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Mittwoch, 12. April 2017 Drucken

Südwest

Kälteschauer im Spukhotel

Von Christoph Hämmelmann

Der Putz bröckelt: In der „Waldlust“ logierten einst Filmstars und der Hochadel, seit 2005 steht das frühere Luxushotel im Schwarzwald leer. (Foto: häm)

Verrammelt: Weil ihre Fenster zum Schutz vor Eindringlingen mit Brettern vernagelt wurden, ist es in der „Zwitscherstube“ im Untergeschoss normalerweise stockdunkel. (Foto: häm)

Jäger der verlassenen Orte (von links): Beate Hagendorf, Maximilian Brauer und Jasmine Saling. (Foto: häm)

Mit "Lost Places"-Fotografen auf Tour

Sie spüren auf, was Menschen verlassen und verrammelt haben: Die Ruinen-Erkunder der Gruppe „Verlassene Orte Pfalz“ lieben alte Bunker, stillgelegte Fabriken, geräumte Kasernen. Fotos ihrer Touren zeigen sie hinterher ihren Fans im Internet. Doch wo die Bilder entstanden, halten sie oft geheim. Die RHEINPFALZ war mit ihnen in einem verfallenden Luxus-Hotel.

 

Freudenstadt/Germersheim. Die berüchtigten Kälteschauer wabern tatsächlich. Und jetzt gleißt urplötzlich auch noch blendendhelles Licht durch den finsterverwinkelten Keller, obwohl dessen Fenster zugebrettert und die Elektroleitungen längst gekappt sind. Nicht mehr geheuer, heißt es, ist es in der „Waldlust“, weil im Jahr 1949 und fünf Etagen weiter oben eine Hoteldirektorin dahingemeuchelt wurde. Die unglückselige Adele B. soll seither Menschen frösteln, Gläser wackeln und Aufzüge losruckeln lassen, sich bisweilen gar höchstselbst, wenn auch weiß verschleiert, zeigen.

"Ah, ihr seid das!" - Man kennt sich in der Ruinen-Szene

 

Doch es ist ein quicklebendiger Pfälzer im schwarzen Kapuzenpullover, der in der unterirdischen „Zwitscherstube“ so jählings Tageslicht vortäuscht: Wo sich Grandhotelgäste einst in holzvertäfelter Traulichkeit der Trunkenheit hingaben, hat Maximilian Brauer seine Taschenlampe eingeschaltet. 3200 Lumen Helligkeit, 400 Meter Reichweite, Scheinwerferlicht, Rotlicht, diffuses Licht, normalerweise kostet das mehr als 150 Euro. Dem aus Rülzheim (Kreis Germersheim) stammenden 30-Jährigen allerdings hat der Hersteller diese Wunderlampe, auf ein wenig Werbung hoffend, einfach so spendiert.

 

Selbstbezahlte Ausrüstung im Wert eines Kleinwagens schleppt der Lastwagenfahrer trotzdem herbei. Denn er und eine Handvoll Pfälzer Mitstreiter ziehen alle paar Wochen los, um irgendwo zu erkunden, was, von Menschen erst erbaut und dann verlassen, nun vor sich hin bröckelt: alte Bunker, stillgelegte Fabriken, geräumte Kasernen. Die Fotos ihrer Touren haben sie bekannt gemacht, andere Ruinen-Erkunder erkennen diese Truppe bei zufälligen Begegnungen an düsteren Stätten schon wegen der schwarzen Westen mit dem weißen Aufdruck „Verlassene Orte Pfalz“: „Ah, ihr seid das.“

Der Hotel-Überrest öffnet ein paarmal im Jahr eigens für Ruinen-Fans

 

Dazu kommen all die Fans, die sich damit begnügen, die schaurige Schönheit des Verfalls im Netz zu bewundern. 11.000 Facebook-Nutzer haben schon auf „Gefällt mir“ geklickt. Doch viel Aufmerksamkeit hat auch einen Nachteil. Andere Ruinen-Fans wagen Touren, die gestrenge Gesetzeshüter als Hausfriedensbruch einstufen würden. Brauers Chef-Organisatorin Jasmine Saling aus Germersheim hingegen beteuert: „Wir machen alles nur legal.“ Also müssen sie Eigentümer finden, um Erlaubnis bitten, Termine absprechen. Oder dorthin fahren, wo man die Ruinen-Fotografen ausdrücklich einlädt.

 

Die „Waldlust“ im Schwarzwald-Kurort Freudenstadt öffnet ein paarmal pro Jahr und gegen einen erklecklichen „Denkmalerhaltungsbeitrag“. Dann kommen eine Menge Besucher, manche fahren für ein paar kälteschaurige Stunden viele Hundert Kilometer. Immerhin ist das einstige Grandhotel sogar schon als Kulisse in einem Horrorfilm zu Gruselruhm gekommen. Jasmine Saling hat herausverhandelt, dass die nette Dame vom örtlichen Denkmalverein die Pfälzer schon vor allen anderen hereinlässt. Und ihnen, sanft schwäbelnd, ganz exklusiv erzählt, was man über das Haus wissen muss.

Auch der König von Schweden war schon da

 

So erfahren die Besucher zum Beispiel: dass das Hotel ab 1902 entstand. Dass es so verwinkelt ist, weil es um einen älteren Gebäudekern herumgebaut wurde. Dass es das erste im weiten Umkreis war, das den betuchten Gästen Suiten mit eigenen Badezimmern bot. Dass hier Show- und Filmstars ebenso logierten wie die Königinmutter der Niederlande und der König von Schweden. Dass der Hotelbetrieb im Jahr 2005 eingestellt wurde, sich seither alle Pläne für einen Neuanfang zerschlugen. Und: dass nichts dran sei an der Geistergeschichte von der dahingemeuchelten Hoteldirektorin.

Nein, eine Frau B. ist hier nicht gestorben

 

Noch nicht einmal das natürliche Ableben einer Adele B. im vierten Stock sei für das Jahr 1949 belegt, vom einem Mord ebenda ganz zu schweigen. Gefahr lauert trotzdem: im benachbarten Gesindehaus zum Beispiel, das schon halb zusammengekracht und deshalb ganz gesperrt ist. Und oben auf dem Dachstuhl, wo ein Aufzugsschacht nur notdürftig abgedeckt ist. Doch erst einmal steigen die Pfälzer hinab in den Moderdunst der „Zwitscherstube“. Und in den Spa-Bereich mit Dampfbad, Saunakabine und Tauchbecken, der erst kurz vor Ende des Beherbergungsbetriebs eingebaut worden sein kann.

Wo der Lack am mondänsten bröselt

 

Bis heute hält ein tapferer Tesafilmstreifen das Papierblatt an der Wand, das verkündet, in welchen längst verschwundenen Korb die benutzten Handtücher zu legen sind. Überhaupt, Aushänge scheinen sich von allgemeinem Verfall nicht beirren zu lassen: Ein weiterer Zettel mahnt von einer Türe herab zur Ruhe, auf dass die Konzentration der dahinter brütenden Tagungsgäste ungestört bleibe. Die Pfälzer Ruinen-Erkunder stapfen trotzdem rumpelnd und schnaufend eine hölzerne Personalstiege hinauf, bis ins satte Holzaroma des Dachgebälks. Und dann wieder eine Etage hinab in den vierten Stock.

 

Hier reiht sich Edelzimmer an Edelzimmer, fälteln sich bunte Stoffbahnen pompös um die Pfosten seit Jahren unbeschlafener Himmelbetten, bröselt weißer Lack besonders elegant von den Zimmertüren. Und: Hier soll Adele B. 1949 vom Leben zum Tode gebracht worden sein. Mag die nette Dame vom Denkmalverein ihr Schlosshotelgespenst auch ins Sagenreich verbannt haben, mit den Kälteschauern wabert auf einmal eine Frauengestalt über den langen Flur. Doch auch diese junge, sehr schlanke Blondine ist quicklebendig und auf Fototour. Sie bewegt sich nur ganz leise, um nicht zu stören.

 

So alleine wie sie würden die Pfälzer niemals losziehen. Aus Sicherheitsgründen. Und ein wenig vielleicht auch, weil man nur als Mitglied einer Gruppe die Gelegenheit hat, sich in einem der insgesamt 80 Zimmer im Schrank zu verstecken und kichernd herauszupoltern, wenn der Rest der Mannschaft auch endlich da ist. Demnächst soll „Verlassene Orte Pfalz“ auch ein richtiger Verein werden, zugleich aber eine verschworene und verlässliche Truppe mit ehernen Grundsätzen bleiben. Einer davon heißt: Ein verlassener Ort hat nach dem Besuch noch haargenau so auszusehen wie vorher.

"Jeder Ort erzählt seine Geschichte“

 

Mit um so tadelnderem Unterton erzählt Maximilian Brauer, wie rasend schnell verwüstet wird, was sachte vor sich hin rotten durfte, ehe jemand Bilder ins Netz gestellt hatte. Also halten die Pfälzer oft geheim, wo sie ihre Fotos gemacht haben. Auf dass erhalten bleibt, was sie gesehen haben. Brauer sagt: „Jeder Ort erzählt seine Geschichte, man muss sie nur verstehen.“ Die „Waldlust“ berichtet von einem Niedergang mit 140 Betten, 100 Sonnenbalkonen und grandioser Aussicht, der schon lange vor der Schließung eingesetzt haben muss: Je jünger die Möbel eines Zimmers sind, desto billiger wirken sie.

 

Im Erdgeschoss mit Lobby, Bar und großem Saal hingegen funkelt bröckelnde, aber ansonsten ungebrochene Eleganz: Ein silberner Armleuchter spiegelt sich in einem nur ganz langsam erblindenden Spiegel, blumige Stuckgirlanden ranken sich an den Pfeilern empor, lüsterne kleine Relief-Satyrn schielen gierig auf üppige Frauenbusen. Und selbst das samtene Sofa auf der kleinen Musikerbühne hinter der Tanzfläche hat sich den Rot-Ton seines Bezugs noch leidlich bewahrt. Die Fotos der Pfälzer werden, darauf sitzend, zwei gespenstische Gestalten zeigen.

Die anderen Gäste bleiben unsichtbar

 

Mit aufs Stativ montierter Kamera und einem Belichtungstrick hat Maximilian Brauer Jasmine Saling zu einem nahezu durchsichtigen Wesen werden lassen. Und seine Freundin Beate Hagendorf. Die kommt aus Nordrhein-Westfalen, kennengelernt haben sich die beiden, natürlich, an einem verlassenen Ort, der so verlassen offenbar doch nicht war. Durchs verödete Grandhotel stromern inzwischen ebenfalls Dutzende Ruinen-Erkunder. Und zwischen ihnen, plötzlich: eine schlossgespenstig weißverschleierte Frau. Doch auch sie: quicklebendig, posiert bloß für einen der vielen Fotografen.

 

Auf den Bildern der Pfälzer hingegen werden, dank ein paar technischer Kniffe, vor allem Stockflecken, bröckelnder Putz und zerschlissene Stoffe überdeutlich hervortreten. Die anderen Kurzzeit-Gäste des verlassenen Grandhotels bleiben unsichtbar. So wie die berüchtigten Kälteschauer, die weiter durch die „Waldlust“ wabern.

 

Im Netz

 

In der Pfalz haben die Ruinen-Fotografen schon ein gutes Dutzend Stätten wie den Bunker in Kindsbach und die Stadtkaserne in Germersheim erkundet. Fotos ihrer Touren veröffentlichen sie auf der Seite www.verlassene-orte-pfalz.de. — Weitere Aufnahmen aus der „Waldlust“ stehen unter www.rheinpfalz.de. Mehr über die Schwarzwald-Tour berichtet RHEINPFALZ-Redakteur Christoph Hämmelmann auch im Internet-Tagebuch der Redaktion: blog.rheinpfalz.de.