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Sonntag, 01. Juli 2018 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Im Reich der Artefakte

Kopierte Griffe eines Hufwirkmessers mit Minerva, der römischen Göttin des Handwerks, der Kunst und der Weisheit.

Kopierte Griffe eines Hufwirkmessers mit Minerva, der römischen Göttin des Handwerks, der Kunst und der Weisheit. ( Foto: Esswein)

Im Praktikum hat Ralf Eßwein ein Team in den Iran begleitet, das die Salzmumien von Zanjan erforscht.

Im Praktikum hat Ralf Eßwein ein Team in den Iran begleitet, das die Salzmumien von Zanjan erforscht. ( Foto: Esswein)

Unter den „Salzmännern von Zanjan“ ist ein 16-jähriger Junge. Er wurde im Bergwerk von einem Felsen erdrückt.

Unter den „Salzmännern von Zanjan“ ist ein 16-jähriger Junge. Er wurde im Bergwerk von einem Felsen erdrückt. ( Foto: Esswein )

Ralf Eßwein untersucht eine Zierscheibe aus Iran.

Ralf Eßwein untersucht eine Zierscheibe aus Iran. ( Foto: Ruske)

Die Studenten Kristina Feller und Malte Donath arbeiten im zweiten Semester in der Abformerei.

Die Studenten Kristina Feller und Malte Donath arbeiten im zweiten Semester in der Abformerei. ( Foto: Esswein)

Die Silikonform ist Teil des komplexen Arbeitsprozesses beim Abformen.

Die Silikonform ist Teil des komplexen Arbeitsprozesses beim Abformen. ( Foto: Esswein)

Von den Anfängen der Menschheit bis zum Mittelalter: Das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz ist zugleich Forschungsinstitut und Museum für Archäologie.

In der Abformerei bilden Studenten historische Fundstücke nach, die von den Originalen kaum zu unterscheiden sind. Ein Werkstattbesuch. Von Natascha Ruske

Einmal im Jahr läuft „Sultans of Swing“ in den Restaurierungswerkstätten des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz. Auf dem Plattenspieler dreht sich beim Tag der offenen Tür aber keine original Dire-Straits-Single. Den Mark-Knopfler-Sound liefert eine Kopie aus gelblich glänzendem Kunststoff, hergestellt von Studenten. Die mit einer Silikonform und im Ausgussverfahren kopierte Platte soll Besuchern veranschaulichen, wie exakt in der Abformerei des Museums gearbeitet wird. „Die Oberfläche ist so abartig genau, dass das Lied läuft“, sagt Eßwein. Der Südpfälzer studiert im vierten Semester Archäologische Restaurierung. Die Plätze für den dualen Studiengang sind rar: Nur vier Lehrlinge nimmt das Mainzer Museum im Jahr an. „Manche probieren es seit Jahren“, erzählt Eßwein. Der Kunstschmied mit eigener Werkstatt in Germersheim hat es auf Anhieb nach Mainz geschafft. Ein paar Referenzen dürften bei der Bewerbung geholfen haben: Für das nachgebaute Römerschiff „Lusoria Rhenana“, das am Neupotzer Setzfeldsee liegt, hatte Eßwein 3500 Nägel rekonstruiert. Mit Studenten der Uni Trier bildete er in seiner Werkstatt antike Geschützkatapulte nach. Danach war er vom „Arbeiten mit alten Dingen“ angefixt. Nach einem dreimonatigen Vorpraktikum am Mainzer Museum hatte der Schlossermeister im Spätsommer 2016 den Ausbildungsvertrag in der Tasche.

„Wir beginnen dort, wo ich angefangen hab“, sagt Eßwein zwei Jahre später beim Rundgang durch die Werkstätten des Museums. In der Abformerei. „ Hier werden wissenschaftliche Kopien hergestellt.“ Für Ausstellungen, zu Forschungszwecken oder um das kulturelle Erbe zu sichern. „Es gibt Artefakte, die längst durch Brände oder Kriege zerstört sind. Aber Kopien davon sind hier noch erhalten“, erklärt Eßwein. Das Abformen hat Tradition in dem 1852 gegründeten Museum im kurfürstlichen Schloss. Es besitzt eine der weltweit größten Kopiensammlungen archäologischer Funde im europäischen Raum. Die Studenten arbeiten hier mit Gips, Kunstharzen, Silikon oder Schellack. Die Werkbank trägt die Spuren vieler Erstsemester. Sie haben Schmuckstücke und Gefäße nach antikem Vorbild kopiert – und eine Dire-Straits-Platte.

„Die geformten Objekte müssen koloriert werden“, erklärt Ralf Eßwein hinter der nächsten Tür. Auf den Regalen dieser Werkstatt stehen Vasen aus speckigem Elfenbein, glänzendem Marmor und blauem Lapislazuli. Der Werkstatt-Azubi nimmt eine grünlich schimmernde Gewandschließe hoch. „Das ist eine nordische Plattenfibel aus Haimberg.“ Was aussieht wie korrodierte Bronze ist in Wirklichkeit eine Patina aus wasservermalbarer Ölfarbe. Die vermeintlich 2900 Jahre alte Fibel, eine Art frühe Sicherheitsnadel, ist ein Fake. Eine täuschend echte Arbeit der Studenten. Mit feinen Pinseln und Schwämmchen trainieren sie in der Kolorierwerkstatt ihr feinmanuelles Geschick. Dieses ist bei der Auswahl der Bewerber entscheidend: Im Vorpraktikum muss jeder geeignete Kandidat unter anderem eine in winzige Teile zerborstene Glühbirne zusammenpuzzeln. „Eine Heidenarbeit“, erinnert sich der 42-Jährige an erste Erfahrungen in der Glaskonservierungswerkstatt.

„Im Vorpraktikum sehen wir, ob die Leute überhaupt handwerkliche Fähigkeiten oder Potenzial haben, sich zu entwickeln“, erklärt Jasmin Harth. Die Leiterin der Keramikwerkstatt forscht mit Studenten aktuell an Funden aus einem 2500 Jahre alten Urnengrabfeld bei Wörgl in Tirol. Die Sandklumpen und Tonscherben im Gipsmantel auf der Arbeitsplatte sind sogenannte Blockbergungen. „Man kann nicht alles am Fundort ausgraben. Deshalb wird ein Block abgestochen und der Rest in der Werkstatt bearbeitet“, erläutert Eßwein. „Jeder Schritt wird dokumentiert, jede abgetragene Schicht gezeichnet. Am Ende entsteht ein komplettes 3D-Modell.“

Hin und wieder geht’s für die Restauratoren auch raus aus der Werkstatt und an den archäologischen Fundort. „Wir müssen Grabungs- und Museumspraktika machen“, sagt Eßwein. Im Frühjahr war er drei Wochen im Iran. 1994 entdeckten dort Arbeiter in einem Salzbergwerk in der Provinz Zanjan die Überreste von mumifizierten Menschen. In den Folgejahren gab es weitere Funde. „Sie waren alle bei Grubenunglücken in verschiedenen Jahrhunderten gestorben“, erklärt Eßwein. „Das Bergwerk war seit mindestens 600 vor Christus bis in die Neuzeit in Betrieb.“ Ein Team von Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und Iran hat im März aktuelle Forschungsergebnisse zu den Salzmännern von Zanjan vorgestellt. Praktikant Eßwein hat Tierhaare, Federn, Pflanzen und Textilreste inventarisiert. „Alles zusammen gibt einen einzigartigen Einblick in die Mode und Arbeitsweise der damaligen Zeit.“ Wie der Fetttopf am Gürtel eines 16-jährigen Bergmanns. „Er hat sich damit die Hände eingecremt.“ Wenig später wurde der Junge bei der Arbeit im Bergwerk von einem Felsen erschlagen.

Die Praktika suchen sich die Studenten selbst. Den Großteil der Reisekosten übernimmt das Mainzer Museum. „Das ist ein super Luxus hier“, weiß der Südpfälzer. Überhaupt sei die Ausbildungsvergütung im öffentlichen Dienst nicht schlecht. Mit seinem Stipendium für Begabtenförderung reicht’s für ein kleines Zimmer mit Fertigdusche in der Landeshauptstadt. Zum Leben zwischen den beiden Wohnorten Mainz und Germersheim bleibt auch was übrig.

Die angehenden Restauratoren sollen in den Werkstätten nicht nur ein Gefühl für Materialien entwickeln. „Man muss nachvollziehen können, wie etwas hergestellt wurde“, erklärt Eßwein. In der Goldschmiede-Werkstatt rekonstruieren sie Arbeitsabläufe, lernen Biegen und Punzieren (also das Prägen in Metall oder Leder), Kupfertreiben und Gravieren. Und alles „mit Mitteln, die man früher hatte“.

Im laufenden Semester arbeitet der Südpfälzer in der Werkstatt, in der ein Schuh der Gletschermumie Ötzi restauriert wurde. „Hier werden Buntmetalle, Textilien und Leder bearbeitet“, erklärt er. Unter seinem Mikroskop liegt eine vorchristliche Zierscheibe aus Iran. Am Arbeitsplatz daneben legt eine Kommilitonin mit filigranen Werkzeugen einen Block frei, der aus einem mittelalterlichen merowingischen Gräberfeld geborgen wurde: die Überreste von Kopf, Gebiss und Halswirbel einer Frau mitsamt Silberohrring. „Die Dame hatte starken Zahnausfall“, sagt Nikola Will. Nach dem Abitur hat sie Praktika gemacht, unter anderem im rheinischen Landesmuseum Trier. Bewerber, die keine Berufsausbildung haben, müssen zweieinhalbjährige Praktika vorweisen. Nur dann haben sie überhaupt die Chance auf die Ausbildung am Museum. Das Vorpraktikum in Mainz kommt obendrauf. Viele der Studenten sind Goldschmiede, es gibt auch Zahntechniker, Archäologen, Tischler und andere Handwerker unter ihnen.

In seiner eigenen Schmiede in Germersheim arbeitet Eßwein kaum noch. Zeit mit seiner kleinen Tochter zu verbringen, ist wichtiger. Und dann ist da noch Gretchens Pudel. Mit seiner Band – der Name spielt mit Figuren aus Goethes „Faust“ – produziert er gerade eine weitere CD mit Volks- und Kinderliedern, vertonten Gedichten von Rilke, Heine und anderen deutschen Dichterfürsten. Gretchens Männer rekonstruieren nicht. Sie recyceln verstaubtes Liedgut, verpassen „Hänschen klein“ ein Jazz-Outfit. „Wir erfinden alte Lieder neu“, meint der Frontsänger.

Die Überbleibsel der Vergangenheit lassen ihn auch bei seiner Musik nicht los.