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Mittwoch, 04. Februar 2015 Drucken

Landau

„Twitter schafft Öffentlichkeit“

Auf Facebook ist die Südpfalz längst vertreten, Privatpersonen, Firmen und Institutionen nutzen das soziale Netzwerk. Dagegen konnte sich der Kurznachrichtendienst Twitter nie richtig durchsetzen. Warum das so ist und wer sich in der Region auf Twitter engagiert, darüber sprechen die beiden Landauer Politikwissenschaftler Wolfgang und Mathias König im Interview.

Auf Facebook hat die Aktion #wirsindlandau, die sich nach eigenen Angaben für „Toleranz und ein friedliches Miteinander in unserer Stadt“ einsetzt, knapp 700 Anhänger. Warum findet sie auf Twitter dagegen kaum Beachtung?

Wolfgang König: Generell ist die Südpfalz auf Facebook deutlich stärker vertreten als auf Twitter. Da ist die Aktion #wirsindlandau ein gutes Beispiel.
Mathias König: Das ist aber nicht nur in der Südpfalz so. In ganz Deutschland wird Twitter generell weit weniger verwendet als Facebook. Hierzulande nutzen es hauptsächlich Journalisten, Pressesprecher, Promis und Politiker.

Anders sieht es in den USA aus, wo Twitter längst im Mainstream angekommen ist. Wie lässt sich die Zurückhaltung der Deutschen erklären?

Mathias König: Mit Twitter stellt man Öffentlichkeit her. Wer dort einen Tweet, also einen Textbeitrag erstellt, möchte in aller Regel, dass dieser von vielen Menschen gelesen wird. Das ist ja auch der Hauptsinn von Twitter. Es ist praktisch ein Balkon, von dem aus man zum Volk spricht. Die Deutschen scheinen hier jedoch eher zurückhaltend zu sein.

Kommen wir zurück zur Südpfalz. Lässt sich überprüfen, wie viele Südpfälzer Twitter nutzen?

Mathias König: Nein, diese Info ist in den Daten, die Twitter zu Forschungszwecken zur Verfügung stellt, nicht enthalten. Für unsere Analyse suchen wir daher nach speziellen Hashtags oder lesen Nutzerdaten aus.

Was heißt das?

Mathias König: Hashtags sind im Prinzip Themen. Wie zum Beispiel das Thema #wirsindlandau. Diese schauen wir uns an und verfolgen den Diskussionsverlauf. Was allerdings die wenigsten wissen: Die Suchergebnisse werden von Twitter gefiltert, ohne dass der Nutzer das merkt. Warum und nach welchen Regeln Twitter die Ergebnisse filtert, dazu hält sich das Unternehmen sehr bedeckt.
Wolfgang König: Ähnlich wie das Auswerten von Hashtags funktioniert das Auslesen von Nutzerdaten. Hier kann man sehen, was eine Person im Laufe ihres Lebens getwittert hat. Twittert jemand viel? Wenig? Zu welchen Themen? Twittert er eher morgens oder abends? Anhand dieser Daten kann man Verhaltensweisen berechnen.

Sie haben das Twitter-Verhalten der Bundestagsabgeordneten Thomas Gebhart, Thomas Hitschler und Tobias Lindner untersucht. Wie lässt sich das Ergebnis zusammenfassen?

Mathias König: Alle drei sind auf Twitter hoch engagiert. Auffällig ist jedoch der unterschiedliche Aktivitätsgrad. Thomas Gebhart nutzt Twitter sozusagen am dosiertesten, im Schnitt veröffentlicht er lediglich acht Tweets pro Monat. Diese Beiträge sind sehr ereignisorientiert. Thomas Hitschler kommt dagegen auf etwa 110 Tweets. Tobias Lindner liegt mit durchschnittlich 47 Tweets in der Mitte, hat jedoch die meisten Follower, also andere Twitter-Nutzer, die seine Tweets abonniert haben.
Wolfgang König: Alle drei geben sich viel Mühe, versuchen, über Twitter mit den Bürgern Kontakt aufzunehmen und Einblicke in ihr Amt zu ermöglichen. Aber anhand der eher niedrigen Followerzahlen klappt das nur mäßig.

Geht es bei Twitter also hauptsächlich um Followerzahlen?

Mathias König: Für unsere Analyse sind Followerzahlen das einzig messbare Indiz für Erfolg. Es kann aber auch passieren, dass die Medien einen Tweet aufschnappen und ihn an die breite Öffentlichkeit tragen. Für den Twitterer ist das dann natürlich ebenfalls ein Erfolg.

Wird Twitter die klassische Öffentlichkeitsarbeit von Politikern und Parteien in Zukunft ersetzen?Wolfgang König: Nein, es kann diese nur ergänzen. Im Politikbetrieb schafft es aber durchaus ein Stück Transparenz.

Mathias König: Twitter ist hier eine Zusatzleistung, und als solche sollte man es auch betrachten. Wenn ich etwas von einem Politiker will, spreche ich ihn nach wie vor nicht über Twitter an, sondern gehe in seine Sprechstunde. Mit anderen Worten: Man sucht den vertraulichen Kontakt.

Das klingt so, als sei Twitter nur für politisch Interessierte relevant.

Wolfgang König: Nein, im Prinzip kann dort jeder der Welt alles mögliche mitteilen. Ob sich dafür allerdings jemand interessiert, steht auf einem anderen Blatt.
Mathias König: Natürlich wird Twitter auch zur Unterhaltung genutzt. Wenn beispielsweise Boris Becker dort eine Peinlichkeit nach der anderen postet, kann das für manche ganz unterhaltsam sein. Wenn ich allerdings gezielt nach Wissen und nach Information suche, stoße ich mit Twitter schnell an Grenzen. Es ist nun mal ein Kurznachrichtendienst mit höchstens 140 Zeichen pro Tweet. Und in 140 Zeichen passt kein Glossar.

Interview: Adrian Hartschuh

 

 

Ich twittere, weil

... es mir eine begrenzte Möglichkeit gibt, einen Personenkreis schnell und gezielt zu erreichen, jedoch sollte man Twitter nicht überschätzen, weil es eine extrem schnelllebige Sache ist.“ Thomas Gebhart, CDU

... es eine direkte und unkomplizierte Möglichkeit ist, mit Menschen zu kommunizieren.“ Thomas Hitschler, SPD

...ich so schnell und direkt aktuelle politische Entwicklungen kommentieren und diskutieren kann.“ Tobias Lindner, Grüne 

 

 Zur Sache: Bundestagsabgeordnete im Twitter-Vergleich

Alle drei Bundestagsabgeordneten der Südpfalz setzen auf Twitter. Sie hoffen auf mehr Bürgernähe und ungefilterte Kommunikation mit Wählern. Aber welcher Abgeordnete nutzt Twitter am erfolgreichsten? Dieser Frage sind die Landauer Politikwissenschaftler Mathias und Wolfgang König für „Marktplatz regional“ nachgegangen.   Legt man die Zahl der Follower, also der Menschen, die die Nachrichten eines Twitter-Nutzers abonniert haben, als Erfolgsindikator zugrunde, führt Oppositionspolitiker Tobias Lindner (Grüne). Er kann über Twitter etwa 2330 Menschen direkt erreichen. Thomas Gebhart (CDU) folgen  knapp 1315 Twitter-Nutzer, Thomas Hitschler (SPD) kommt auf etwa 850 Follower.Wie aber halten es die Abgeordneten mit ihrer Kommunikation? Senden sie viele Textnachrichten (kurz: Tweets)? Am meisten twittert Bundestagsneuling Hitschler. Nimmt man die Bundestagswahl am 22. September 2013 als Stichtag, kommt Hitschler seitdem auf mehr als  1800 Tweets. Lindner twittert mit 800 Textnachrichten deutlich dosierter, Gebhart kommt auf 135 Tweets. Über den Tag am aktivsten sind Hitschler und Lindner. Sie twittern teilweise schon um 6 Uhr  mit  und senden bis Mitternacht. Gebhart startet gegen 8 Uhr und ist nach 22 Uhr in der Regel nicht mehr aktiv. Die Häufigkeiten allein sagen jedoch nichts darüber aus, ob aus den Tweets  eine Diskussion entsteht. Ein Indiz hierfür wäre, wenn die Politiker sich gegenseitig in ihren Tweets erwähnen und somit Bezug auf den Tweet eines Kollegen nehmen. Dies ist bei Gebhart nicht der Fall.  Hitschler erwähnt nur vereinzelt seinen Kollegen von den Grünen. Dieser erwähnt Hitschler nicht und Gebhart nur ganz selten. Insgesamt zeigt sich, dass die Abgeordneten Twitter nutzen, um ihre eigenen Zielgruppen bedienen zu können. „Platzhirsch“ (Direktmandat) Gebhart twittert am wenigsten und ist damit relativ erfolgreich, wenn man die Zahl seiner Follower als Gradmesser wählt. Neuling Hitschler ist sehr aktiv, aber kann dies bislang nicht in Followerzahlen umsetzen. Tweets, die auf eine intensive Diskussion unter den Abgeordneten hinweisen, gab es im Untersuchungszeitraum nur sehr selten. Gemessen an den Followerzahlen ist das Interesse an den drei Abgeordneten auf Twitter eher gering. Als extrem erfolgreich auf Twitter gilt die CDU-Landesvorsitzende  Julia Klöckner mit mehr als   33.000 Followern. Ihre Followerzahl schnellte hoch, nachdem sie im Mai 2009 die Wiederwahl von Bundespräsident Horst Köhler twitterte – noch bevor das Ergebnis offiziell war. Später entschuldigte sie sich öffentlich für die Informationspanne. (adh)

Die Studie: Anhand von Twitter-Daten wie Tweets, Hashtags, Followerzahlen und Nutzerdaten wurde  das Twitter-Verhalten der  Bundestagsabgeordneten Thomas Gebhart (CDU), Thomas Hitschler (SPD) und Tobias Lindner (Grüne)  seit der Bundestagswahl 2013  verglichen.

 

 

 

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