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Mittwoch, 10. Juli 2019 Drucken

Bad Dürkheim

Das Glücksrad

Rund ums Rad: Warum Fahrradfahren gesund ist und sogar bei Depressionen helfen kann

Von Nils Henke

Ab in die Natur: Gemütlich über Land radeln reduziert Stress.

Ab in die Natur: Gemütlich über Land radeln reduziert Stress. ( Foto: dpa)

«Bad Dürkheim.» Fahrradfahren ist für den Körper grundsätzlich gesund – es beugt nachweislich Herzkreislauferkrankungen vor und senkt das Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken. Doch der olle Drahtesel kann noch mehr: Laut einer Studie der Uniklinik Tübingen macht Fahrradfahren glücklich und schützt vor Depressionen.

Wer einmal an einem verregneten Novembermorgen bei acht Grad mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren ist, hat es vermutlich gar nicht bemerkt: Er war glücklich. Zumindest biochemisch. Kaum ein Ausdauersport lässt sich so leicht in den Alltag integrieren und hat gleichzeitig so umfassende positive Auswirkungen auf Körper und Seele wie das gleichmütige Treten in die Pedalen.

Doch der Reihe nach. Wer Fahrrad fährt, macht zunächst einmal ein Ausdauertraining, ähnlich wie beim Joggen oder Schwimmen. Doch warum sollte man das Fahrradfahren dem Dahintrotten und -kraulen vorziehen? „Sie kommen viel mehr rum“, meint Andreas Strack von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement. Wer mehr sieht, ist motivierter. Und wer motiviert ist, tritt öfter in die Pedale. Und tut seinem Herz einen Gefallen.

Denn mit der Zeit senkt sich dessen Frequenz bei Anstrengung, es wird unempfindlicher gegenüber Stresshormonen, spart Sauerstoff und arbeitet insgesamt ökonomischer. „Die Abnahme der Herzfrequenz um zehn Prozent bewirkt eine Sauerstoffeinsparung von etwa 15 Prozent“, sagt Oliver Huf, Chefarzt für Innere Medizin und Kardiologie am Evangelischen Krankenhaus Bad Dürkheim. In der Folge kommt es im vegetativen Nervensystem zu einer Verschiebung zugunsten des Parasympathikus. Oder einfacher gesagt: Aus dem „Stress-Typ“ wird eine „Ruhe-Typ“.

Das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, verringert sich laut Huf ebenfalls. Oft werde die Krankheit fälschlicherweise als „Altersdiabetes“ bezeichnet: „Wir haben diese Erkrankung speziell durch Bewegungsmangel und Fehlernährung auch bei jungen Menschen.“ Durch die körperliche Aktivierung kommt es auch zu einer vermehrten Gefäßbildung in der Körper- und Herzmuskulatur, die wiederum eine verbesserte Durchblutung anrege. Auch die Zusammensetzung des Blutes ändert sich, die Fließeigenschaften werden besser.

Stichpunkt Muskeln: Werden die nicht trainiert, baut der Mensch sie kontinuierlich im Laufe seines Lebens ab. Fahrradfahren wirkt dieser Entwicklung entgegen, und zwar nicht nur in den Beinen: Etwa ein Sechstel der Gesamtmuskulatur wird laut Huf beim Fahrradfahren trainiert.

Radeln gegen trübe Gedanken

Nicht nur die körperliche, auch die seelische Gesundheit profitiert vom Radeln. Viele Fahrradfahrer berichten, dass die gleichmäßige Bewegung eine positive, ausgleichende Wirkung auf ihre Stimmung habe. 2018 wiesen Mediziner vom Universitätsklinikum Tübingen diesen Effekt in einer Studie nach: Die Forscher nahmen bei älteren Menschen mit wiederkehrenden Depressionen Blutwerte, die bei der Entstehung einer Depression eine entscheidende Rolle spielen. Anschließend ließen sie die Probanden 30 Minuten radeln und verglichen die Werte nach der Ausdauerbelastung mit denen einer gesunden Vergleichsgruppe.

Das Ergebnis: Die Werte hatten sich bei fast allen Patienten mit Depressionen normalisiert. Neben der Ausschüttung von Glückshormonen, den Endorphinen, erklärten die Mediziner dies mit dem zyklischen, fast schon meditativen Treten. Allerdings stellt sich dieser Effekt schwer ein, wenn man zur Hauptverkehrszeit zwischen Autoschlangen hindurchschlängeln, die Forscher empfehlen das Fahrradfahren in der Natur.

Ein weiterer positiver Aspekt: „Fahrradfahren hat einen positiven Effekt auf die geistige Leistungsfähigkeit. Verbesserte Hirndurchblutung und die insgesamt vermehrte Aufnahme von Sauerstoff in den ganzen Organismus führen zu einer verbesserten Konzentrationsfähigkeit“, weiß Kardiologe Huf. Wer sich nun in Erwartung jungbrunnenhafter Grunderneuerung auf sein Rad schwingen möchte, sollte allerdings ein paar Dinge beachten: So empfiehlt Huf, zunächst mit niedriger Belastung zu trainieren, also lieber mit viel Zeit längere Strecken gemütlich zu fahren. Vor intensiveren radsportlichen Belastungen ab dem 40. Lebenjahr empfiehlt der Arzt, sich vorher medizinisch durchchecken zu lassen und dann behutsam die Belastung zu steigern.

„Es gibt keine Trainingseffekte, wenn man nur alle acht Wochen das Fahrrad benutzt“, sagt der Kardiologe. Hier sei eine Regelmäßigkeit anzustreben, allerdings wieder mit Augenmaß: Wie jeder andere Ausdauersport dürfe hier auch kein negativer Stress provoziert werden, etwa, weil man sich das Gefühl gibt, ständig mit dem Fahrrad unterwegs sein zu müssen.

Die Serie

Von 14. August bis 4. September machen der Kreis Bad Dürkheim und alle seine Gemeinden bei der bundesweiten Kampagne „Stadtradeln“ mit. In den drei Wochen sollen so viele Kilometer wie möglich mit dem Rad statt mit dem Auto zurückgelegt werden. Teams sammeln gemeinsam Kilometer für ihre eigene und für die Kreis-Wertung. Im Vorfeld des Stadtradelns berichten wir in dieser Serie über Themen „Rund ums Rad“.

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