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Montag, 16. Juli 2018 Drucken

Fussball-WM

Eine grenzenlose Party

Franzosen und Deutsche feiern in Straßburg und Umgebung gemeinsam

VOn CHRISTIAN SCHREIDER

Blau-weiß-rote Rauchzeichen: Public Viewing im „Jardin des deux rives“ in Straßburg.

Blau-weiß-rote Rauchzeichen: Public Viewing im „Jardin des deux rives“ in Straßburg. ( Foto: CSC)

«STRASBOURG/KEHL.» Die WM-Trophäe wandert nach Frankreich, unsere Nachbarn feiern. Auch badische Anrainer bekommen was von der Party ab. Cool für Kehl. Szenen aus Straßburg und Umgebung.

14.15 Uhr. Noch ist das Elsass ganz gelassen. Wehende Fahnen auf der Autobahn? Fehlanzeige – bis auf zwei portugiesische auf Abwegen. Auch Straßburgs Altstadt hält die Sonntagsruhe ein, einige Obstläden sind offen, ein paar Kippa-Träger spazieren durch die Gassen. Dann plötzlich in der „Rue des Vosges“ (der „Vogesenstross“, so der Namenszusatz auf elsässisch), die erste Trikolore.

14.47 Uhr. Deutsch sprechen hier dann doch nur noch wenige, aber ein junger Franzose maghrebinischer Provenienz hilft freundlich weiter. „Public Viewing? – Aah, Fanzone!“ Ja, da gebe es eine, immer der Straße lang, „Kehl!“ ruft er noch. Eine ältere Dame hat den Tipp „Place d’Austerlitz“ für TV-Kneipengänger, ansonsten fällt immer wieder: „À Kehl“.

15.05 Uhr. Stadtauswärts bestätigt sich: Das größte Public Viewing weit und breit steigt im „Jardin des deux rives“, dem „Garten der zwei Ufer“, am Rhein-Strand Straßburgs, mit Blick aufs badische Kehl. 17.000 Menschen soll der Ort Platz bieten. Könnte also klappen, auch für kurzentschlossene deutsche Fußball-Exilanten.

15.55 Uhr. Lange Schlange vor den Sicherheitsschleusen. Noch vor der WM hatte es vor allem deswegen in Sachen Public Viewing in Frankreich gar nicht gut ausgesehen, die Auflagen waren zu streng. Und außerdem: Public Viewing sei in Frankreich eh nicht so angesagt, wie jüngst Karim Matmour wissen ließ. Der ehemalige Lauterer und algerische Nationalspieler ist hier geboren und meint: „Es muss schon das Viertelfinale sein, bis die Leute in Wallung kommen ...“

16.12 Uhr. Auf der Rheinwiesen ist Wallung, Pfiffe kommen aus den Leinwand-Lautsprechern, ein Reporter kommentiert. Läuft das Spiel schon? Stimmt die Zeit nicht? „Lizarazu“, ruft die sonore Stimme da, und es wird beruhigend klar: TF1 zeigt noch mal Frankreichs WM-Triumph gegen Brasilien 1998. Im Hintergrund ankern ein paar Flusskreuzfahrtschiffe am deutschen Ufer – den TV-Ton kriegen sie allemal mit.

16.55 Uhr. Die Marseillaise ertönt, Hunderte schwenken Fahnen.

17.13 Uhr. Noch immer strömen Menschen auf die Wiesen, ein dunkelhäutiges Baby wird im Kinderwagen reingeschoben – und wischt sich mit dem Trikolore-Schweißband die Stirn. Es herrscht entspannte Volksfeststimmung, auch vor den Gastro-Buden sind die Schlangen lang – noch kriegt nicht jeder wirklich was vom Endspiel mit.

17.17 Uhr. Die Führung für Frankreich. Pyrotechnik scheint hier kein Problem: Es raucht und rauscht rot, blau und auch gelb über den Rasen.

17.28 Uhr. Der Ausgleich. Die Masse nimmt’s gelassen. Zeit für eine Merguez im Brötchen oder ein paar Flammkuchen. Und die Equipe Tricolore legt ja eh gleich wieder vor.

18.08 Uhr. Plötzlich Jubel und gleich ein zweiter hinterher – er gilt zwei Kranichen, die im Formationstiefflug über die Masse gleiten. Noch steht’s 2:1.

18.17 Uhr. Das 3:1. So langsam nimmt die Menge Fahrt auf, die Picknick-Stimmung wandelt sich zur fokussierten Fan-Party. „Allez les Bleus“ kommt nun immer öfter – und Einzelne wagen sich schon mal an ein „On est champion“.

18.58 Uhr. „On est champion“ übernimmt endgültig die Tonlage. Wenige aus der sehr bunten Menge machen sie auf den Rückweg, Tausende warten noch die Cup-Übergabe ab.

19.29 Uhr. In Moskau regnet’s auf den Pokal – in Straßburg kommt die Sonne raus. Ein letzter großer Jubel, dann teilt sich die Menge: Die einen Richtung Straßburg Stadtmitte, andere über die „Passerelle“ Richtung Deutschland – und trotzdem oft in die Trikolore gehüllt. Sarah Junker (19) und Robin Huck (20) aus Nancy („Wir lernen Deutsch hier in Kehl“) etwa sind „happy über ein wirklich gutes Spiel – auch wenn wir uns sonst nicht so für Fußball interessieren“. Der war gestern am Rhein für viele nur der Vorwand für eine grenzenlose Feier.