Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Dienstag, 13. August 2019 Drucken

Ich sehe das ganz anders

Kolumne: Der Tourist als Problem

Von Christine Kamm

(Karikatur: Boiselle)

Die Frage gehört zu jedem Sommer wie die Sonne. Und, schon weg gewesen? Wer es in der schönsten Jahreszeit nicht schafft, wenigstens ein paar Tage das Weite zu suchen, erntet mitleidige Blicke. Urlaub muss sein. Egal, wann wie und wo. Wenn selbst die Politiker und Fußballer für einige Zeit von der Bildfläche verschwinden, dann sollte es auch fürs Volk möglich sein, einmal durchzuatmen.

Das Problem bei der Sache: Wir Sommerfrischler werden immer mehr. Raus aus der Hitze der Stadt und Ballungszentren, den eigenen vier Wänden den Rücken kehren, die Nachbarkinder mal nicht plärren hören, den Müll nicht rausbringen müssen am dafür vorgesehenen Wochentag - das alles hinter sich lassen. Aber wohin, wenn die breiteste Straße in den Süden schon so verstopft ist, dass wir am besten Routen wählen, die weit, weit am Brenner vorbeiführen?

Reibereien mit Einheimischen

Ich sehe es kommen, dass (wir) Touristen mehr und mehr zum Problem werden. Auf Mallorca wissen die kleinen Leute nicht mehr, wie sie ihre Miete zahlen sollen, weil Erholungssuchende eine Kuh sind, die sich besser melken lässt als die Einheimischen. Es ist kein neues Phänomen. Thailand hat vor Jahren schon einige seiner schönsten Inseln für den Tourismus geschlossen. Warum auch nicht. Wenn Backpacker sie untereinander weiterempfehlen und irgendwann Horden junger Leute aus der ganzen Welt mit ihren Rucksäcken einfallen und wenig Geld, dafür aber umso mehr Probleme da lassen ... In Asien sind neuerdings so viele studentische Weltreisende unterwegs, dass es mit den Einheimischen zu Reibereien kommt. Weil sie an den Orten betteln oder Krimskrams verkaufen wollen, die von den Einheimischen schon besetzt sind, die um die für sie überlebenswichtigen Einnahmen fürchten.

Die Bilder der in Venedigs Lagune einlaufenden Kreuzfahrt-Riesen hat mittlerweile jeder gesehen. Kein Wunder, dass Vaporetti-Schaffner und Gondolieri um ihren Hafen fürchten. Die Schiffe sind zu groß für das kleine Venedig. Aber es ist eine knifflige Angelegenheit, weil der Hafen in türkischer Hand ist. Das Schlimme ist: In der boomenden Kreuzfahrtbranche haben sie nur noch Dollarzeichen in den Augen. Die Giganten der Meere sind und bleiben Dreckschleudern. Die Kisten müssen immer noch größer und noch toller werden und noch eine Rutsche mehr haben von oben unterm Dach runter in den Pool. In den Werften, in denen Kreuzfahrtschiffe gebaut werden, suchen sie händeringend nach Fachkräften.

Atlas für Waghalsige, Leichtsinnige und Lebensmüde

Aber nicht nur Venedig ächzt unter den Touristen-Strömen. Entlang von Amsterdams engen Grachten braucht man schon lange Ellbogen. Die Ramblas in Barcelona und die auf ihr liegende Markthalle platzen auch aus allen Nähten. Von der Spanischen Treppe in Rom verscheuchen sie inzwischen auch die Massen. Dass der Eintritt ins Louvre und die Uffizien am besten über ein vorbestelltes Ticket funktioniert, ist nichts Neues. Ein spontaner Abstecher zur Mona Lisa, ist man schon mal in Paris, kann also schwierig werden. Es ist kein Wunder, dass es inzwischen ein Reise-Buch gibt mit dem makabren Titel: How to kill yourself abroad, der Atlas für Waghalsige, Leichtsinnige und Lebensmüde.

Overtourism wird das Phänomen genannt. Schuld sind in den Augen der Experten die Billigflieger und die privaten Zimmeranbieter. Oder vielleicht doch die Chinesen, weil sie auch mittlerweile zu Weltentdeckern geworden sind. Wer weiß. Es gibt genug Steuerungsmechanismen.

Ich bin dann trotzdem auch mal weg. Und in Italien. Ich werde aber einen riesigen Bogen um Venedig, die Uffizien und Rom machen.

Die Autorin

Christine Kamm (53) aus Ludwigshafen arbeitet seit 2012 im Sportressort der RHEINPFALZ.

Die Kolumne

Christine Kamm und Sigrid Sebald schreiben abwechselnd in der Online-Kolumne "Ich sehe das ganz anders" über die großen und kleinen Überraschungen sowie Absurditäten des Alltags.