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Samstag, 18. Mai 2019 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Eine Familie, vier Kandidaten, drei Parteien

Von Andreas Schlick

Kandidaten:Otto Seither mit seinen Söhnen Thomas, Christoph und Markus. (Foto: Van)

Vater Otto Seither und seine drei Söhne kandidieren im südpfälzischen Herxheim für den Gemeinderat – für drei verschiedene Parteien. Kann das gutgehen?

Während Jesus von seinem Platz über dem Esstisch einem Mähroboter dabei zusieht, wie er draußen den Rasen stutzt, geht es im Haus von Familie Seither im südpfälzischen Herxheim um sehr weltliche Dinge. Unter dem Kreuz hat sich Otto Seither, 61, mit seinen drei Söhnen versammelt, Markus, Christoph und Thomas. Jeden Freitagnachmittag treffen sie sich hier, um über Politik zu diskutieren. Allein das klingt schon eigentümlich, aber die Sache ist dann noch etwas brisanter: Alle vier kandidieren bei der Kommunalwahl am kommenden Sonntag für den Gemeinderat – für drei verschiedene Parteien.

Jeden Freitag politischer Stammtisch

Otto Seither, Schnurrbart, herzhaftes Lachen, sitzt seit fünf Jahren für die Grünen im Rat. Früher war er mal bei der FWG, aber das war eben früher. „Als unser Vater gewählt wurde, hat das mit diesem politischen Stammtisch eigentlich angefangen“, erzählt Thomas Seither, 39. Er kandidiert erstmals für das Ortsparlament, wie sein Vater für die Grünen. Als Kind hat er mal Helmut Kohl die Hand geschüttelt, das muss in Johanniskreuz gewesen sein. Die CDU war dann nichts für ihn. „Die Grünen sind oft Ideengeber für Dinge, die andere Parteien erst Jahre später als richtig erkennen und dann auch übernehmen. Da muss man auch Idealist sein. Das bin ich“, sagt er.

Seit Generationen leben die Seithers in Herxheim, einer Gemeinde zwischen Wiesen und Weihrauch. Man war da so katholisch, dass Anfang der 1990er-Jahre auf Druck des Pfarrgemeinderats ein Kondomautomat an einer Apotheke abgehängt wurde. „Die Leute haben damals erzählt, die Herxheimer seien so schwarz, die würden auch im Kohlenkeller Schatten werfen“, sagt Otto Seither. Dieses katholische Milieu kann sicherlich einengen. Es kann aber auch zu der Erkenntnis führen, dass es im Leben um mehr geht, als Urlaubsbilder bei Instagram zu posten.

Achten auf den anderen hat Tradition in Herxheim

Um zu verstehen, wie die Seithers ticken, muss man immer auch Herxheim im Hinterkopf haben. Seit Jahrzehnten gibt es hier eine Rollstuhlgruppe, mitorganisiert von Schülern, die Ausflüge mit Bewohnern des Altenheims unternehmen. Als im Ort vor ein paar Jahren eine große Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden sollte, gründete sich umgehend ein Hilfsverein, der erste seiner Art in der Region. Und weil seit Ewigkeiten zwei Behindertenheime im Dorf stehen, selbstverständlich kirchlich getragen, wird hier auch keiner schräg auf der Straße angeguckt, der vielleicht nicht dem optischen Mainstream entspricht. Und dann ist es wohl auch nicht übertrieben, wenn man sagt, dass dieses Achten auf den anderen hier eine gewisse Tradition besitzt, die sich auch im Haus der Seithers erahnen lässt.

Neben dem Kreuz über dem Esstisch steht eine Marienfigur, handgeschnitzt, vom Pfarrer gesegnet. Der Glaube spielt eine große Rolle in dieser Familie, „er ist Grundlage unseres Engagements“, sagt Otto Seither. Über den Glauben ist auch Christoph, 23, der Jüngste, in die Politik geraten. Seit Jahren engagiert er sich im Bund der Deutschen Katholischen Jugend, wie seine Brüder war er Messdiener, Obermessdiener, irgendwann wurde er ins Jugendparlament gewählt. Damals warb die Junge Union mit dem Motto 50 Prozent Politik, 50 Prozent Party, was auf den ersten Blick nicht unsexy klingt. Christoph Seither gefiel das, „ich fand aber vor allem diese große Partei faszinierend“. Zum Muttertag hat er im Wahlkampf Rosen verteilt, Blumen haben schon so manche Frau überzeugt. Vielleicht reicht es ja für den Gemeinderat, er kandidiert für die CDU auf Platz neun.

Manchmal heftige Diskussionen

Neulich hat es am Esstisch im Elternhaus heftige Diskussionen gegeben, besonders wegen eines Bauprojekts der Gemeinde. Im Ortszentrum soll ein Gebäudekomplex entstehen, Wohnungen für Senioren sind geplant, Räume für Gewerbetreibende, auch ein Restaurant ist im Gespräch, was ja grundsätzlich immer eine gute Idee ist. Otto Seither ist allerdings wenig begeistert: „Das ist ein riesiger Betonklotz, der wird für noch mehr Verkehr im Ort sorgen. Deshalb haben wir eine Einbahnstraßenregelung für die Hauptstraße gefordert.“ Die habe die Mehrheit im Rat aber nicht gewollt.

Und während er diese Sätze sagt, zieht der älteste Sohn Markus, 41, der für die FWG antritt, auf Platz drei, seine Augenbrauen nach oben. Er nimmt es dem Vater immer noch krumm, dass der mit seinen Fraktionskollegen den Raum verlassen hat, als der Rat über das Projekt abstimmte. Der Bau sei sicherlich überdimensioniert, „aber das war schlechter Stil. Die Grünen haben eine Debatte verweigert.“ Aber wer rausgeht, hat der frühere SPD-Fraktionschef Herbert Wehner mal geknurrt, muss auch wieder reinkommen. Gut, alles sei sehr emotional gewesen, sagt Otto Seither, er sehe das heute auch etwas anders. Aber die Fraktion habe ein hartes Zeichen setzen wollen.

Nie den Respekt verlieren

Das mit den harten Zeichen ist dann manchmal so eine Sache. Im Moment ist viel die Rede von einer Verrohung der Sprache, nicht zuletzt, weil auf Facebook jeder anonym seinen Hass versprühen kann. Das Debattenklima hat sich verändert in diesem Land. Natürlich hat es in der deutschen Politik immer Zeiten gegeben, in denen verbal sehr scharf geschossen wurde. Willy Brandt hat mal über Heiner Geißler gesagt, der sei „der schlimmste Hetzer seit Goebbels“. Aber die beiden konnte sich trotzdem irgendwann wieder die Hand geben, vielleicht auch mal ein Bier zusammen trinken. Heute würden sich manche damit schwertun, wieder zusammenzufinden.

Dass Entgleisungen wie in der Flüchtlingsdebatte bei den Seithers trotz Meinungsverschiedenheiten sicher nicht vorkommen, hat einiges damit zu tun, dass sie eine Familie sind. Aber eben auch damit, nach welchen Werten sie leben. Hat es schon mal einen politischen Streit gegeben, der den Familienfrieden hätte ernsthaft gefährden können? „Nein“, sagt Otto Seither, „es wird hier am Tisch auch heftig diskutiert, aber wir verlieren nie den Respekt voreinander.“

Unterschiedliche Wege zu ähnlichen Zielen

Zumal jeder im Grunde etwas ganz Ähnliches will für seinen Heimatort: den Verkehr raus aus der Hauptstraße, die Vereine unterstützen, generationenübergreifendes Wohnen ermöglichen. Nur der Weg dahin variiert mitunter. „Aber am Ende geht es uns allen um unser Dorf“, sagt Otto Seither. Die Söhne nicken. Debattenkultur – auch deswegen hat sich Markus Seither für die FWG entschieden. Dort werde kontrovers diskutiert, es gebe keine Denkverbote. Innerhalb der Familie dürfe aber auch jeder zu Wort kommen, schiebt sein Vater Otto ein, zu guter Letzt gehe es immer um einen Kompromiss. Und notfalls würde er auch eine politische Position räumen, würde diese die Beziehung zu seinen Söhnen gefährden: „Wir müssen ja gemeinsam weiterleben.“ Und vielleicht kulminiert in diesem Satz das, was man das Wesen der Demokratie nennen könnte, diese unausgesprochene Abmachung, dass es zwar deftig zugehen darf, der andere aber als Person sichtbar bleibt – oder wieder sichtbar wird.

Bald wird Herxheim um eine weitere Straße reicher sein: um den Max-Seither-Ring. Jahrzehnte hat es gedauert, bis dieser Name auf einem Schild im Ort möglich war, die CDU wollte lange keinen Sozialdemokraten als Namenspaten. Der Herxheimer saß in den 1950er- und 1960er-Jahren im Bundestag, und natürlich sind die Seithers mit ihm verwandt. Das Interesse für Politik liegt also vermutlich in den Genen.

Vergangenes Jahr war die Familie auf einer Kreuzfahrt in der Ostsee, Otto Seither und seine Frau wollten zu ihrem 60. Geburtstag alle zusammen haben, Kinder, Enkel, Schwiegertöchter. „Natürlich bin ich stolz, dass sich meine Söhne auch politisch engagieren. Wir haben ihnen aber immer versucht zu vermitteln, dass die Familie das Wichtigste ist.“ Die Reise führte sie dann auch nach Kopenhagen, der Geburtsstadt des Märchenautors Hans Christian Andersen, und manchmal sind Märchen ja näher an der Wirklichkeit als die Wirklichkeit selbst. „Es liegt nicht so viel daran, wie wir es um uns haben, sondern wie wir es in uns haben, darauf kommt es an“, hat Andersen mal geschrieben. Die Seithers haben das verstanden.