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Freitag, 10. April 2015 Drucken

Kaiserslautern

„Das Team war sehr berührt“

Der Asternweg: der Straßenzug, in dem der Sender Vox eine vierstündige Dokumentation gedreht hat. ( Foto: VIEW)

„Asternweg − Eine Straße ohne Ausweg“: So der Titel einer Reportage, die im Fernsehsender Vox am Samstagabend ausgestrahlt wird. Ein halbes Jahr wurde im Kalkofen gedreht. Die Macher des Kölner Senders sind mit ihrem Ergebnis sehr zufrieden.

210 Minuten beträgt die Netto-Sendezeit der Dokumentation, die von Juni 2014 bis Januar dieses Jahres im Kalkofen gedreht wurde. Die Recherchen der Produktionsfirma 99pro führten zu Kaiserslautern als Ausgangspunkt einer Reportage über Armut, erklärte gestern der Autor des Films, Michael Beck. Es sei bundesweit nach sozialen Brennpunkten gesucht worden, Hauptkriterium für Kaiserslautern als Drehort war, dass der Kalkofen einer der ältesten sozialen Brennpunkte bundesweit ist. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, existiere das Viertel seit Generationen. Das sei nicht in allen Städten so, denn in anderen Städten wechselten die Brennpunkte häufiger den Standort.

Das Filmteam habe vor Ort ein Büro gehabt, schilderte Beck: „Wir waren sehr präsent dort.“ Zwar sei die Crew nicht immer vor Ort gewesen, doch ein Kameramann habe permanent die Stellung gehalten: für alle Fälle. Die Überlegung sei gewesen, „echtes Leben einzufangen“. Was gibt es dort für Menschen? Mit wem drehen wir häufiger? Das seien die Anfangsfragen gewesen, deren Beantwortung mit den persönlichen Schicksalen der Menschen zusammenhingen, mit ihren Lebensumständen.

„Wir haben nichts inszeniert"

„Wir haben nichts inszeniert“, konstatierte der Autor. Die Kamera habe die Bewohner begleitet, wenn ein Anlass dafür vorlag: zum Arzt oder beim Umzug in eine neue Wohnung. Auch zum Treffpunkt Kaiserbrunnen seien die Protagonisten begleitet worden sowie mehrfach zum Jobcenter, schilderte Beck. „Das Team war sehr berührt von den Menschen, den Schicksalen und den Verhältnissen vor Ort“, gab er die Empfindungen der Filmemacher wider. Der fertige Film sei „alles andere als ein voyeuristischer Blick“ auf die Verhältnisse und Menschen im Kalkofen, er stelle Armut dar. Armut, wie sie in vielen Städten in den Gegenden Fakt sei, in denen es an Geld, Entwicklung und Bildung fehle.

Alles in allem habe das Filmteam ein Jahr an der Reportage, die morgen von 20.15 bis 0.10 Uhr ausgestrahlt wird, gearbeitet. Zur Vorbereitung hatte die Produktionsfirma ein Gespräch mit der Stadtverwaltung und dort „einen ziemlich großen Fragenkatalog hingeschickt“, erklärte Beck die Vorgehensweise. Dabei sei es um konkrete Fragen gegangen, wie die Renovierungen, Mieten oder die mobilen Duschen. Die Fragen seien über mehrere Wochen in den einzelnen Abteilungen der Stadtverwaltung besprochen und dann zum Teil beantwortet worden.

Die Stadtverwaltung habe dem Projekt insgesamt „ganz aufgeschlossen“ gegenüber gestanden. Trotz mehrfacher Nachfragen sei jedoch nicht erreicht worden, dass „sich jemand von der Stadt vor der Kamera geäußert hat“, bedauerte Beck. Alles in allem jedoch sei 99pro „sehr, sehr glücklich mit der Entscheidung für Kaiserslautern“, fasste Michael Beck zusammen.

Diverse Dienststellen der Stadtverwaltung waren in das Filmprojekt involviert, seien von dem Produktionsteam verschiedentlich um Unterstützung und Auskünfte gebeten worden, stellte die Stadtverwaltung fest. Ebenfalls im Boot sei das Arbeits- und Sozialpädagogische Zentrum (ASZ) gewesen, das sich im Asternweg nicht nur um die Wohnblöcke mit den Flüchtlingen kümmert. (ita)

 

Zur Sache: Der Kalkofen

Der Kalkofen, der im Mittelalter auf dem Flurstück „Kalkofen“ stand, soll in ein Hünengrab hineingebaut gewesen sein. Beim Kalkbrennen waren die großen Steine des keltischen Grabes von Nutzen: Sie hielten die Hitze. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Kalkofen als illegale Barackensiedlung errichtet, damals noch „Am Enkenbacher Weg“. Nach verschiedenen städtischen „Brandrodungen“ wurde 1955 am Enkenbacher Weg der erste Block mit 32 Wohnungen gebaut. 1957  beschloss der Stadtrat, den Enkenbacher Weg in den alten Flurnamen „Am Kalkofen“ umzutaufen.  Ebenfalls 1957 verkündete die Stadt, dass die Bewohner aus den „Nissenhütten und Holzbaracken am Enkenbacher Weg“ gerade gegenüber in neuen Wohnblocks mit Einfachwohnungen untergebracht worden seien. Aus dem Enkenbacher Weg wurde der Kalkofen. Die letzten Elendswohnungen wurden 1972 abgerissen, es entstanden die Blöcke, die zum Teil heute noch stehen. 2000 wurde der Kalkofen in Astern-, Veilchen- und Geranienweg umbenannt. (urg)