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Montag, 16. Juli 2018 Drucken

Fussball-WM

„Freibier für alle“

Am Lambsheimer Weiher feiern Kroaten und Deutsche Hand in Hand

VON CHRISTIAN GAIER

Nah dran in der Beach-Bar am Lambsheimer Weiher.

Nah dran in der Beach-Bar am Lambsheimer Weiher. ( Foto: GAI)

Gute Stimmung in der Fischerhütte am Lambsheimer Weiher. Da sah es noch gut aus für Kroatien.

Gute Stimmung in der Fischerhütte am Lambsheimer Weiher. Da sah es noch gut aus für Kroatien. ( Foto: GAI)

«Lambsheim.» Im Gasthaus am See samt Beach-Bar am Lambsheimer Weiher ist alles gerüstet für die große Endspiel-Party. 120 Liter Bier, 20 Flaschen Wodka, zwei Kisten Sekt – fehlt nur noch das richtige Ergebnis. Auch wenn nicht die Mehrzahl der rund 500 Fußball-Fans ein kroatisches Trikot tragen, ist klar, welches Ergebnis das richtige wäre.

„Ich fühle mich als Deutscher, aber heute bin ich wieder Kroate“, sagt Gastgeber Srecko Marusic. Der Gastronom wurde am vergangenen Montag 39 Jahre alt, gefeiert werden soll der Geburtstag aber erst jetzt am Endspiel-Sonntag.

Sechs Fernseher haben er, Ica Hartmetz und Nina Marusic, die die „Fischerhütte“ führen, aufgestellt, auf der Terrasse, im kleinen Privatbereich und an der Bar, an der drei Jungs und zwei Mädchen unter Hochruck arbeiten, Cocktails mixen, Bier oder Schorle einschenken. Nicht alle Fußballbegeisterten finden einen Sitzplatz, zu groß ist der Andrang. Wohl dem Stehplatzinhaber, der die Größe eines Basketballspielers aufweist.

Srecko Marusic steht schon lange vor dem Anpfiff unter Strom. Er dirigiert das Personal, dirigiert die Gäste und seine Familie. „Vorne sind Stühle für Euch reserviert, Schatzi“, begrüßt er seine Tochter Lorena, die mit ihrem Freund gekommen ist. Wie seine Tochter trägt auch Marusic ein kroatisches Trikot. Er sieht aber alles nicht so verbissen. „Egal ob wir gewinnen oder nicht, nach dem Schlusspfiff wird gefeiert“, kündigt er an. „Hoffentlich gewinnt Ihr heut`, aber es wird schwer, die Franzosen haben eine gute Mannschaft“, sagt ein Gast zu ihm und klopft ihm auf die Schulter. Der Anpfiff rückt näher, die dunklen Wolken auch, aber es bleibt zunächst trocken. Die Nationalhymnen erklingen. Bei der „Marseillaise“ keine Regung, nach der kroatischen Hymne brandet Beifall auf.

Das Spiel beginnt, und die Zuschauer agieren genauso verhalten wie die Teams auf dem Rasen. Keine Anfeuerungen, stattdessen konzentrierte Stille. In der 18. Minute wird es aber noch leiser, als Mandzukic mit einem Eigentor die Franzosen in Führung bringt. Nur ein Zuschauer reißt jubelnd die Arme hoch – er ist in eine Tricolore gehüllt. Die Stimmung ist erst einmal im Keller, aber bei Perisics Ausgleichstreffer zehn Minuten später springen alle hoch und jubeln.

Am Weiher weht der Wind jetzt etwas heftiger, wirbelt Blätter durch die Luft, während das Fußball-Drama im Zehn-Minuten-Takt weitergeht. Nach Griezmanns verwandeltem Handelfmeter in der 38. Minute begraben viele enttäuscht die Gesichter in ihren Händen.

In der Halbzeitpause gibt sich Srecko Marusic kämpferisch. „Ein unberechtigter Freistoß vor dem 0:1, das auch noch ein Eigentor war, dann noch ein unberechtigter Elfmeter – wir schaffen die trotzdem“, glaubt er an eine Trotzreaktion. „Die packt ihr noch, ihr müsst nur ein bissel mehr Stimmung machen“, rät ein Gast. „Die Spannung bleibt erhalten, die Kroaten haben gut gespielt“, wertet der Weisenheimer Winzer Jürgen Schick.

Es fallen einige Regentropfen und aus Sicht der Fans leider auch Tore für Frankreich durch Pogba (59.) und Mbappé (65.). Während sich Frust breitmacht, den auch Mandzukics Anschlusstreffer in der 69. Minute nicht wirklich lindern kann, agiert das emsige Personal weiterhin höchst professionell. „Das klappt sehr gut mit der süßen und sauren Schorle. Das ist nicht überall so“, lobt ein Gast die Bar-Besatzung. Als vier Minuten Nachspielzeit angezeigt werden, gibt es noch einmal aufmunternden Applaus für die Kroaten. Aber das Wunder bleibt aus, statt Euphorie herrscht Ernüchterung vor.

Fünf Minuten nach dem Schlusspfiff stellt Marusic den Ton ab und greift zum Mikrophon. „Es gibt trotzdem Freibier, Freunde“, ruft er und läutet damit die Party ein, die allerdings von gedämpfterer Stimmung geprägt ist, als sich die meisten das erhofft haben. Aber alle wissen: Kroatien hat ein großes Turnier gespielt. Besser waren sie noch nie!