Neustadt Ein Visionär und Vordenker
„Richard Platz war ein Universaltalent. Als vielseitig begabter Kunstmaler und Grafiker erreichte er weit über die Heimat hinaus Ansehen und Anerkennung. Eigentlich stellt sich fast mehr die Frage nach dem, was er nicht gemacht hat“, sagt der Kunsthistoriker und Heimatforscher Franz Josef Ziegler über das unvergessene St. Martiner Urgestein, dem jetzt eine Ausstellung im Heimatmuseum gewidmet ist.
Vor einem Jahr erinnerte die Gemeinde mit einem Gedenkabend an Richard Platz und damit an den Mann, der seinen Heimatort früh und vorausschauend auf die touristische Schiene setzte. Josef Ziegler, privater Initiator des St. Martiner Heimatmuseums, schloss jetzt eine Gedenkausstellung an. Sein Aufruf am Ort und in der Pfalz fand Anklang: Originale aus Privatbesitz oder Kopien davon zeigen einen repräsentativen Querschnitt des künstlerischen Schaffens von Richard Platz. Die Ausstellung, eine gelungene Retrospektive, veranschaulicht die Lebensleistung des Wirtssohnes aus dem Gasthaus Grüner Baum. In dem Traditionshaus wurde Richard Platz 1886 geboren. Als Künstler trat er in die Tradition von St. Martin als Dorf der Künstler und Musikanten. Sein Können und seine Beziehungen dienten auch dem Heimatort, wo er sein Atelier gründete. Die Werbestrategie für den Wein- und Kirschenkurort entwarf er ebenso wie er im zweiten Schritt zusammen mit dem Verkehrs- und Verschönerungsverein die Werbemaschinerie in Gang setzte. Richard Platz war ebenso akademischer Künstler wie Kunsthandwerker. Tätig als Kunst- und Theatermaler, Kirchenmaler und Restaurator, Grafiker und Designer, Verleger und Mäzen. Mit Ölgemälden, Grafiken, Zeichnungen, Prospekten, Drucken und Werbebroschüren erinnert die Ausstellung an ihn. Auch Entwürfe für Theaterkulissen oder Aufnahmen vom berühmten Festwagen, mit dem St. Martin den ersten Preis beim Badisch-Pfälzischen Heimatfestzug in Karlsruhe gewann, sind zu sehen. Auch die vier Meter lange, von Platz gestaltete bayerische Fahne ist ausgestellt. Platz, in vielem Vordenker und Vorreiter, malte das Panorama der Deutschen Weinstraße, noch ehe sie diesen Namen bekam Sein Motiv einer herrlich nostalgischen Weihnachtskarte griff die Gemeinde St. Martin ebenso neu auf, wie auch sein historischer Gästeführer von 1927 neu aufgelegt worden ist. „Der Mann war eine Ausnahmeerscheinung. Sein früher Tod war ebenso Verlust für St. Martin wie für seine Familie. Denn sicher hätte er noch vieles bewegt und bewirkt“, sagt Franz Josef Ziegler: Der erst 45-Jährige erlag 1932 einem plötzlichen Herztod. Doch brachte er Steine ins Rollen und legte mit der touristischen Frühförderung eine Basis, auf der weiter aufgebaut werden konnte. Initiator Ziegler führt das Lebenswerk seiner Mutter Cäcilie Ziegler weiter. St. Martins Ortschronistin und Ehrenbürgerin schrieb nicht nur die Geschichte des Dorfes und folgte den Spuren von gestern, sie hat auch gesammelt und bewahrt. Mit privaten Mitteln erwarb sie das Heimathaus der legendären Kiefers, deren Familienmitglieder und Nachfahren sogar vor Kaisern und Königen musizierten. Mit viel Eigenleistung entstand eine würdige Stätte für Arsenal und Heimatmuseum. Auch Franz Josef Ziegler (59) wird bedeutsam sein für St. Martin: Als Teenager, bewaffnet mit Tonband und Mikrofon, nahm er in den 1970er Jahren die damals ältesten Dorfbewohner auf und konservierte mit diesen Sprechproben die letzten Reste des „Madmerisch“, einem örtlichen Idiom des Pfälzischen. Wie Tausende von Bildern, die das Dorfleben dokumentieren, hat Ziegler auch diese O-Töne für die Nachwelt digitalisiert . Die Gedächtnisausstellung entstand mit Unterstützung des Fördervereins Heimatmuseum. Geöffnet hat das Museum in der Bergstraße gegenüber der Schule traditionell an jedem Sonntag zwischen Kerwe und Martini, sprich vom ersten August-Sonntag bis zum örtlichen Feiertag, dem 11. November, immer von 14 bis 18 Uhr.