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Dienstag, 28. Juli 2015 Drucken

Landkreis Südwestpfalz

„Das Zeug liegt in Clausen“

Vor 25 Jahren begann der Abzug der Giftgasgranaten aus dem früheren US-Depot

Heute: Im Hintergrund sieht man den Wachturm des ehemaligen US-Depots, das mittlerweile umgenutzt ist. Ein Solarpark ist auf der Fläche entstanden, die von rund 30 Schafen beweidet wird. ( Foto: Teuscher)

Damals: Journalisten und Schaulustige verfolgen am 17. Juli 1990 den Probelauf für den Abzug der amerikanischen Giftgasgranaten aus dem Depot in Clausen auf der noch unvollendeten A 62. ( Foto: DPA)

Exakt am 26. Juli 1990 begann für die pfälzische Gemeinde Clausen die Befreiung von 102.000 gebunkerten Giftgasgranaten der hier stationierten US-Streitkräfte. Für Clausen war dies auch ein Ende des Kalten Krieges. Mit einem spektakulären Transport, der „Aktion Lindwurm“, verschwanden 400 Tonnen Giftgas aus dem einzigen Giftgas-Lager der US-Streitkräfte in Europa.

Vorbei sind die Zeiten der aufmerksamen Wachhunde, der gleißend hellen Scheinwerfer, der patrouillierenden Soldaten mit Waffen im Anschlag und anderen Sicherheitsmaßnahmen. „Seit Anfang der 80er Jahre machte die Friedensbewegung gegen die in Fischbach vermuteten Giftgas-Waffen mobil (...), denn im Ernstfall wäre der Gaskrieg auf deutschem Boden ausgetragen worden“, schrieb die RHEINPFALZ im Oktober 2000.

Dabei war es, anders als von der Friedensbewegung vermutet, nicht Fischbach, wo das Gas gelagert wurde. Rudi Geil, der damalige Innenminister, verkündete in der Bürgerversammlung am 7. März 1990: „Das Zeug liegt in Clausen.“ Die Granaten enthielten 400 Tonnen Nervengase VX und Sarin. Und sie lagerten knappe zwei Kilometer von der Clauser Dorfidylle entfernt. Nun war es raus. Empörung und Angst der Anwesenden wogen gleich. Da nutzten auch die Hinweise auf alle Sicherheitsvorkehrungen nichts, die von Geil, der in Clausen bis zur Abwicklung in privater Logie wohnte, bekannt gegeben wurden. Die Menschen wollten von dieser extremen Gefahr befreit werden.

Bereits 1986 war zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan der Abzug aller Chemie-Waffen vereinbart worden. Ursprünglich sollten die Giftgasgranaten erst 1992 weggeschafft werden. Aber der Druck der Friedensbewegung wurde zu groß, nachdem das Geheimnis gelüftet war. Der Abzug musste früher über die Bühne gehen. Unter der Leitung von Siegfried Korb wurde ein Polizeieinsatz von etwa 2000 Beamten organisiert. Die Politik in Deutschland und Amerika arbeitete Hand-in-Hand, so dass alle Missverständnisse und Hindernisse beseitigt werden konnten. Kurzfristig wurden aus Sicherheitsgründen 5000 Stahlbehälter in einem Mainzer Panzerwerk zum Abtransport der Granaten gefertigt.

Mit einem Konvoi von knapp 80 Fahrzeugen startete am 26. Juli 1990 die „Aktion Lindwurm“. Begleitet und beaufsichtigt von Tausenden aufgewühlten Zuschauern. Über die noch unvollendete A 62, damals noch eine Schotterstrecke, zum Depot Miesau fuhr der Konvoi. Jeden Morgen stand Rudi Geil am Straßenrand, zeigte Solidarität mit den Clauser Bürgern und beobachtete den Abtransport. Von Miesau aus fuhr der „Giftgas-Express“ per Bahn zum Nordseehafen Nordenham. Und am 19. September 1990 war in der RHEINPFALZ die Schlagzeile zu lesen: „Rheinland-Pfalz frei von Giftgas.“ Auf der Pazifik-Insel „Johnston Atoll“ wurde die Munition aus Clausen letztlich verbrannt.

Heute ist es ruhig geworden im ehemaligen US-Giftgas-Depot. Es gab viele Pläne für das 16 Hektar große Gelände und die dort existierenden 16 Bunker. Eine Pilzzuchtanlage etwa, die nicht den gewünschten Erfolg einfuhr. Jetzt beweiden zwischen 25 und 30 Kamerun-Schafe die Fläche. 13.600 polykristalline High-Tech-Solarmodule erzeugen erneuerbaren Strom. Es kehren heimische Vögel zurück, nisten sich ein, brüten wie das Falkenpaar im 15 Meter hohen – noch erhaltenen – Wachturm ihre Jungen aus. Die Idee von Ortsbürgermeister Harald Wadle, im ramponierten Wachturm eine Anlaufstation für Wanderer und Fahrradfahrer zu schaffen, treibt ihn immer noch um. Doch bei der Umsetzung klemmt es. Es müssten noch viele behördlichen Hürden genommen werden. Der Wachturm bleibt als Mahnmal auf jeden Fall erhalten. Er erinnert an jene gefährlichen Zeiten im „Hawedorf“ und in der Pfalz, die zum Glück längst vorbei sind. Ein Friedenskreuz wurde errichtet, an dem alljährlich ein Erinnerungsgottesdienst stattfindet. (mt)

Info
Weitere Fotos von damals hat unser Leser Emil Wadle in einer Bilder-Galerie zusammengestellt.