Westpfalz
Warum der designierte Polizeipräsident die Westpfalz als sicher bezeichnet
„Die Spur der Aale“ liegt auf seinem Nachtisch. Den Krimi um einen toten Zollfahnder und eine ermittelnde Staatsanwältin hat er zum Amtsantritt in Kaiserslautern geschenkt bekommen. Seit Mitte November ist Hans Kästner (63) Behördenleiter des Polizeipräsidiums Westpfalz. Besteht er die Probezeit, wird er am 18. Mai, dem rheinland-pfälzischen Verfassungstag, zum Polizeipräsidenten ernannt. Die vermutlich letzte Station nach über 40 Dienstjahren.
Erstmals muss er dann seine Marke und die Dienstwaffe abgeben – die neue Funktion ist eine Verwaltungsaufgabe. Ganz leicht wird ihm das nicht fallen, wie er im RHEINPFALZ-Gespräch verrät. Die Uniform aber bleibt ihm. Sie gehört für ihn dazu, zeugt auch von Respekt den Menschen gegenüber, so wie Ende Januar bei der Gedenkfeier zum zweiten Jahrestag der Polizistenmorde nahe Kusel. Dieses Trauma sei innerhalb der Polizei noch lange nicht verarbeitet, beschreibt der Chef des Westpfalz-Präsidiums die Lage.
„Bin heimgekommen“
Dass Kästner beim Lesen nach einem Krimi greift, kommt eher selten vor. So wie ein „Tatort“ nicht zur ersten Wahl beim Fernsehabend gehört. Falls doch, sind ihm die Münsteraner Thiel und Börne am liebsten, der coolen Sprüche wegen. Er selbst ist auch nicht um Worte verlegen. Und es klingt überzeugend, wenn er seine ersten Wochen als Behördenleiter so umschreibt: „Das Gefühl, heimgekommen zu sein, ist noch immer da.“
Womit auf der Hand liegt, dass Kästner ein Westpfälzer ist und den Erstwohnsitz im Kreis Südwestpfalz auch nie aufgegeben hat. Trotz einer Polizeikarriere, die ihn für viele Jahre nach Mainz führte, zuletzt zum dort angesiedelten Landeskriminalamt (LKA). Die Karriere begann dabei tatsächlich ganz unten. Nach dem Abitur in Pirmasens 1981 sei er davon kalt erwischt worden, „dass ich im mittleren Dienst starten musste“. Später durchlief er auch den gehobenen und höheren Dienst, samt Studium und dem Diplom als Verwaltungswirt (FH). Folglich lässt sich seine Laufbahn mit vom Wachtmeister zum Polizeipräsidenten beschreiben, und dafür, so Kästner, sei er im Nachhinein dankbar.
Abteilungsleiter beim LKA
Auch wenn er von Einsätzen bei Demos an der Startbahn West bis zu Krawallen in Berlin-Kreuzberg viel erlebt hat – ein Ereignis hat ihn nie losgelassen und danach auch seinen beruflichen Werdegang begründet: die Flugtagkatastrophe am 28. August 1988 in Ramstein. „Wir sollten am Westgate deeskalierend auf Demonstranten einwirken.“ Weil aber niemand demonstriert habe, seien er und sein Kollege auf die Base gewechselt und hätten alles hautnah miterlebt. Von da an beschäftigte sich Kästner mit dem Thema Katastropheneinsatz bei Massenveranstaltungen, im weiteren Sinn auch zuletzt als LKA-Abteilungsleiter „Politisch motivierte Kriminalität und Terrorismusbekämpfung“.
So trug er die Gesamtverantwortung, als es darum ging, den „Vereinten Patrioten“ auf die Spur zu kommen – jener Gruppe Verschwörungstheoretiker, die einen Umsturz in Deutschland samt der Entführung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach plante. Ein Mitglied war im April 2022 in Neustadt festgenommen worden. Zu seiner Überraschung habe er beim Abschied in Mainz ein Foto von Lauterbach geschenkt bekommen, das dieser mit einer Widmung versehen habe, erzählt Kästner mit einem Schmunzeln.
Westpfalz sichere Region
Ganz so dramatisch dürfte es in der Westpfalz nicht werden. „Ich bin froh, hier zu leben“, sagt der designierte Polizeipräsident. Die Westpfalz sei eine sichere Region, was anhand von Zahlen belegt werden könne. „Wo die Menschen das subjektiv anders empfinden, muss man etwas dagegen tun.“ Beispiele dafür gibt es durchaus – ob im Bereich der Kaiserslauterer Mall oder in Kusel mit der nahen Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete. Kästner setzt hier wie dort auf sichtbare Präsenz, auf Prävention und mehr Vertrauen in Polizei und Ordnungsamt: „Wir geben den öffentlichen Raum nicht auf und arbeiten zudem im Hintergrund“, womit er unter anderem meint, dass Eltern von auffälligen Jugendlichen angesprochen werden. Allerdings sagt er auch: „Das Geld ist endlich, und das Personal ist es auch.“
Folglich hätte Kästner kein Problem, wenn „sein“ Präsidium ein paar Stellen mehr zählen würde als die knapp 1300. Im Gegensatz zu früher sei die Mannschaft aber viel jünger, liege das Durchschnittsalter bei 40 Jahren, im Wechselschichtdienst sogar darunter. Doch stehe der Nachwuchs nicht gerade Schlange. Daran, dass der Polizeiberuf an Ansehen verloren habe oder die Belastung zu groß sein könnte, will Kästner das nicht festmachen. Wie in anderen Sparten, gebe es viele Gründe.
Schutz von Kindern und Senioren
Auch das Westpfalz-Präsidium hat neue Handlungsfelder. Dazu gehört das für alle zuständige Cybercrime-Kommissariat mit Sitz in Kaiserslautern oder das Kommissariat zur zentralisierten Anzeigenbearbeitung mit Sitz in Zweibrücken. Dort sollen einfache und mittelschwere Kriminalitätsformen zielgerichtet und abschließend bearbeitet werden, was mehr Effizienz sowie eine schnellere Rückmeldung für die Bürger gewährleisten soll. Eine klare Ansage macht Kästner mit Blick auf Kinder und alte Menschen: „Wenn die Schwächsten der Gesellschaft angegangen werden, muss die Polizei alles geben“, erklärt er angesichts von Kinderpornografie und auf Senioren abzielende Betrugsmaschen.
Auch ein künftiger Polizeipräsident hat mal frei. Dann spielt der begeisterte Volleyballer Kästner immer noch ab und an ein paar Bälle übers Netz. Daneben hat er sein Herz fürs E-Bike entdeckt. Die Südwestpfalz kennt er natürlich. Nun wird es daran gehen, zusätzlich die Region Kusel oder das Landstuhler Bruch als Radfahrer zu erobern. Am Ende bleibt Kästner auch die Antwort auf eine letzte, durchaus entscheidende Frage nicht schuldig: 1. FC Kaiserslautern oder FK Pirmasens? Lange überlegen muss er nicht: „Der FCK.“