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Sonntag, 06. November 2016 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Albert Espinosa erzählt im "Club der roten Bänder" seine Geschichte

Von Julia Macher

Albert Espinosa vor blauem Himmel.

„Ich bin wohl einer der wenigen, die wirklich sagen können, mit einem Bein im Grab zu sein“, sagt Albert Espinosa. Als 14-Jähriger sah er dem eigenen Tod ins Auge. Durch eine Krebserkrankung verlor er sein linkes Bein. Er hat es begraben. (Foto: privat)

Albert Espinosa inmitten der Schauspieler des deutschen „Clubs der roten Bänder“.

Albert Espinosa inmitten des deutschen „Clubs der roten Bänder“. Die preisgekrönte Serie des Senders Vox erzählt in Anlehnung an Espinosas Biografie von der Freundschaft sechs Jugendlicher in einem Krankenhaus. Jeweils montags, 20.15 Uhr. (Foto: privat)

Zehn Jahre verbrachte Albert Espinosa im Krankenhaus, beinahe hätte der Krebs gesiegt. In der Klinik aber fand der Spanier Freundschaft und Zuneigung. Die Geschichte vom „Club der roten Bänder“ hat er aufgeschrieben – ein Welterfolg. Morgen startet die zweite Staffel auf Vox. Besuch bei einem Unverwüstlichen.

Komm, machen wir es uns bequem“, sagt Albert Espinosa. Er setzt sich aufs Sofa, schnallt sein linkes Bein ab und lehnt die Prothese ans gläserne Sofatischchen. Das Plastikkunstbein mit Socke und Sneaker ist ein irritierender Anblick. Espinosa registriert das, lacht und legt los: „Das ist mein neues Bein, ein Fabrikat aus Duderstadt. Ich bin also gerade zu 13, 14 Prozent deutsch. Das Beste: Das Bein ist elektronisch und ich kann damit wieder tanzen!“ Und schon ist man mittendrin in Espinonas Lebensthema.

Alberts letzter Tanz

Alberts letzter Tanz liegt knapp drei Jahrzehnte zurück. Er tanzte ihn als krebskranker 14-Jähriger am Vorabend der Amputation. Aufgefordert hatte ihn damals die Nachtschwester, und aus dem Kassettenrekorder seines Zimmernachbarn tönte passenderweise der spanische Schlager „Warte auf mich im Himmel“. Der Abschiedstanz fürs Bein findet sich leicht variiert in der Auftaktfolge der Vox-Serie „Der Club der Roten Bänder“ wieder, die auf Albert Espinosas Erlebnissen basiert. In der Serie gründen schwer kranke Kinder und Jugendliche einen Club. Ihr Erkennungszeichen: das rote Armband, das ihnen vor Operationen umgelegt wird. „Meine Ärzte empfahlen mir damals, mich ganz bewusst zu verabschieden. Und ich habe das so gut gemacht, dass ich nie Phantomschmerzen hatte“, erzählt Espinosa.

 

Er kuschelt sich in seinen Kapuzenpulli. Der Bestsellerautor kleidet sich auch mit 43 Jahren wie ein Teenie, aus den Augen blitzt der Schalk: „Ich glaube, es ist wichtig, dass wir nie den Menschen vergessen, der wir einmal waren. Der Krankenhaus-Albert lebt in mir weiter, ich spreche jeden Tag mit ihm.“ Wie reagierte der Krankenhaus-Albert damals auf die Diagnose Knochenkrebs? Espinosa zuckt mit den Schultern: „Natürlich kommt zuerst der Schock. Aber wenn man dem Tod so nahe war wie ich, verliert man die Angst davor, lebt ganz im Jetzt.“

Überlebenschance 3 Prozent

Eine dreiprozentige Überlebenschance gaben die Ärzte dem jungen Albert. Espinosa erinnert sich gut an den Todesschreck im Blick der Mutter, an die Panik im Gesicht des Bruders, die bemüht kumpelhaften Aufmunterungsparolen der Freunde – und ihre Erleichterung, als sie das Krankenzimmer verließen. Natürlich auch an die eigene Fassungslosigkeit, die immer wieder in Wut und Trauer umschlug. Einen guten Monat brauchte er, um sich nach der Amputation in die Klinikwelt einzufinden. Um sich an die Abläufe zu gewöhnen und sich auf die Begegnungen mit Mitpatienten, Ärzten, Pflegern einzulassen.

 

Im Krankenhaus, erzählt Espinosa, entfalten sich Freundschaften unter ganz anderen Vorzeichen als in der Welt der Gesunden: direkter, bedingungsloser, absoluter, über Altersgrenzen und Freizeitvorlieben hinweg. „Es sind Freundschaften, die irgendwo zwischen normaler Freundschaft und Liebe stehen“, sagt Espinosa. „Die Gelben“ nennt er diese Wahlverwandtschaften, nach der Färbung, die ihre Haut nach den Chemo-Therapien annahm. Sie hätten ihm ganz wesentliche Dinge beigebracht. Die wichtigsten Erkenntnisse? „Es ist nicht traurig zu sterben, es ist traurig, nicht intensiv gelebt zu haben.“ Und: „Jeder Verlust ist ein Gewinn.“

Ohne linkes Bein, einen Lungenflügel und ein sternförmiges Stück Leber

Zwei Jahre nach dem linken Bein entfernten ihm die Ärzte einen Lungenflügel; als er 18 wurde, schnitt man ihm ein sternförmiges Stück Leber heraus. Espinosa fasst seine Krankengeschichte so zusammen: „Bei der ersten großen Operation habe ich einen Stumpf gewonnen, bei der zweiten gelernt, dass man mit der Hälfte leben kann, und seit der dritten trage ich einen Sheriffstern in meiner Brust.“ Diesen Satz sagt der Schriftsteller in fast jedem Interview.

 

Ebenso gern erzählt er die Geschichte, wie die Jugendlichen auf seiner Station die nicht gelebten Leben der verstorbenen Mitpatienten unter sich aufteilten. „Mir sind damals 3,7 Leben zugefallen, macht mit meinem 4,7 Leben. Ich habe also eine ganze Menge an Plänen, Träumen, Hoffnungen übernommen.“ Das erklärt vermutlich auch seinen unermüdlichen Schaffensdrang. Nachdem er mit 24 Jahren als endgültig geheilt aus dem Krankenhaus entlassen wurde, studierte er in Barcelona Maschinenbau, gründete eine Theatergruppe und begann parallel mit dem Schreiben: Sechs Romane und 18 Theaterproduktionen sind es bisher; dazu kommen 20 TV-Serien und sieben Filme, in manchen war er nicht nur Drehbuchautor, sondern stand als Schauspieler auch vor der Kamera, einmal als Regisseur auch dahinter. Sein jüngstes Projekt: Trompetespielen lernen. Für jemanden mit nur einem Lungenflügel eine echte Herausforderung. „Ich habe noch nie etwas gemacht, was wirklich einfach war“, sagt Albert.

Unverwüstlicher Optimismus

Wegen seines unverwüstlichen Optimismus hat ihn eine Zeitung einmal „Messias des positiven Denkens“ genannt. Albert Espinosa lacht über solche Etiketten ebenso wie über den gehässigen Kommentar, den er neulich über sich auf Twitter las: Er sei nach Fußballstar Lionel Messi vermutlich der Mann, der am meisten Kapital aus seinem Bein geschlagen habe: „Der Witz war wirklich gut, den habe ich mir sofort angeeignet.“ Zudem: Warum sollte er auch nicht immer wieder übers Gleiche sprechen? „Viermal den Krebs zu besiegen war schließlich das Wichtigste, was ich in meinem Leben gemacht habe.“

 

„Der Club der roten Bänder“ war bisher in 23 Ländern zu sehen. In den USA hat Steven Spielberg höchstpersönlich die Serienrechte erworben. „Natürlich war es großartig, diesem Mann die Hände schütteln zu dürfen“, sagt Albert Espinosa, viel wichtiger als der kommerzielle Erfolg aber sei, wie die Serie bisher in vielen Ländern tatsächlich das Leben der krebskranken Kinder und Jugendlichen verändert habe. In Spanien stiegen nach der Ausstrahlung die Besucherzahlen um 40 Prozent, in Chile schuf man eigene Stationen für kranke Jugendliche, und bei einem Krankenhausbesuch in Italien sagte ein Junge neulich zu ihm: „Meine Superhelden tragen keine Capes, sondern rote Armbänder.“

Das rote Armband - mehr wert als alles Geld der Welt

„Für diese Kinder ist es unheimlich wichtig, sich auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm nicht nur als bemitleidenswerte Patienten, sondern als Handelnde zu erleben“, sagt Espinosa und kramt sein eigenes OP-Armband hervor, das Etikett leicht vergilbt. Spielberg wollte es ihm abkaufen, Espinosa lehnte natürlich ab: „Das ist mein Talisman und mehr wert als alles Geld der Welt.“ Espinosa grinst dabei wie ein 14-Jähriger.

 

 

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