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Sonntag, 13. Januar 2019 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

HIV-Schnelltest: Fehlende Erklärungen im Beipackzettel

Eine Einordnung von Christian Gruber

Seit Kurzem gibt es einen HIV-Schnelltest für jedermann. Er zeigt an, ob man positiv ist oder nicht. Was aber zeigt er tatsächlich? Das werde nirgends erklärt, kritisiert ein Forscher.

Seit Oktober kann man in Deutschlands Apotheken, Drogerien und online einen HIV-Schnelltest kaufen, der anzeigen soll, ob man sich mit der Immunschwächekrankheit Aids infiziert hat oder nicht. Einfach Gebrauchsanweisung lesen, in den Finger stechen, das Blut ins Röhrchen rinnen lassen und warten. Nach zehn Minuten heißt es positiv oder negativ.

„Leider wird aber nicht verständlich erklärt, was das Ergebnis bedeutet“, kritisiert der Psychologe Gerd Gigerenzer, ehemals Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Seit Jahren treibt ihn um, dass nicht einmal viele Mediziner in der Lage sind, Statistiken richtig zu lesen. So gibt er zusammen mit zwei Kollegen die „Unstatistik des Monats“ heraus. Thema dieses Mal: der Aids-Schnelltest.

Auf ein richtiges Ergebnis kommen zwölf falsche

In der Gebrauchsanweisung steht, die Sensititvität des Tests liegt bei 100, seine Spezifität bei 99,8 Prozent. Sensitivität meint, der Test erkennt zu 100 Prozent, wenn jemand HIV-positiv ist. Spezifität heißt: Der Test erkennt zu 99,8 Prozent richtig, dass man nicht infiziert ist. In 0,2 Prozent der Fälle sind die Resultate aber falsch positiv. Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, Aids zu haben, wenn der Test einem das sagt? Gigerenzer hat es ausgerechnet: 8 Prozent – auf ein richtiges Ergebnis kommen zwölf falsche, bei Heterosexuellen ohne Risikoverhalten ist die Trefferquote noch geringer. Gerechnet wird so: Von 69 Millionen Deutschen über 18 sind 11.400 infiziert ohne es zu wissen, davon 2700 durch heterosexuellen Kontakt. Von je 6000 Deutschen hat also einer Aids (69 Millionen geteilt durch 11.400). Diesen einen erkennt der Schnelltest zu 100 Prozent.

"Menschen haben über Suizid nachgedacht"

Unter den übrigen 5999 Gesunden bekommen aber wegen der 0,2-Prozent-Fehlerrate zwölf ein falsch positives Ergebnis. Das alles werde nirgendwo erklärt, moniert Gigerenzer. Im Beipackzettel stehe bloß, dass man einen Arzt aufsuchen soll. „Das ist sinnvoll“, sagt der Psychologe. Aber die Gebrauchsanweisung müsse den Menschen klar sagen, wo sie stehen: „In ähnlichen Situationen haben Menschen über Suizid nachgedacht und auch begangen – obgleich sie tatsächlich nicht infiziert waren.“

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