens FERNÖSTLICHER QUATSCH. Und nach anfänglichem Reflex-Widerwillen muss ich einräumen, dass sie schon Quatsch-Anteile haben, aber auch ziemlich bezaubernd sind. Wenn man sich auf sie einlässt, um mal eine Floskel aus der Küchenpsychologie zu benutzen. Es gibt viele Hunderte dieser betörenden Wesen, die alle mit bestimmten Kräften ausgestattet sind. Der knuddelgelbe Pikachu mit seinem Donnerblitz ist wohl das bekannteste Pokemon. Alle – außer Meowth – sagen nichts außer ihrem Namen. In verschiedenen Varianten. Also „Pika, Pikachu, Pikapi“ im Fall von Pikachu. Wäre ich ein Pokemon, würde ich nur „Sig, Sigrid, Rid, Sigsigrid, Ridrid“ und so weiter sagen. Oder auch „Sebald, Sesebald, Baldbald“. Aber Pokemon haben keine Nachnamen. Pikachu Sebald würde auch blöd klingen.

Menschlich wie Hooligans

Pokemon schließen sich Menschen an, sind aber keine Haustiere. Sie müssen Vertrauen fassen, den Menschen akzeptieren, dann sind sie treue Gefährten. Freunde, die immer dasselbe reden, haarsträubend aussehen und hanebüchene Fähigkeiten haben, könnte man sagen. Das trifft auch auf viele menschlichen Freunde zu. Überhaupt haben die Pokemon trotz aller Exzentrik viel Menschliches. Ab und zu etwa treffen sie sich zum Kämpfen, hauen sich die Köpfe ein mit Attacken namens Kopfnuss, Hornbohrer oder Knochenkeule, und danach geht jeder wieder seine Wege, als wäre nichts gewesen. Hooligans legen ein ganz ähnliches Verhalten an den Tag, auch Wortschatz und –wahl weisen Parallelen auf.

Alles plattmachen, weiterschlafen

Mein Lieblingspokemon ist Relaxo, ein blau-weißer Brummer, der meistens schläft und die Fähigkeiten Immunität (verhindert Vergiftungen) und Speckschicht (halbiert die Stärke von Eis- und Feuer-Attacken ) hat. Wird Relaxo provoziert, erwacht er kurz, wird sauer und macht mit einer Z-Attacke alles platt, das heißt, er lässt sich einfach auf seine Angreifer draufplumpsen. Danach schläft er weiter. Ein Traum.

Die Welt retten

Das mächtigste Pokemon ist – glaube ich – Mewtu. Es hat psychokinetische (!) Kräfte und taucht immer auf, wenn’s brenzlig wird, um die Pokemon-Welt zu retten. Mewtu spricht sich Mjuutuu und somit fast wie U2. Was Bono sicher gefällt, der ja auch Welt retten und psychokinetische Attacken („With or without youuuuu“) drauf hat. Bono Vox könnte auch ein Pokemon heißen. Nein, doch nicht, sie haben ja keine Nachnamen.

Der ökologische Fußabdruck von Godzilla

Kurz und gut: Pokemon sind einfach fa-bel-haft! Und es ist absolut berechtigt, in Japan einen Stoff-Vulpix zu bestellen, bei dessen Anlieferung der ökologische Fußabtritt von mindestens Godzilla (auch ein Japaner) hinterlassen wird. „Aber es ist alles so unrealistisch“, mag da mancher jetzt maulen, die abgeschwächte Variante von „Was ist denn das für ein QUATSCH?!“ Kann sein, aber unrealistischer als die Mutter von Conni (mit der Schleife im Haar), die immer milde lächelt, auch wenn Conni und ihr altkluger Freund beim Pizzabacken die ganze Küche in Schutt und Asche legen, ist es auch nicht. Dann lieber: „Relaxo!“ und alles kaputtplumpsen.