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Sonntag, 04. März 2018 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Jan Josef Liefers hat viele Gesichter (mit Video)

Von Anna Heidt

Jan Josef Liefers ist ein Mann mit vielen Gesichtern – und mit einem Sinn für Gerechtigkeit. Seit mehr als zehn Jahren ist er Botschafter der NCL-Stiftung, die die Erforschung von Kinderdemenz fördert.

Jan Josef Liefers ist ein Mann mit vielen Gesichtern – und mit einem Sinn für Gerechtigkeit. Seit mehr als zehn Jahren ist er Botschafter der NCL-Stiftung, die die Erforschung von Kinderdemenz fördert. ( foto: WDR/Markus Tedeskino)

Als kauziger Rechtsmediziner Boerne ist er Deutschlands beliebtester „Tatort“-Ermittler, musikalisch hat er sich als Stimme der Band „Radio Doria“ einen Namen gemacht. Für sein soziales Engagement ist Jan Josef Liefers am Samstagabend in Landau mit dem Hans-Rosenthal-Ehrenpreis ausgezeichnet worden.

Mir scheint, es sind drei Seiten“, singt Jan Josef Liefers auf dem Album seiner Band „Radio Doria“ über die verschiedenen Gesichter unseres Selbst. Eine Songzeile, die auch sein Leben in Worte fasst. Im Gespräch mit dem 53-Jährigen wird schnell deutlich, dass er sich nicht nur in Film und Fernsehen in vielen Rollen bewegt: Sein wohl bekanntestes Ich trägt Bart und Brille, ist schlagfertig, selbstverliebt, snobistisch. In den Köpfen der Fernsehzuschauer ist und bleibt der Schauspieler vor allem Professor Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne – Münsteraner Tatort-Rechtsmediziner und Lieblingsnervensäge der Nation. Sein zweites Gesicht zeigt Liefers auf der Bühne als Sänger der Band „Radio Doria“, die ursprünglich „Oblivion“ hieß. Seine dritte Seite kennen hingegen nur wenige: Die eines Mannes, der fast schon allergisch auf Ungerechtigkeit reagiert und sich seit vielen Jahren sozial engagiert. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass es für mein Konzept vom Leben – so wie ich gerne leben will – nicht ohne diesen Einsatz geht“, sagt Liefers. Für sein Mitwirken im Kampf gegen Kinderdemenz hat der Berliner gestern Abend in Landau den Hans-Rosenthal-Ehrenpreis bekommen. „Es gibt ja viele Launen der Natur“, findet Liefers, aber diese sei besonders tückisch. Die Kinderdemenz NCL ist eine tödliche, bislang kaum erforschte Stoffwechselkrankheit. Zunächst entwickeln sich die betroffenen Kinder ganz normal. Dann, meist im Einschulungsalter, geht es rapide bergab. Unbehandelt verlernen Kinder alles, was sie können: sprechen, laufen, sehen, essen, schlucken. Sie entwickeln sich rückwärts, bis sie – meist noch vor ihrem 30. Lebensjahr – sterben. In Deutschland leiden rund 700 Kinder an NCL, weltweit geht man von 70.000 Fällen aus. Die NCL-Stiftung in Hamburg, deren Botschafter Liefers ist, setzt sich vor allem für die Erforschung der juvenilen NCL ein (Beginn mit fünf bis zehn Jahren), um den betroffenen Kindern eine Aussicht auf bislang fehlende Therapie- und Heilungsansätze zu geben.

Ein Stück Glück weitergeben

 

Der Schauspieler und Musiker sieht in seiner Arbeit für die Stiftung eine Möglichkeit, ein kleines Stückchen Glück aus seinem Leben weiterzugeben. „Es ist alles wahr geworden, wovon ich früher geträumt habe“, meint Liefers, der angeblich schon mit 14 Jahren wusste, was er werden wollte: Schauspieler. Damals sah es für den 1964 in Dresden geborenen Jungen nicht danach aus, als würde sein großer Traum in Erfüllung gehen. Seine Eltern waren ebenfalls Schauspieler und galten in der DDR als Intellektuelle, weshalb Liefers das Abitur verwehrt blieb. Um doch noch an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin angenommen zu werden, machte er erst mal eine Ausbildung zum Schreiner am Theater („Meine Abschlussarbeit war ein Thron“). Sein Plan ging auf: Die Schauspielerei sei seine Nische, seine Insel, sein Schleichweg durch die Niederungen des real existierenden Sozialismus gewesen, schreibt Liefers in seiner Autobiografie „Soundtrack meiner Kindheit“. Die Schauspielerei war es auch, die Liefers vor der Armee bewahrte. Nach der Schauspielschule erhielt er ein Engagement am Deutschen Theater und wurde für drei Jahre vom Wehrdienst freigestellt. Als dann – im Jahr 1989 – die Einberufung kam, beschloss er, den Dienst zu verweigern. Schlussendlich bewahrte der Mauerfall ihn vor dem Gefängnis.

1989 vor Hunderttausenden Menschen gesprochen

 

Es ist auch die Zeit, in der sich der politische Mensch Jan Josef Liefers öffentlich einmischt. Am 4. November 1989 spricht der Schauspieler vor Hunderttausenden Menschen bei der Alexanderplatz-Demonstration, der größten in der DDR-Geschichte. Seine Rede endet mit den Worten: „Die vorhandenen Strukturen, die immer wieder übernommenen prinzipiellen Strukturen lassen Erneuerung nicht zu. Deshalb müssen sie zerstört werden.“

Kontakt zu Andersdenkenden halten

 

Auf seinem aktuellen Album „2 Seiten“ feiert der Sänger eben dieses Gefühl des Zusammenseins, das damals viele empfanden. Obwohl er weiß, dass die Menschen in Deutschland heute mehr zu spalten als zu einen scheint. „Wir verwenden viel negative Energie, um uns voneinander abzugrenzen“, meint Liefers. Der Ton im Internet, aber auch in der Politik sei aggressiv und verächtlich geworden. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten ist es dem 53-Jährigen wichtig, den Kontakt zu Andersdenkenden zu halten, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit zu spüren. „Alles Gute in der Geschichte der Menschheit ist aus einem Zusammenwirken der Leute entstanden und nicht aus einem Gefühl von Hass und Abgrenzung“, sagt er. Es sind Sätze wie diese im Gespräch mit Jan Josef Liefers, die den Eindruck erwecken, der Mann plane neben der Schauspielerei und dem Musikerdasein eine dritte Karriere – in der Politik. Das aber verneint er vehement: „Ich konnte mir nie vorstellen, in die Politik zu gehen“, betont Liefers.

Musik als Herzensangelegenheit

 

Vielleicht ist der Terminkalender des Schauspielers/Musikers/Familienvaters aber auch einfach zu voll, um neben Band- künftig auch noch auf Wahlkampftour zu gehen. Zwischen Auftritten mit Ehefrau Anna Loos auf dem Roten Teppich bei der Berlinale und Goldenen Kamera, tourt er mit seiner Rockband quer durch Deutschland. Bereits 1999 erschien die erste Single „Jack’s Baby“ zum gleichnamigen Fernsehfilm. Für Liefers ist die Musik eine Herzensangelegenheit. „Ich muss nicht so tun, als wäre ich jemand anders, ich kann ich selbst sein“, nennt er einen Grund für seine Liebe zu Musik. Auch sei es großartig, mal keine Worte in den Mund gelegt zu bekommen, meint der Berliner, der alle Songs selbst schreibt.

Tatort-Rolle gerne noch länger

 

Seinen Job als Schauspieler möchte er in naher Zukunft trotz seines Erfolgs mit der Musik nicht an den Nagel hängen. Ende vergangenen Jahres endeten die Dreharbeiten für den neuen Münsteraner Tatort „Affentheater“. Es ist der 33. Fall für das Ermittler-Duo Thiel und Boerne, das auch nach 15 Jahren immer noch Zuschauerrekorde knackt. Und wenn es nach Jan Josef Liefers geht, schlüpft er gerne noch ein paar Jahre länger in die Rolle des Herrn Professor. „Wir haben mal gesagt, wir hören auf, wenn es am schönsten ist“, erzählt Liefers. Aber leider könne man diesen Zeitpunkt ja schwer im Vorhinein bestimmen. Zu viel analysieren möchte Liefers solche Entscheidungen ohnehin nicht. Schließlich sei man nie davor gefeit, auch mal den falschen Schluss zu ziehen.

 "Scheitern gehört zum Erfolg"

 

Von außen betrachtet scheint es nicht so, als habe der Mann mit den vielen künsterischen Seiten schon mal so richtig danebengelegen in seinem Leben. Trotzdem hat er seinen Fehlern auf dem Album „2 Seiten“ gleich ein ganzes Lied gewidmet. „Natürlich würde ich lieber keine Fehler machen, aber Scheitern gehört schlussendlich zum Erfolg dazu“, meint er. Wann immer in seinem Leben etwas schiefgelaufen sei, habe er nach etwas Gutem gesucht. Das schönste Bild vom Scheitern ist für Liefers die Szene im Schwarz-Weiß-Film „Alexis Sorbas“ aus dem Jahr 1964, als Anthony Quinn und Alan Bates nach dem Scheitern ihres Bergwerkprojekts lachend am Strand Sirtaki tanzen. „Wenn du nicht auch Spaß am Scheitern haben kannst, musst du gar nicht erst anfangen“, findet Liefers.