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Samstag, 14. Juli 2018 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Interview: Wie lebt es sich als Treuetester?

Ein Interview von Anne Lenhardt

Treuetesterin Therese Kersten hat als Lockvogel gearbeitet und Menschen in Versuchung geführt. (Foto: Lukas Beck)

Therese Kersten prüft seit acht Jahren, ob bestimmte Männer und Frauen in der Liebe untreu sind. Ihr Leben als Lockvogel hat sie nun in einem Buch dokumentiert – samt einiger skurriler Geschichten.

Frau Kersten, Sie haben ein Buch über Ihr Leben als Treuetesterin geschrieben und berichten darin von Männern und Frauen, die ihre Partner betrügen. Haben Sie selbst mal betrogen?

 

Ja, ich habe einmal jemanden betrogen und wurde auch betrogen. Letzteres war auch der Auslöser dafür, dass ich 2010 in Wien meine Agentur „Die Treuetester“ gegründet habe. Ich war damals 19, und meine große Liebe hatte mich betrogen. Für diesen Mann war ich von Deutschland nach Österreich gezogen. Was ich nicht wusste, war, dass er ein Doppelleben geführt hat – ganz bewusst, das war kein Ausrutscher. Er ist mit anderen Frauen fremdgegangen, hat mit seiner Ex-Freundin sein Leben geteilt.

 

In Ihrer Agentur bieten Sie verschiedene Treuetests an. Das reicht von einfachen SMS-Flirts bis hin zu Spermaspurentests. Wer sind Ihre Kunden?

 

Einen bestimmten Typ Mensch gibt es da nicht. Was man sagen kann, ist: Wir bekommen zwischen 30 und 70 Aufträge pro Monat, besonders viel Arbeit haben wir im Frühling und um Weihnachten herum. Kunden investieren im Schnitt 75 Euro für unsere Dienste. Sie sind zwischen etwa 18 und 60 Jahre alt. Und: 80 Prozent von ihnen sind Frauen.

 

Weil Frauen grundsätzlich skeptischer sind, was die Treue ihres Partners angeht?

 

Ich denke schon, dass Frauen misstrauischer sind, weil sie noch immer ein grundlegendes Sicherheitsbedürfnis und den Wunsch nach einer funktionierenden Familie haben. Der Mann ist und bleibt der Versorger dieser Familie. Emanzipation hin oder her: Ich glaube, dass heute noch immer viele Frauen nach diesem Familienbild leben.

 

Sie beschäftigen mittlerweile rund 600 Lockvögel für die Treuetests. Was sind das für Menschen?

 

Unsere Lockvögel sind wie unsere Kunden ganz unterschiedliche Typen. Manche von ihnen sind Anfang 20, andere Mitte 50. Manche studieren, andere sind selbstständig. Wir wollen eine große Auswahl an Typen, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Ich lege großen Wert darauf, dass wir nicht nur Model-Typen als Testerinnen und Tester haben. Sie sollen natürlich sein und die Ansprache der Testperson soll realistisch sein. Heißt: Manchem Herrn kann ich keine junge, schlanke, attraktive Frau schicken, weil sie ihn außerhalb der Testsituation nie angesprochen hätte. Das muss alles passen.

 

Wie oft erwischen Ihre Lockvögel untreue Partner?

 

Wir haben da keine Trefferquote oder Ähnliches. Treue ist Definitionssache. Da entscheidet der Kunde, was für ihn oder sie zu weit geht. Unsere Tests werden protokolliert und die Ergebnisse an den Kunden weitergegeben. Letztlich entscheidet er, ob die Testperson untreu war oder nicht.

 

Haben Sie manchmal Mitleid mit Ihren Kunden, wenn der Partner fremdgegangen ist?

 

Am Anfang hatte ich das. Mittlerweile hat sich das aber gelegt. Ich sehe von deren Beziehung ja nur einen kleinen Ausschnitt und kann nicht beurteilen, warum der Partner so gehandelt und entschieden hat. Da möchte ich mir kein Urteil erlauben und da hält sich mein Mitleid dann auch in Grenzen.

 

Finden Sie es nicht unfair den Testpersonen gegenüber, sie mit einem Lockvogel in Versuchung zu führen?

 

So argumentieren nur die Menschen, die sich in Versuchung führen lassen und ertappt werden. Gerade Männer beschreiben das oft so in beleidigenden Zuschriften, die ich bekomme – und das nicht mal von den getesteten Personen, sondern einfach von Menschen, die in der Presse über mich gelesen haben.

 

Und was antworten Sie dann?

 

Gar nichts. Auf solche Nachrichten reagiere ich nicht. Das ist mir den Tastenanschlag nicht wert.

 

Sind Ihre Kunden nach dem Treuetest zufrieden, weil sie Gewissheit haben?

 

Ich glaube, viele Kunden können da trotz eines eindeutigen Ergebnisses im Treuetest keinen Schlussstrich ziehen. Viele trennen sich auch nicht, sondern führen die Beziehung weiter. Deswegen finde ich die Aussage, dass Agenturen wie „Die Treuetester“ Beziehungen auseinanderbringen, ziemlich weit hergeholt. Es kann genauso sein, dass wir einer Beziehung einen Neustart verschaffen, weil beide Partner über ihre Probleme gesprochen haben.

 

Auf Ihrer Webseite zählen Sie Anzeichen auf, an denen man erkennt, ob der Partner fremdgeht: Er schaut öfter auf das Handy, hat plötzlich neue Hobbys, macht Überstunden. Ist die Diagnose Untreue so banal?

 

Gerade heute sagt das Handyverhalten des Partners viel darüber aus, was mit ihm los ist. Wenn er beispielsweise ständig das Handy versteckt, sollten die Alarmglocken losgehen. Das macht niemand ohne Grund. Nur, wenn man etwas zu verheimlichen hat. Den Satz „Du gehst bitte nicht an mein Handy“ sollte es in einer Beziehung gar nicht geben. Gerade Frauen haben ein sehr gutes Bauchgefühl dafür, wenn etwas nicht stimmt. Diese Anzeichen sind natürlich nicht alleine für sich zu verstehen. Man muss die Gesamtsituation betrachten.

 

Woher nehmen Sie denn Ihre Expertise, was die Treue in Paarbeziehungen angeht?

 

Ich mache den Job seit acht Jahren und die SMS-Tests auch heute noch alle selbst. Da bekomme ich täglich Nachrichten, die tief blicken lassen in eine Beziehung, deren Probleme und in das, was schon alles vorgefallen ist. Daraus beziehe ich die Erfahrung und kann dann sagen, ob ein Anzeichen wirklich ernstzunehmen ist.

 

Was ist der kurioseste Testfall, den Sie bisher hatten?

 

Definitiv der Karotten-Mann. Das war das Skurrilste, was ich je erlebt habe. Ein Kunde hatte für mehrere Tausend Euro die Slips seiner Frau auf Spermaspuren anderer Männer testen lassen – aus verschiedenen Gründen ohne eindeutiges Ergebnis. Eines Tages schickte er verschimmelte Karotten – weil er glaubte, ein anderer Mann hätte damit und mit seiner Frau Spaß gehabt. Da habe ich auch gedacht: „Oh mein Gott, das kann wirklich nicht wahr sein.“