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Sonntag, 17. September 2017 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Gesellschaft: Der menschliche Kurswert

Von Kerstin Witte-Petit

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? - Ihr seid die schönste heut', aber morgen, wenn Ihr nicht aufpasst, ist eine andere schöner als Ihr. (Foto: Imago)

Wer ist der Schönste, Gesündeste, Leistungsfähigste im ganzen Land? Sternchen, Likes und Listen sind die Statuswährung der modernen Gesellschaft. Zahlen machen Leute. Soziologen fragen sich: Um welchen

Preis?

So oder ähnlich könnten Kontaktanzeigen der Zukunft aussehen. Beliebt, sportlich und solvent soll der Mann des Herzens sein, alles messbar heutzutage. Verrückt? Offenbar nicht für alle. Die amerikanische Webseite creditscoredating.com verkündet, Kreditwürdigkeit sei sexy. Das Schweizer Unternehmen Dacadoo errechnet für seine Kunden auf Grundlage von Körperdaten und Lebensstil einen Gesundheitsindex. Vielleicht wird’s mal schick, einen solchen Index auf die eigene Facebook-Seite zu stellen.

Die Gesellschaft ist im Zahlenrausch

Alles wird gezählt, bewertet, verglichen. Likes bei Facebook, Smileys für die Sauberkeit der Toiletten, Sternchen für die Ferienwohnung, Ranglisten für Unis, Krankenhäuser und Städte: Der Soziologe Steffen Mau von der Berliner Humboldt-Universität sieht uns auf dem Weg zu einer datengetriebenen Prüf-, Kontroll- und Bewertungsgesellschaft, die nur noch das glaubt, was in Zahlen vorliegt. Die „Vermessung des Sozialen“ bleibe nicht ohne Folgen, schreibt er in seinem lesenswerten Buch „Das metrische Wir“ (Suhrkamp; 18,50 Euro): Die Sprache der Zahlen verändere unsere Vorstellung von gesellschaftlichem Status. Aus dem „Wer bin ich“ werde ein „Wo stehe ich“.

 

Vergleichen ist menschlich

Schon immer hatte die eigene Zufriedenheit damit zu tun, wie man sich selbst im Vergleich mit Kollegen und Nachbarn sieht. Doch nie haben sich Menschen so oft und so exakt verglichen wie heute. Je häufiger man die eigene „Performance“ an der der anderen abprüft, desto größer wird die Sorge, überboten zu werden. Denn es gibt in diesem Steigerungsspiel niemals Sicherheit. Es kann einem jederzeit ergehen wie dem Berliner Fernsehturm: Der war, als er 1969 erbaut wurde, das zweithöchste Bauwerk der Welt. Und obwohl seine 368 Meter heute genauso untadelig in die Luft ragen wie damals, belegt er heute nur noch Platz 43. In den eher auf Zusammenarbeit und Zusammenhalt aufgebauten privaten Bereich, meinen die Soziologen Steffen Mau und Hartmut Rosa, zieht auf diese Weise der Wettbewerb ein. Denn der Vergleich betont immer die Unterschiede, nicht das Gemeinsame.

 

Zu welchem Perfektionsdrang eine ständige Selbstvermessung führen kann – mit allerlei Leistungskurven aus den Daten von Fitnessarmband, Diätprogramm oder Sprachlernprogramm –, haben Soziologen wie Stefan Selke und Dierk Spreen in den letzten Jahren eindrücklich beschrieben. Wird der eigene Körper zum Daueroptimierungsobjekt, kann genug niemals genügen.

Aneinander messen

Längst geht es nicht mehr nur darum, sich selbst zu vermessen, sondern sich aneinander zu messen und daran gemessen zu werden. Die Trainings-App Runtastic kann zum Beispiel so eingestellt werden, dass zurückgelegte Laufstecken automatisch anderen App-Nutzern mitgeteilt werden. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Oral Roberts University im US-Bundesstaat Oklahoma. Diese christliche Hochschule verlangt von ihren Studenten, ein Fitnessarmband zu tragen, das seine Daten direkt an die Uni überträgt. Die Bewegungswerte der Studenten fließen in die Endnote ein – im Namen einer „ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung“.

Bewertung durch Algorithmen

Immer häufiger werden Menschen im gesellschaftlichen Alltag von Algorithmen bewertet. Software sortiert für große Unternehmen die elektronisch eingereichten Job-Bewerbungen vor. Die örtliche Sparkasse vergibt intern für jeden einzelnen Kunden monatlich Scores der Kreditwürdigkeit – ausgedrückt nach Schulnoten. In den USA nutzen einige Gerichte Algorithmen, um einzuschätzen, ob jemand aus der Haft entlassen werden kann. Statt Menschen erstellen Maschinen die Risikoprognose – nach Kriterien wie Familienstand, Alkoholproblem, fleißiger Teilnahme am Eingliederungsprogramm oder gar der Straffälligkeit des Freundeskreises. 2016 begann in den USA zudem ein Pilotprojekt, bei dem eine Software binnen Sekunden berechnet, ob jemand gefährlich ist. Eine Ampelfarbe empfiehlt Polizisten dann, ob sie die Waffe entsichern sollen, wenn sie zum Einsatzort kommen. Screenings und Scorings bestimmten heute unsere Handlungsmöglichkeiten und die Art, wie wir behandelt werden, schlussfolgert Steffen Mau. In der Mess-Gesellschaft könne man der Wirkung seiner Daten nicht entkommen.

 

Zahlen vereinfachen Vergleichbarkeit

Und das ist in einer globalisierten und immer komplizierter werdenden Welt oft ein Segen. Entscheidungen nach sorgfältig aufbereiteten Daten sind in vielen Fällen nachprüfbarer und gerechter als frühere Entscheidungen nach Bauchgefühl irgendeines Chefs oder Ministers. Aber Achtung: Die verbreitete Zahlengläubigkeit verführt dazu, standardisierte Vergleiche für objektiv zu halten.

 

Das können sie aber gar nicht sein. Für jede Standardisierung muss man die komplexe Wirklichkeit auf wenige Indikatoren eindampfen. Welche man nimmt und wie man sie gewichtet, fußt auf der Grundentscheidung, bestimmten Aspekten mehr Wert zuzumessen als anderen. Und wo Qualität quantifizierbar gemacht werden soll, wird dabei schon aus Praktikabilitätsgründen alles vorgezogen, was sich in Zahlen ausdrücken lässt. Ein Städteranking mixt Daten zu Wirtschaftskraft, Bildung, Quadratmeterpreisen, öffentlicher Verschuldung und vielem mehr zu einer Rangfolge zusammen, die mit der eigenen Vorstellung von Wohn- und Lebensqualität nicht unbedingt etwas zu tun haben muss.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Risiken und Nebenwirkungen von solchen Hitparaden der Vereinfachung können beträchtlich sein. Erstens fördern sie Monokulturen, weil auch in den Augen der Betroffenen Verhaltensweisen, die Prestige bringen, wichtiger werden als andere. So dürfte in der von PISA und TIMSS bestimmten Schullandschaft die Vorbereitung auf ganz bestimmte Tests und Fähigkeiten einen größeren Platz einnehmen als früher. Unter Wissenschaftlern wiederum hat sich der sogenannte „H-Index“ zum Statusindikator entwickelt. Er misst, wie oft ein Forscher in anderen Werken zitiert wird. Dabei kann man durchaus darüber streiten, ob Aufmerksamkeitswerte Entscheidendes über die Qualität einer wissenschaftlichen Leistung aussagen.

Rankings zementieren Hackordnungen

Hinzu kommt: Rankings zementieren oft eine einmal etablierte Hackordnung: Wer oben gelistet ist, bekommt mehr Aufmerksamkeit und mehr handfeste Vorteile als sein Konkurrent auf den hinteren Plätzen; das gilt für die Exzellenzinitiative für Forschungseinrichtungen ebenso wie für Bücherhitlisten und Popcharts.

 

Laut Datenanalysten wie Cathy O’Neil produzieren automatische Sortier- und Bewertungsalgorithmen, die große Datenmengen durchpflügen, außerdem manchmal Fehlschluss-Schleifen: Entweder werden Teilgruppen zu früh aussortiert oder es wird nicht berücksichtigt, dass jede Messung das Verhalten der zu Messenden verändert.

Bizzare Rückkopplungen

So geht manche Zählungsidee komplett nach hinten los. „Menschen tun nicht, was du erwartest, sondern was du kontrollierst“, wusste der damalige IBM-Chef Louis V. Gerstner schon vor 15 Jahren. Das kann zu bizarren Rückkopplungen führen. Als in Hanoi Ende des 19. Jahrhunderts die Rattenplage überhand nahm, lobte die französischen Kolonialmacht eine Prämie für getötete Ratten aus, zahlbar pro Rattenschwanz. Um die Prämie zu kassieren, züchteten die Leute nun Ratten; es gab bald mehr von den Plagegeistern als zuvor. Je mehr ein Mengen-Indikator für soziale Entscheidungen herangezogen wird, desto stärker korrumpiert er die sozialen Prozesse, lautete schon vor 15 Jahren die Erkenntnis des amerikanischen Psychologen Donald T. Campbell.

 

Doch solche Bedenken können offenbar dem Objektivitätsnimbus von Scorings und Ratings nichts anhaben. In welche Gesellschaft das führen könnte, zeigt ein Blick nach China. Dort ermöglicht die Plattform „Sesame Credit“ schon heute Geschäftsleuten und Heiratswilligen, sich über den Kreditwert der ins Auge gefassten Partner zu informieren. Ein guter Score verschafft auch anderswo Vorteile: Mit einem Wert über 600 kann man bei verschiedenen Autovermietern ohne Kaution Fahrzeuge mieten, ab 650 muss man in einigen Hotels beim Check-out nicht mehr Schlange stehen. Und bei der großen Partnervermittlungsagentur Baihe gehört der Score von Sesame Credit zum persönlichen Profil.

Das chinesische "Social Credit System"

Der chinesischen Regierung genügt es nicht, Finanzen zu messen: Sie entwickelt gerade ein umfassendes gesellschaftliches Bonitätssystem namens „Social Credit System“, das ab 2020 das Verhalten der kompletten Volkswirtschaft messen soll – und des ganzen Volkes obendrein. Was Unternehmen und Bürger tun, soll durch eine umfassend vernetzte Datensammlung analysiert werden. Im sozialen Bewertungsstaat würden dann Firmen, deren Geschäftsverhalten in der Vergangenheit zu wünschen übrig ließ, schlechtere Kreditkonditionen, höhere Steuern und der Ausschluss von staatlichen Aufträgen blühen. Bürger müssten damit rechnen, das jeder Gesetzesverstoß, jedes Schwarzfahren, vielleicht gar ihre Internetsuchen in ihren gesellschaftlichen Vertrauenswert einfließt. Wer schlecht dastünde, dürfte wohl kaum bei Staatskonzernen arbeiten dürfen und hätte es nicht leicht, Visa für Auslandsreisen zu bekommen.

 

Am Ende könnten Zahlen die ganze Existenz bestimmen – und kein Bürger könnte genau nachvollziehen, warum ihn der allmächtige Staatsalgorithmus auf die hinteren Plätze verweist.