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Samstag, 25. März 2017 Drucken

Kirchheimbolanden

"Archos" zu Gast am Donnersberg: Nicht alle freuen sich über Luchs-Besuch

Dass der bei Waldleiningen freigelassene „Arcos“ auch in der hiesigen Region unterwegs war, sorgt für geteilte Meinungen

Von Winfried Maier

 

Ab in die Freiheit: Vor rund zwei Wochen wurde Luchs „Arcos“ bei Waldleiningen freigelassen. Dass er schon im Donnersbergkreis unterwegs war, ruft unterschiedliche Reaktionen hervor. Beim Landesjagdverband macht man sich Gedanken um das am Donnersberg lebende Muffelwild. ( Archivoto: VIEW)

Dass der vor rund zwei Wochen bei Waldleiningen freigelassene männliche Luchs „Arcos“ auch dem Donnersbergkreis schon einen Besuch abgestattet hat, ruft hier in der Region unterschiedliche Reaktionen vor. Während sich manche begeistert zeigen, machen sich andere ihre Gedanken. Auch um das am Donnersberg lebende Muffelwild.

 

Bei Renate Bickmann ist die Freude beispielsweise groß: „Jahrelang haben wir darauf hingearbeitet, und jetzt ist er da. Ich freue mich, dass wir einen haben! Und jetzt müssen wir abwarten, was daraus wird“, sagt die Pächterin des Jagdreviers von Münchweiler, die auch mehrfache Funktionsträgerin in der Kreisgruppe Donnersberg des Landesjagdverbands Rheinland-Pfalz (LJV) ist. Der Landesjagdverband hat in dieser Woche aber auch seine Bedenken zum Ausdruck gebracht. Mit Sorge sehe man den Auswirkungen auf das heimische Muffelwild entgegen. „Arcos war bei seiner Wanderung dem Muffelwild-Bewirtschaftungsbezirk im Donnersbergkreis sehr nahe gekommen. Sollten im Rahmen des Wiederansiedlungsprojekts weitere Luchse diesen Bereich aufsuchen, wäre der Bestand der Wildschafe gefährdet, da sie leichte Beute für den Luchs wären“, heißt es in einer Mitteilung des Landesjagdverbandes.

Luchs „Arcos“ soll bereits 130 Kilometer zurückgelegt haben. So hat er zweimal die A 65 überwunden, um seiner Patenstadt Neustadt einen inoffiziellen Besuch abzustatten und wieder in den Pfälzerwald zurückzukehren. Bei Carlsberg querte er die A 6. Ob er dabei die Grünbrücke „Wattenheimer Wald“ benutzte, konnte nicht nachgewiesen werden. Aber die Auswertung der GPS-Daten seines Halsbandsenders gab Aufschluss darüber, dass er bei Münchweiler auch die A 63 und bei Rockenhausen die B 48 überquerte. Den Donnersberg habe er nur „randlich gestreift“, und mittlerweile soll er sich im Kreis Kusel wieder mehr in südlicher Richtung orientiert haben.

Dass „Arcos“ auf seiner Wanderung bisher mindestens ein Reh gerissen habe, nimmt Renate Bickmann gelassen hin: „Klar, der Luchs wird sich schon das eine oder andere Stück Wild holen. Aber die Tiere sind auch lernfähig, sie werden die neue Gefahr erkennen und in Zukunft vorsichtiger sein.“

Martin Teuber, Revierförster von Dannenfels und geschäftsführender Vorsitzender der Muffelwild-Hegegemeinschaft Donnersberg, sieht noch keine Gefahr für die Mufflons – solange nur einzelne Luchse durch den Landkreis streifen. Bedenklich würde es auch seiner Ansicht nach für das Muffelwild am Donnersberg werden, wenn auf einmal viele dieser „Beutegreifer“ auftauchen würden. Hier verweist Teuber auf den Harz, wo Luchse ein Muffelvorkommen nahezu ausgelöscht hätten. Viel eher müsse man sich Sorgen um die Luchse selbst machen wegen des dichten Straßennetzes in der Region, fügt der Forstmann an.

Ähnlich sieht es Torsten Windecker, Kreisgruppenvorsitzender der Donnersberger Jäger im LJV: „Wir können die Wege des Luchses nicht steuern, er wird seiner eigenen Nase folgen. Je mehr Straßen er überquert, desto größer ist aber die Gefahr, dass er dabei umkommt.“ Windecker hält es für denkbar, dass „Arcos“ bei seinem Streifzug noch die vor Kurzem verlorene Schweizer Heimat sucht. Im Übrigen rät auch dieser Jagd-Funktionär zum Abwarten und äußert die Ansicht, dass die Luchse angesichts des vorhandenen Rehwildbestandes tragbar seien.

Etwas kritischer sieht Kreisjagdmeister Klaus Weber die Situation: „Bei manchem Jäger, der im Pfälzerwald für viel Geld ein Hochwildrevier gepachtet hat, wird sich die Begeisterung für die Luchse bestimmt in Grenzen halten. Denn diese Beutegreifer werden nicht nur Rehe, sondern auch Rotwildkälber erbeuten.“ Grundsätzlich vertritt der Kreisjagdmeister die Ansicht, dass der Luchs dort, wo er von alters her seinen Lebensraum behauptet hat, auch weiterhin seine Daseinsberechtigung behalten solle. Hier hingegen, wo er 150 Jahre nach seiner Ausrottung wieder eingebürgert werde, ginge das zu Lasten der inzwischen vorhandenen Wildstruktur, ganz abgesehen davon, dass er die Landschaft, in der er zuvor Jahrhunderte lang beheimatet war, ohnehin nicht mehr vorfände. Die Bevölkerungsdichte, hohe Freizeitaktivitäten und die flächendeckende Vernetzung der Verkehrswege durch Autobahnen und Bundesstraßen mit hohen Fahrzeugdichten sowie die Eisenbahnstrecken würden für die Luchse immense Gefahren bergen.

Rüdiger Viessmann, Vorsitzender der Nabu-Gruppe Donnersberg, hingegen fände es klasse, wenn sich zu dem Kuder ein Weibchen gesellen würde: „Wenn sich da ein Pärchen fände und Nachwuchs zeugen würde, wäre das toll!“ Viessmann hat Vertrauen in die Lernfähigkeit der Luchse und deren Fähigkeit, mit den vorhandenen Strukturen klar zu kommen. Sein Fazit: „Ob dieser Lebensraum für ihn geeignet ist, entscheidet letztlich der Luchs selbst.“

Auf die Frage, wie er dazu stehe, wenn sich im Donnersbergkreis Luchse auf Dauer festsetzten würden, verweist Lothar Burkhart, Leiter des Forstreviers Wittgemark, auf seine Ausführungen bei der Rockenhausener Stadtwaldbegehung vom Juli 2015 (wir berichteten). Zunächst sei demnach in den zurückliegenden Jahren in der Region gleich zweimal ein Luchs gesehen worden. Diesen Sichtungen fehle allerdings der wissenschaftliche Nachweis. Burkhart hielt es seinerzeit für möglich, es könne sich dabei um einen „Grenzgänger“ von der französischen Seite handeln, der einen „Jagdausflug“ an den Donnersberg gemacht habe. In diesem Zusammenhang verwies der Forstmann auf das Wiederansiedlungs-Programm in den Vogesen aus dem Jahre 1983 mit 20 Luchsen, das mittlerweile als weitgehend gescheitert angesehen werden könne.

Ob das aktuelle Wiederansiedelungs-Projekt im Pfälzerwald Erfolg haben werde, vermochte der Förster nicht zu beurteilen. Er ist skeptisch – wegen der vielfältigen zivilisatorischen Störungen in unserer Region. Was die Verbreitung betrifft, wies Burkhart darauf hin, dass Luchse zwar Einzelgänger seien, aber hin und wieder doch Sozialkontakte und Revierüberschneidungen üblich seien. Da die größte europäische Wildkatze natürliche Barrieren nur schwer überwinde, erscheint ihm eine Ausdehnung des Verbreitungsgebiets zumindest fraglich. Auf diesen Aspekt hat „Arcos“ inzwischen allerdings eine Antwort gegeben: Mindestens drei Autobahnen hat er in kürzester Zeit überwunden.