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Ratgeber

E-Zigaretten: Passivrauchen durch die Hintertür

Von Frederik Jötten

Irgendwie stinkt das ja doch - wenn auch halt nach Menthol oder Vanille. (Illustration: Brändli)

Auch elektrisches Dampfen und Hybrid-Zigaretten setzen Schadstoffe in der Raumluft frei, die vor allem Kinder gefährden können, warnen Experten.

Zigaretten geben Rauch ab – und elektronische Glimmstängel Dampf. Kaum jemand, zumindest nicht die meisten Menschen, die passiv E-Zigaretten mitrauchen, dürften sich damit beschäftigt haben, was sie einatmen, wenn sie neben jemandem stehen, der an einer E-Zigarette zieht. Es kommt ja nur Dampf heraus. Könnte man meinen. Ist aber nicht so.

Chemie-Cocktail mit Aromastoffen

Mit Wasserdampf jedenfalls haben die entstehenden Teilchen – Aerosole genannt – nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um einen Chemie-Cocktail, dessen Hauptbestandteile Propylenglykol und Glycerin sind. Dazu kommen Aromastoffe, die den jeweiligen Geruch, je nach Geschmacksrichtung von Haselnuss bis Erdbeer, ausmachen.

Eine der wenigen Untersuchungen, in denen die Effekte des E-Passivrauchens untersucht wurden, stammt vom Landesgesundheitsamt in Bayern. Ergebnis: Nach zweistündigem E-Zigaretten-Rauchen konnten in der Luft das krebserregende Formaldehyd, der allergieauslösende Benzylalkohol und – wenn eine nikotinhaltige E-Zigaretten-Flüssigkeit verwendet wurde – Nikotin nachgewiesen werden. In der Raumluft war Propylenglykol mengenmäßig die größte Verunreinigung.

Augen- und atemwegsreizend

„Propylenglykol und weitere Substanzen im Aerosol von E-Zigaretten wirken augen- und atemwegsreizend“, betont Studienautor Wolfgang Schober. Mit Propylenglykol werden auch Disco- und Theaternebel gemacht. Eine Studie aus Kanada zeigte 2005, dass Menschen, die dem öfter ausgesetzt sind, ein höheres Risiko für Atemwegsreizungen und Lungenfunktionsstörungen haben.

„Die ultrafeinen Flüssigkeitspartikel, die aus übersättigtem Propylenglykoldampf gebildet werden, dringen bis in die tiefen Regionen der Lunge vor und können die Lungenfunktion beeinträchtigen und Entzündungsprozesse hervorrufen“, erklärt Wolfgang Schober.

Gesundheitsrisiken für Kinder

Eine andere Studie, die Wissenschaftler bei einer Werbeaktion für E-Zigaretten durchgeführten, als sehr viele Menschen gleichzeitig dampften, zeigte: Die Raumluft dort war ähnlich stark von feinen Partikeln durchsetzt wie in Gaststätten, in denen Zigaretten gequalmt werden. Die feinen Teilchen rufen zumindest in kultivierten Lungenzellen und bei Mäusen Entzündungsreaktionen hervor. Bei Kindern beeinträchtigen derart feine Partikel die Lungenentwicklung – es ist keine Konzentration bekannt, unterhalb der keine Gesundheitsschäden auftreten. „Gesundheitsrisiken sind bei langfristiger Passivdampfbelastung insbesondere für Kinder, Schwangere und Personen mit Atemwegserkrankungen möglich“, ist Schober überzeugt.

"Sollten in Räumen nicht benutzt werden"

Die Konzentrationen an giftigen Stoffen im E-Zigaretten-Dampf sind zwar weitaus geringer als diejenigen im normalen Tabak-Rauch. „Trotzdem sollten E-Zigaretten in Räumen nicht benutzt werden“, meint Katrin Schaller von der Stabstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. „Der Nichtraucherschutz sollte auf E-Zigaretten ausgeweitet werden.“ Sie sieht dafür auch psychologische Gründe: „Wenn E-Zigaretten-Rauch in Räumen erlaubt würden, würde auch der Schutz vor herkömmlichem Rauch wieder geschwächt, weil beides ähnlich aussieht.“ Auch könnten Ex-Raucher animiert werden, wieder zu rauchen, sagt Schaller.

Umsätze mit E-Zigaretten steigen ständig

Ob E-Zigaretten wirklich zur Gefahr für Nichtraucher werden können, wird vor allem daran liegen, wie viele Menschen sie benutzen. Laut dem aktuellen Jahrbuch Sucht der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen rauchen 1,4 Prozent der Deutschen, also 1,1 Millionen, regelmäßig E-Zigarette. Die Umsätze mit E-Zigaretten steigen stetig. Branchenangaben zufolge lagen sie 2015 noch bei 275 Millionen Euro, 2016 schon bei 400 und für 2017 werden 600 Millionen erwartet. Und es gibt schon wieder einen neuen Trend: sogenannte Hybrid-Zigaretten, wie die großflächig beworbene Iqos von Tabak-Hersteller Philipp Morris. In diese Geräte kommen Tabakstifte, die nicht verbrannt, sondern auf 240 bis 380 Grad Celsius erhitzt werden. Den entstehenden Rauch inhaliert man durch ein Mundstück.

Krebserregende Substanzen

Die Auswirkungen des Hybrid-Rauchs auf Nichtraucher ist noch weniger untersucht als bei der E-Zigarette. „Es kann aber Rauch auch ohne Feuer geben“, schreibt Reto Auer, Medizin-Professor an der Universität Bern, in einer Studie, die im Mai im „Journal of the American Medical Association“ veröffentlicht wurde. Darin untersuchte Auer mit seinem Team die Hybrid-Zigarette Iqos. Er und sein Team fanden krebserregende Substanzen wie Acetaldehyd, Formaldehyd und polyzyklische aromatische Verbindungen.

„Um die Definition von Rauch herumzutänzeln, wie es die Tabak-Industrie tut, um Nichtraucher-Gesetze zu umgehen, ist unethisch“, ärgert sich Auer. „Erhitzte Tabak-Produkte wie Iqos sollten unter die gleichen Rauchverbote fallen wie konventionelle Zigaretten.“