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Sonntag, 04. Januar 2015 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Mythos Twitter

Von Mathias König, Wolfgang König und Michael Konrad

Die CDU hat beim Landesparteitag ausgewählte Tweets von Sympathisanten und Journalisten an die Wand projiziert – hier bei der Rede des Vize-Landeschefs Günther Schartz einen Tweet unseres Redakteurs Michael Konrad (@saachblooss). (Foto: View)

„Twittern Sie mit!“ heißt es beim „Tatort“, bei der Sportübertragung und bei Parteitagen. So wird der Eindruck vermittelt: Wer nicht mitmacht, lebt hinterm Mond. Dabei ist der Kurznachrichtendienst Twitter nur ein Internet-Mythos, der von Medien und Politik inszeniert wird. Die tatsächlichen Nutzerzahlen sind oft nicht der Rede wert, wie eine Analyse der jüngsten Landesparteitage von SPD und CDU ergeben hat.

Twittern Sie schon? Ja, aber müssten Sie das nicht? Können Sie wirklich ohne? Sie hören und sehen es jeden Tag, vor allem im Fernsehen: Twittern Sie mit! Es ist doch so einfach, per (gefettete Begriffe: siehe „Glossar“) seine Meinung zu allem und jedem zu sagen!

Der Durchbruch des neuen, vorgeblich modernen und bürgernahen öffentlich-rechtlichen Twitter-Rundfunks kam spätestens mit der Fußball-WM in Brasilien. Insbesondere das ZDF forderte die Zuschauer ständig auf, „Jogis Jungs“ motivierende zu senden. Oder schalten Sie mal die „Heute“-Sendung ein und „Hart, aber fair“ oder den „Tatort“! Der Zuschauer soll seine Meinung zu nahezu jedem beliebigen Thema und zu jeder beliebigen Sendung im großen und tollen Internet-Kurznachrichtendienst äußern. Und dann?

Klar, das bringt den Journalisten Gratis-Inhalte: Sie zitieren einfach vor laufender Kamera, was die Leute im Netz von sich geben. Das ist sogar noch einfacher und noch billiger als der Zeitungspraktikant, der von der Redaktion auf den Wochenmarkt geschickt wird, um Stimmen einzufangen. Bleibt nur die Frage: Wo trifft man eher einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft: Auf der Straße oder im Internet?

Statt der reinen Unterhaltung stellt die Politik gerne die Chance einer per Twitter wiederbelebten Demokratie in Aussicht: einer Internet-Demokratie. Der „Arabische Frühling“ sei ohne Twitter nicht denkbar gewesen, heißt es. Auch in etablierten Demokratien soll es diesen demokratischen Nutzwert geben: Der mündige Bürger könne via Twitter seiner Stimme leicht Gehör verschaffen, beispielsweise in digitalen Bürgerversammlungen. Oder bei Internet-Petitionen. Weil Tweets immer öffentlich sind, könne jeder jede Kommunikation verfolgen und sich auch jederzeit selbst einmischen. Aber will das überhaupt jemand?

Manchmal und bei manchen Themen schon. Aufschrei (Aufschrei) machte im Jahr 2013 einen spektakulären Anfang. FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle wurde von einer „Stern“-Journalistin mit Sexismusvorwürfen konfrontiert und war kurz darauf Geschichte. Eine kleine Bürgerbewegung gegen Sexismus hatte unter #Aufschrei im Internet ein Thema gesetzt, hatte debattiert und angeprangert. Und die Debatte wurde viel größer und wirkungsvoller, als der „Stern“ und die Journalistin erwarten durften. Brüderle setzte sich nicht zur Wehr, und die für die FDP verlorene Bundestagswahl bedeutete das Ende seiner politischen Karriere. #Aufschrei dagegen wurde von der Medienbranche mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Und ein paar Monate später wurde der Hashtag zur großen Koalition (#GroKo) zum Wort des Jahres 2013 gewählt. Aber ist Twitter deshalb wichtig?

Exemplarisch hat die RHEINPFALZ am SONNTAG Ende 2014 die beiden Parteitage von SPD und CDU in Rheinland-Pfalz analysieren lassen – den beiden Volksparteien im Land. Und die Auswertung zeigt, dass das Volk dabei überhaupt keine Rolle spielte.

Gerade mal 240 Nutzer haben am Tag des SPD-Parteitags (14. November, #rlpt14) überhaupt in Twitter mitdiskutiert. Am Tag des CDU-Parteitags (29. November, #lpt14) waren es sogar nur 160 – und das, obwohl die CDU aktuelle Tweets sogar auf der Großleinwand in der Mainzer Phönixhalle präsentierte. Die dominanten Nutzer waren keine Bürger, sondern die Parteiorgane selbst, auch die parteinahen Jugendorganisationen – und die Journalisten der klassischen Medien. Immerhin: Der Protest der Aktivisten von „Wir sind Nürburgring“ (@WsNuerburgring) auf der Straße vor der Phoenixhalle schaffte es beim SPD-Parteitag mit 36 Tweets und insgesamt 39 oder Antworten auch in die Top 10 der (sehr kleinen) digitalen Welt des Parteitags. Der „Shit-storm auf Pumps“, wie der SPD-Landesvorsitzende Roger Lewentz seine Kollegin von der CDU nannte, fand dagegen im Internet kaum Resonanz.

Die SPD (Nutzername spdrlp) setzte am Tag des Parteitags 199 Tweets ab und SPD-Tweets wurden insgesamt 219-mal „retweetet“, also weitergeleitet, oder beantwortet. Bei der CDU (@cdurlp) waren es bei ihrem Parteitag 110 eigene Tweets, auf die 33-mal aktiv reagiert wurde. Und das bei Tausenden Followern – und etwa drei Millionen Wahlberechtigten im Land. Oder bei grob geschätzt einer Million Abonnenten von Tageszeitungen in Rheinland-Pfalz.

Die Bilanz der beiden prominentesten Twitterer beider Parteien für die jeweiligen Parteitage ist ebenfalls mau: CDU-Landeschefin Julia Klöckner zwitscherte 13-mal, SPD-Fraktionschef Alexander Schweitzer elfmal. Resonanz für beide: genau sechs Retweets oder Antworten.

Auch wer sich die Inhalte der meisten Tweets anschaut, stellt fest: Twitter ist keine Alternative zu klassischen Medien, schon gar nicht drückt es die Stimmung des Volkes aus. Eher gibt es die Stimmung einer kleinen Polit-Elite wieder. Positive Tweets der im Saal anwesenden Journalisten („Kluge Rede von Malu Dreyer“) oder neutral berichtende („Julia Klöckner wiedergewählt“) werden von den jeweiligen Parteileuten flugs weitergeleitet, also retweetet, kritische Tweets werden unterschlagen. Allerdings nicht vom jeweiligen politischen Gegner. Der verfolgt und kommentiert nämlich – anders als das gemeine Volk – den Parteitag „der anderen“ live im Internet und twittert genüsslich die kritischen Twitter-Nachrichten von Journalisten („Die Dramaturgie war bei der SPD besser“, oder „Shitstorm auf Pumps – das geht gar nicht“) an die eigene Fangemeinde weiter. Aber Folgen hat das alles keine – wie die extrem niedrigen Retweet-Quoten zeigen. Twitter in dieser Form ist nichts anderes als ein elitärer Gruppenprozess zwischen ein paar Polit-Meinungsführern und ein paar Journalisten, wobei die einzigen, die die Polit-Twitterer wirklich beeinflussen können, die Medienleute sind.

Das bedeutet: Nutzer müssen bereits über beste Kenntnisse des Themas verfügen, um die Twitter-Kommunikation einordnen zu können. Und sie müssen viel Zeit investieren, um wichtige Tweets von unwichtigen zu unterscheiden, wenn ihnen an dieser Unterscheidung überhaupt etwas liegt. Fakt ist: Die klassischen Medien bleiben im Internet die zentralen, unabhängigen Informationsquellen.

Warum dann überhaupt noch ins Internet? Für den schnellen Happen vor der richtigen Mahlzeit am Abend (Radio und TV) oder am Morgen (Zeitung)? Klar, Twitter kann Spaß machen. Oft sind die Tweets zum „Tatort“ besser als der Krimi selbst. Aber das macht Twitter noch lange nicht wichtiger. Am 23. November – dem Sonntag zwischen den beiden Landesparteitagen – schauten 10,4 Millionen Menschen den SWR-Tatort „Eine Frage des Gewissens“ um die Stuttgarter Ermittler Lannert und Bootz – zeitgleich veröffentlichte die ARD die unterhaltsamsten Tweets (Gratisinhalt!) auf der Videotextseite 777. Am Tag darauf gab es, wie jeden Montag, in den Medien nicht nur Rezensionen des Krimis, sondern auch Blütenlesen der besten „Tweets“, so auf „Spiegel online“. Und wie viele der 10,4 Millionen Zuschauer haben gewittert? Etwa 3000, also knapp 0,3 Promille.

Fazit: Das gesellschaftspolitische Gewicht von Twitter wird insbesondere von ARD, ZDF und Politik inszeniert. Der Mitmachmythos ist eine Illusion. Und Sie, liebe Leserinnen und Leser, brauchen keinen Minderwertigkeitskomplex zu haben, wenn Sie nicht twittern – auch wenn das Spaß machen und Gewinn bringen kann.

Gesellschaftspolitische Probleme löst Twitter nicht.

Gezwitscher (1) Ein Glossar

Twitter – Das Gezwitscher: Das Erfolgsmodell von Twitter (deutsch: „Gezwitscher“), funktioniert so: Sie haben als Nutzer für jede Nachricht maximal 140 Zeichen zur Verfügung, die ihre „Follower“ lesen dürfen. „Follower“ sind Menschen, die ihre „Tweets“, also Ihren Kurznachrichten, folgen. Barack Obama (Nutzername @BarackObama) hat über 52 Millionen Follower, Fußball-Star Mario Götze (@MarioGoetze) gut zwei Millionen, der deutschsprachige Zugang von Papst Franziskus (@Pontifex_de) etwa 231.000, die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner (@JuliaKloeckner) rund 33.400, der SPD-Fraktionschef Alexander Schweitzer (@Alex_Schweitzer) etwa 2200. Nutzer von „Twitter“ können – ähnlich wie bei „Facebook“ oder „Instagram“ so viele Nachrichten versenden, wie sie wollen – auch Bilder und Videos. Und jeder kann jedem folgen.

Tweet & RetweeT – die Nachricht: Der Tweet landet sofort beim Follower, und zwar in dessen „Timeline“ (deutsch: Zeitlinie) beispielsweise auf dem Handy. In der „Timeline“ sind alle Tweets aller Personen aufgeführt, denen man „folgt“. Die neueste Nachricht steht oben. Gefällt ein Tweet, kann man ihn „retweeten“, also an seine eigenen Follower weiterversenden. Dadurch kann sich eine Nachricht blitzschnell im Netz verbreiten: die sogenannte virale Kommunikation. „Retweets“ sind so etwas wie die „Währung“ bei Twitter, weil sie zum Ausdruck bringen, dass ein Nutzer das Weiterzwitschern einer fremden Nachricht für wichtig hält.

@ – das Personenzeichen: Jeder Nutzername bei Twitter beginnt mit dem Zeichen @, das man auch als Mittelteil von E-Mail-Adressen kennt. Um in Twitter nicht nur eigene Follower anzusprechen, kann man auch direkt Tweets an andere Nutzer senden, die keine Follower sind.

# – der Hashtag: Mit dem Zeichen #, das „Hashtag“ genannt wird, werden bei Twitter Themen gesetzt und gefunden: #Tatort, zum Beispiel, #cdupt14 für den Bundesparteitag der CDU Anfang Dezember, #FCIFCK für das Zweitligaspitzenspiel FC Ingolstadt-1. FC Kaiserslautern. Wer den Suchbegriff mit vorangestelltem Hashtag eingibt, findet alle Tweets zum Thema. Ein Renner 2014 war zum Beispiel die #IceBucketChallenge, als sich Menschen gegenseitig übers Internet für eine Eiswasserdusche nominierten. (maö/mk)

Gezwitscher (2) Die Bedeutung

Mittel zum Zweck: „Twitter“ und andere soziale Netzwerke werden von der Politik nicht nur als Heilmittel für die lahmende Mitmachdemokratie gepriesen, sondern auch als Mittel zum Machterhalt. Als US-Präsident Obama 2012 die Wahl gegen Herausforderer Mitt Romney gewann, war dies wohl auch eine Folge des besseren Einsatzes neuer Technologien. „Obama hatte einen Informationsvorsprung“, sagte Christoph Bieber, Politologe und Experte für Online-Wahlkampf an der Universität Duisburg-Essen der „Wirtschaftswoche“. Während Obama noch am Wahltag 32 Millionen Facebook-Fans mehrfach aufforderte, zur Urne zu gehen, kam Romney nur auf zwölf Millionen „Freunde“. Obamas erste Kommunikationschefin Anita Dunn sagte 2010, die Online-Strategie habe auf junge Menschen, besonders Frauen, abgezielt, die in sozialen Netzwerken aktiv sind und den US-Demokraten nahestehen. Doch es geht auch anders. In der Türkei ließ die Erdogan-Regierung im Frühjahr 2014 Twitter blockieren, als sich im Internet Widerstand formierte. Erdogans Zustimmungsrate ist bei der Landbevölkerung ohne Internetanschluss hoch.

Nie endende Debatte: „Durch die sozialen Netzwerke befinden wir uns in einem nie endenden Town-Hall-Meeting (einer Bürgerversammlung, Anmerkung der Redaktion), in dem Rede und Antwort gestanden werden muss“, sagt die Staatssekretärin beim Bundesministerium für digitale Infrastruktur, Dorothee Bär. Das kontinuierliche Town-Hall-Meeting ist zudem das Schlüsselwort der „Starken Demokratie“ von Benjamin Barber, Professor für Zivilgesellschaft an der University of Maryland. Er beschreibt im Buch „Starke Demokratie“ umfangreiche, auch technische, Maßnahmen, die die Demokratie und die Bürgerschaft beleben sollen. Er fordert beispielsweise ein landesweites System von Nachbarschaftsversammlungen, die auch legislative Kompetenzen im kommunalen Bereich erhalten könnten, nationale Volksbegehren und Volksabstimmungen sowie „eine neue Architektur des öffentlichen Raums“.

Plattform für Was? Auch nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Christoph Bieber, der die fast in Vergessenheitgeratene Piratenpartei einst als „Taktgeber für die Digitalisierung der Parteienlandschaft“ und als „Labor für den Einsatz neuester Kommunikationsplattformen im politischen Kontext“ bezeichnet hatte, funktioniert Twitter nicht als Diskursplattform, auf der über Inhalte gestritten wird, wie er der Internetplattform „golem.de“ sagte. Twitter sei aber brauchbar als Mittel der Branchenkommunikation in Richtung der Journalisten, und um Aufmerksamkeit auf andere Onlineangebote zu lenken. (maö/mk)

Twitter-Analyse

Die Autoren Mathias und Wolfgang König sind promovierte wissenschaftliche Mitarbeiter an der Uni in Landau und forschen seit 2007 zu Bürgerbeteiligung und Medienrezeption. Unser Redakteur Michael Konrad hat die Parteitage von SPD und CDU in Mainz besucht und jeweils mitgetwittert. Die beiden Forscher