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Montag, 04. August 2014 Drucken

Südwest

Ausnahmezustand nach Zugunglück

Der Unglücksort am Samstag: Der zweite und dritte Wagen des Eurocity sind umgestürzt. Links daneben: die aus den Gleisen geratene Lok des Güterzugs, dahinter der entgleiste Güterwaggon, von dem zwei Container gekippt sind. (Foto: DPA)

Arbeiter räumten gestern Teile des Fahrwerks eines umgestürzten Waggons von den Gleisen. (Foto: Kunz)

Nach dem schweren Zugunglück am Freitagabend auf dem Mannheimer Hauptbahnhof müssen sich Bahnreisende aus der Region auch in den kommenden Tagen auf Beeinträchtigungen des Zugverkehrs einstellen. Bis gestern Abend sollte die Unfallstelle geräumt werden. Jetzt müssen Gleise, Oberleitungen und Signale überprüft und repariert werden.


Mannheim (evo/dpa). Am gestrigen Nachmittag herrscht immer noch Ausnahmezustand auf dem Mannheimer Hauptbahnhof. Bereits in der Eingangshalle werden Reisende an der elektronischen Anzeigetafel vorgewarnt: „Aufgrund von Streckensperrungen kommt es zu Verspätungen und gegebenenfalls Zugausfällen, bitte informieren Sie sich.“ An den Infoschaltern haben sich längst lange Schlangen gebildet. Wer genügend Zeit eingeplant hat, wartet geduldig, andere wirken nervös und abgehetzt. Auf einem kleinen Zettel vor der Scheibe der Information heißt es: „Alle ICE, IC und EC-Züge fahren heute auf Gleis 7/8.“ Dort herrscht entsprechend Hochbetrieb.

Auf den insgesamt zehn Gleisen des Bahnhofs der baden-württembergischen Universitätsstadt, der ein zentraler Knotenpunkt vor allem im deutschen Fernverkehr ist, wiederholt sich der Hinweis: „Aufgrund einer Streckensperrung kommt es zu Gleisänderungen. Bitte Ansage beachten!!!“ Eine verzerrte Frauenstimme macht in regelmäßigen Abständen darauf aufmerksam, dass der ICE nach Zürich über Karlsruhe und Stuttgart an diesem Sonntag entfällt. „Wir bitten um Entschuldigung.“

Dabei ist auf den ersten Blick zwischen den ein- und abfahrenden Zügen fast nichts mehr von dem Unglück zu sehen, das sich hier am Freitagabend um kurz vor 21 Uhr ereignet hat: Bei der Einfahrt in den Bahnhof kollidiert ein Güterzug aus dem Ruhrgebiet, der unter anderem mit ätzenden Stoffen beladen ist, mit zwei Personenwagen eines Eurocity aus Graz auf dem Weg nach Saarbrücken. Die Wagen des Eurocity kippen auf die Seite, 35 Menschen werden verletzt, vier davon schwer.

Die Unglücksstelle an der Bahnhof-Südseite ist gestern nur vom südlichen Ende der Bahnsteige aus zu sehen. Die Aufräumkräfte haben bereits ganze Arbeit geleistet. Nur noch die zwei umgekippten Wagen des Eurocity liegen auf den Gleisen, die Güterzug-Lok daneben steht in Schieflage schräg auf den Schienen.

Eine Handvoll Schaulustige macht sich ein Bild von der weiträumig abgesperrten Unglücksstelle. Und konserviert den Anblick per Smartphone. „Ob die das heute wieder hinkriegen?“ fragt eine Frau ihre Nachbarin zweifelnd. Und ein Mann sagt mit ernster Mine zu einem Bahnmitarbeiter in orangefarbener Warnweste: „Das hätte auch viel schlimmer ausgehen können.“ Der nickt.

Mit einem Kran sollten im Lauf des Sonntags alle verbliebenen Zugteile wieder auf die Gleise gehievt und dann abtransportiert werden, wie eine Bahnsprecherin am Nachmittag erklärt. Seit der Freigabe der Unfallstelle durch die Ermittlungsbehörden am Samstagabend haben Mitarbeiter des Unternehmens die ganze Nacht durchgearbeitet, um die beiden Unfallzügige wegzufahren. Außerdem mussten die Oberleitungen verschwenkt werden.

Damit seien die Aufräumarbeiten und damit auch die Beeinträchtigungen im Zugverkehr aber noch längst nicht beendet, wie die Bahnsprecherin betont: „Wir müssen anschließend die Gleisanlagen, die Oberleitung und die Signale gründlich überprüfen und gegebenenfalls reparieren.“ Eine Prognose darüber, wie lange diese Arbeiten noch dauern werden, wollte das Unternehmen gestern nicht abgeben. Bahnreisende sollten sich darauf einstellen, dass die Beeinträchtigungen mindestens noch in dieser Woche in der Region spürbar sein werden.

Auch die Suche nach der Unfallursache wird nach Angaben der Polizei noch einige Zeit dauern. Ermittelt werde in „alle Richtungen“. Experten der Bundespolizei und der Unfalluntersuchungsstelle haben am Wochenende die Spuren gesichert. Die Experten beschäftigt vor allem die Frage, warum der Güterzug den Eurocity seitlich rammte. Laut Bundespolizei wird geprüft, ob dabei eine Weiche eine Rolle spielt. Im Blickpunkt stehen dabei aber auch der Betriebsablauf und das ordnungsgemäße Funktionieren von Signalen und Fahrzeugen.

Der Mannheimer Bahnhof ist bei dem Unglück nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt: Nur weil das Tempo der beiden Züge bei der Fahrt in den Hauptbahnhof gedrosselt war, lief der Unfall relativ glimpflich ab. Fünf der neun Wagen des Eurocity entgleisten laut Bahn, zwei davon stürzten um. Der Güterzug auf dem Weg von Duisburg nach Ungarn hatte laut Bundespolizei zwei Gefahrgut-Container geladen. Diese seien aber nicht beschädigt worden. Das zuständige niederländische Unternehmen ERS Railways verwies auf Nachfrage zum Inhalt der Container auf die Ermittler in Mannheim. In einer Stellungnahme hieß es, man biete bei der Aufklärung volle Kooperation an und sorge sich um die Verletzten.

Die 250 Passagiere des EC 216 aus Graz waren am Freitagabend aus den Waggons befreit worden. 14 Verletzte wurden der Polizei zufolge in Krankenhäusern behandelt. Wie viele Unglücksopfer sich gestern noch in den Hospitälern in und um Mannheim befunden haben, war nicht zu erfahren. Lebensgefahr soll bei keinem Fall bestanden haben.