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Mittwoch, 12. April 2017 Drucken

Neustadt

Diedesfeld: Kein Gottesdienst in St. Remigius möglich

Von Anke Wanger

 

Der Dachstuhl ist einsturzgefährdet.

Der Dachstuhl ist einsturzgefährdet. (Foto: Linzmeier-Mehn)

Die Wandmalereien zeigen Risse.

Die Wandmalereien zeigen Risse. (Foto: Linzmeier-Mehn)

Aus Sicherheitsgründen darf in dem denkmalgeschützten Barockbau von 1752, St. Remigius in Diedesfeld, nun auch kein Gottesdienst mehr stattfinden.

Unter dem Kirchendach der St. Remigius Pfarrkirche in Diedesfeld ist es dunkel, und es weht ein leises Lüftchen, trotzdem riecht es alt, abgestanden und muffig. Entfernt sickert Licht an offenbar undichten Stellen ins Dunkel, das Verwaltungsratsmitglied Torsten Boschert durch Öffnen des schweren Klapptürprovisoriums erhellt. Schnell wird der traurige Zustand des Dachstuhls an zahlreichen Mängeln sichtbar. Die Schäden sind deutlich schlimmer als erwartet (wir berichteten zuletzt am 15. Februar).

Balkenteile sind entfernt und die Reste mit Metallzügen gesichert worden, die untere Decke scheint durch, alte Lichtleitungen liegen auf rußgeschwärztem Holz von einem vermutlich gerade noch rechtzeitig gelöschten Schwelbrand. „Von jedem Handwerker, der in der letzten Zeit hier war, gab es eine neue Hiobsbotschaft“, fasst Torsten Boschert zusammen.

Bei der Begehung mit dabei ist Günter Anton aus Hambach, ebenfalls Verwaltungsratsmitglied der Großkirchengemeinde Heilig Geist, begleitet von einer Kirchensachverständigen, die sich umschaut und jenseits des Protokolls Stellung bezieht. Nachdem klar ist, dass die Kirchensanierung extrem schwierig und weit kostspieliger, als die ursprünglich erhofften 350.000 Euro wird, greift die Kirchengemeinde Diedesfeld nach jedem Strohhalm, verbunden mit dem nur leicht spaßig vorgetragenen Wunsch nach „zahlreichen Erbtanten“.

Nicht nur der bereits festgestellte Hausbock ist das Problem. Die ganze Konstruktion bringt selbst Fachleute an ihre Grenzen. Ihre Pläne, Zeichnungen und Balkenbeschriftungen zieren mittlerweile den Dachboden. Je mehr freigelegt ist, umso tiefgreifender sind die entdeckten Schäden und umso unübersichtlicher die Gesamtlage, denn Dach, Decke und Mauerwerk bilden ein abhängiges Statikgebilde, das noch subtiler durch die verwendeten Baumaterialien wird. Extrem krumme Naturholzbalken bilden nur schwer ausbesserbare Einheiten. An einen durchgängigen Mittelbodenbalken verzapft, gehen die Bodenquerbalken beidseitig über die Länge des Kirchenschiffs ab, die das Gewicht der ebenso hohen wie schweren Dach- und Deckenkonstruktion nach außen ableiten.

Die Decke „ein Stockwerk“ tiefer ist nur mit großen, aber einfachen, glatten Nägeln angeheftet und dadurch nahezu ungesichert, wenn die Balken, wie mehrfach geschehen, um die Nägel wegbröseln. „Falls jemand hier oben durch die Decke bricht, würde er nur ein Stockwerk tiefer bis zum nächsten Gerüst fallen“, meint Boschert leicht sarkastisch, denn auf dem Dachboden muss man stellenweise trittsicher hüpfen, um nicht in instabile Lehm- und Holzverbindungen zu treten.

Wieder unten im Kirchenschiff zeigt die Decke bereits Risse in den restaurierten Gemälden aus dem frühen 20. Jahrhundert. Mit im Boot ist so der Denkmalschutz und Dom- und Diözesankonservator Wolfgang Franz aus Speyer. In Diedesfeld sei über Jahrzehnte mehrfach versucht worden, zu reparieren, allerdings nie fachgerecht. Bei den künftigen Arbeiten würden die Handwerker in regelmäßigem Kontakt zu ihm beziehungsweise dem bischöflichen Denkmalamt stehen, erklärt Franz. „Wir werden hier nach dem Grundsatz verfahren, so viel Denkmalschutz wie möglich. Aber das A und O sind Funktionstüchtigkeit und Nachhaltigkeit.“

Wo altes Baumaterial nicht mehr zu retten sei, dürfe man im Interesse der Sicherheit auch auf zeitgenössische Möglichkeiten zurückgreifen und erhalte so zwar Kontraste, aber kein verfälschtes Sanierungsbild. Dass trotzdem hohe finanzielle Belastungen auf die Kirchengemeinde zukämen, die weit über der Ursprungsschätzung liegen, weiß der Fachmann, will sich über Zahlen aber erst nach vollständiger Bestandsaufnahme des Architekturbüros äußern. Fest stehe, dass sich Diedesfeld nicht allein auf die Großkirchengemeinde verlassen dürfe und selbst gefordert sei. Das Bistum werde bezuschussen, weil die regulären jährlichen Mittel Diedesfelds aus Kirchensteuern für laufende Kosten verplant seien. Die Kirchenstiftung werfe aufgrund niedriger Zinsen zu wenig ab.

Boschert weiß, dass viele Sonderaktionen wie Konzerte und Spendenaufrufe Gelder in die Kirchenkasse spielen müssten. Ideen seien dringend gesucht.

Im Innenbereich der Kirche wird derzeit alles holzverschalt, was man nicht abmontieren kann, wie Beichtstühle und Seitenaltäre. Die Orgel ist bereits gut eingepackt, Teile des dreiteiligen Orgelprospekts sind abgebaut. „Die Bänke bleiben halt stehen“, seufzt Boschert, obwohl die Kirche nun dauerhaft geschlossen bleibe und Gottesdienste im Pfarrheim, der Festhalle und Hambach stattfänden.

Wie innen wirkt die Kirche auch außen eingepackt, denn das Gebäude steht großflächig eingerüstet und mit mittlerweile verschlossen gesicherten Gerüsteingängen, da Leute wiederholt widerrechtlich den Turmaufstieg wagten, um privat Fotos zu schießen.

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