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Samstag, 13. April 2019 Drucken

Ludwigshafen: Kultur Regional

Geige lernen, blitzschnell

Bei Zeitraumexit darf jeder Streichinstrumente ausprobieren und Wände bekritzeln

Von Gereon Hoffmann

Ist gar nicht so schwer: Die Neu-Geiger musizieren zur Zeit in einem künstlerisch umgestalteten Raum, der mit Rasen und Rheinsand ausgelegt ist.

Ist gar nicht so schwer: Die Neu-Geiger musizieren zur Zeit in einem künstlerisch umgestalteten Raum, der mit Rasen und Rheinsand ausgelegt ist. ( Foto: KUNZ)

Keine Noten, kein Leistungsdruck – das hat Joanna überzeugt, doch selbst einmal eine Geige in die Hand zu nehmen. Und Geigen-Profi Ionel Chirita hat mit seiner „Blitz-Musikschule“ schon gezeigt, dass „von Null auf Musik“ möglich ist. Im Mannheimer Veranstaltungszentrum Zeitraumexit zeigt er Anfängern die ersten Töne. Und das klingt verblüffend.

„A!“ ruft Chirita, und ein gutes Dutzend Neu-Geiger setzt den Bogen an und zieht ihn über die a-Saite der Violine. Es folgen noch „G“ und „D“ jedes Mal verändert sich der Ton. Und das ist gar nicht schwer, denn die Töne werden auf den leeren Saiten gespielt, man muss mit der linken Hand noch nichts greifen. Chirita improvisiert eine Melodie über die Töne seiner Schüler, und alles zusammen hört sich schön an. „Dass Geige ein schwieriges Instrument ist, ist ein Vorurteil“, sagt der Lehrer. Er stammt aus Rumänien, wo die Geige eines der Hauptinstrumente der Volksmusik ist. „Die Bauern haben doch auch keine Musikschule besucht und trotzdem spielen gelernt.“

Zum allerersten Mal hat heute Vergiliv aus Frankenthal eine Geige in der Hand. Überredet haben den 50-Jährigen seine Tochter Thais (10) und seine Frau Alina (43), die schon ein paar Mal hier waren. „Ich habe als Kind ein bisschen gespielt, aber das hat sich über die Jahre wieder verloren“, sagt Alina. Heute nicht dabei ist der Gitarre spielende Sohn. Wenn alle in der Familie ein Instrument spielen – wollen sie dann zusammen Hausmusik machen? „Vielleicht probieren wir das mal“, meint die Mutter.

„Ich kann schon ,Alle meine Entchen’ sagt die 30-jährige Joanna und lacht. Sie ist zum dritten Mal hier, und es macht ihr viel Spaß. „Man hat ganz schnell Erfolgserlebnisse“, freut sich die Studentin, die in Mannheim lebt. Hergebracht hat sie ihre Freundin Veronica (30) aus Ludwigshafen. „Ich wollte schon immer Geige spielen“, sagt sie. Als Kind habe sie aber Blockflöte und Gitarre gelernt und gesungen.

Meloakustika – so heißt Chiritas private Musikschule und so nennt er auch sein Projekt bei Zeitraumexit. Jeden Mittwoch ist er ab 19 Uhr in einem Raum des ehemaligen Fabrikbaus, um den Teilnehmern auf Geige, Cello oder Mandoline ein paar Töne und Spaß am Musikmachen zu vermitteln. Hier kann man reinschnuppern, denn es gibt keine vertragliche Bindung und keinen festen Preis. Und noch ein großer Vorteil: Man kann sich Instrumente ausleihen und in Ruhe probieren, welches das richtige ist – ohne dass eine gekaufte Geige als Wandschmuck endet. Die Teilnehmer werden gebeten, entsprechend ihrer Möglichkeiten freiwillig etwas zu geben.

„Vertrauensbildende

Maßnahmen“ im Foyer

Heute sollen Geigen und ein Cello in einem besonderen Raum erklingen: „Holodeck Jungbusch“ nennt der Künstler Holger Nickisch seine Gestaltung der ehemaligen Fabrikkantine, die von Zeitraumexit genutzt wird. Recht unerwartet finden die Musiker und alle weiteren Besucher hier Rasen auf dem Boden und würfelförmige Körper mit der Anmutung gegossenen Betons. Ein mit Rheinsand geschüttetes Wegenetz führt durch die Formen. Es gibt ein bisschen Platz, wo Tische und Stühle stehen. Tagsüber kann hier jeder rein – und machen, was er will, solange das keinen Schaden anrichtet. Dieses Nutzen des vom Künstler gestalteten Raums ist teil des Konzepts, erklärt Stephanie Staib, Pressesprecherin von Zeitraumexit. Zum Beispiel liegen große Stücke Farbkreide aus, mit denen man die „Betonwände“ (die aus angestrichenem Gipskarton sind) bemalen darf. Der Künstler wollte eigentlich sogar Spraydosen hinstellen, aber das schien den Organisatoren zu gefährlich, und die Gefahr der Zweckentfremdung zu groß. Holger Nikisch lebt in Amsterdam und gestaltet ortsspezifische Installationen, bei denen Offenheit und Interaktion wesentlich sind.

Die Installation ist Teil der Reihe „Das Foyer – Vertrauensbildende Maßnahmen“, mit der Zeitraumexit das Ziel verfolgt, die Gesellschaft des Stadtteils anzusprechen, zusammenzubringen und gemeinschaftliches Erleben zu stärken. Dafür sprechen die Organisatoren verschiedene Stadtteilinitiativen an und laden sie ein, sich in dem gestalteten Raum zu treffen und vielleicht aktiv zu werden.

Termine

Das „Holodeck Jungbusch“ ist noch bis zur Finissage am 5. Mai werktags 10 bis 18 Uhr und samstags/sonntags 14 bis 21 Uhr durchgängig offen und über den Innenhof der Hafenstraße 68 zugänglich. Zum Instrumente lernen bei „Meloakustika“ trifft man sich immer mittwochs, 19 Uhr.