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Bad Dürkheim

Wurstmarkt: Knochenjob im Paradies [mit Video]

Von Stephan Alfter

Reißender Absatz: RHEINPFALZ-Autor Stephan Alfter kommt mit der Produktion von gegrillten Bratwürsten kaum hinterher. Vor dem Feuerwerk wollen alle noch ein Abendessen.

Reißender Absatz: RHEINPFALZ-Autor Stephan Alfter kommt mit der Produktion von gegrillten Bratwürsten kaum hinterher. Vor dem Feuerwerk wollen alle noch ein Abendessen. ( Fotos (3): Franck)

Akkordarbeit: Innerhalb einer Viertelstunde wechselt eine ganze Pfanne den Besitzer.

Akkordarbeit: Innerhalb einer Viertelstunde wechselt eine ganze Pfanne den Besitzer. ( )

Hand in Hand: Tas hält das Brötchen, Alfter die Wurst.

Hand in Hand: Tas hält das Brötchen, Alfter die Wurst.

Der härteste Job der Stadt (6/Ende): Es gibt Menschen, für die der Wurstmarkt der schönste Ort auf Erden ist. Vergessen werden dabei manchmal die, die dort wirklich hart arbeiten müssen. Heiß, eng und hektisch – anders lässt sich nicht zusammenfassen, was sich am Abschlusstag im Stand der Metzgerei Ester abspielte.

„Du riechst nach Wurst.“ Dieser simple Satz meiner Lebensgefährtin führt am späten Montagabend dazu, dass ich trotz ausgiebiger Dusche das gemeinsame Bett verlasse und den Rest der Nacht auf der Couch im Wohnzimmer verbringe. Die Bilder des Abends fliegen gegen 1.30 Uhr noch mal an meinem geistigen Auge vorbei. Dutzende Kommentare, Hunderte Gesichter, Tausende Szenen und Momentaufnahmen – und gefühlt eine Million Bratwürste in Rot und in Weiß. Mit Majoran. Als Currywurst. Mit Beilage. Ohne Brötchen. Mit Zwiebeln und Senf. Ohne Ketchup und bitte schön braun. Und zwar „pronto“ das alles.

Nochmal ans Limit gehen

Rund sieben Stunden vorher drückt mir Jutta Ester, Chefin im Imbissstand der Metzgerei Ester, meine Schürze in die Hand. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich, auf was ich mich da eingelassen habe. Ein augenzwinkernder Abschluss dieser RHEINPFALZ-Serie sollte es werden, ohne die wirkliche Erwartung, nochmal ans Limit gehen zu müssen.


Was dann geschah, waren 135 Minuten im Schleudergang eines Wurstmarkt-Wurstverkäufers. Meinen Platz hinter der Theke finde ich neben zeitweise bis zu sieben Leuten im Wagen direkt da, wo es um die Wurst geht. Es ist der letzte Großkampftag mit nochmals mehreren zehntausend Besuchern in Bad Dürkheim. Das Feuerwerk, das um 21 Uhr startet, lockt erneut Gäste aus dem ganzen Rhein-Neckar-Raum auf die Brühlwiesen. Dass gegen 19 Uhr bei den meisten dieser Menschen daheim zu Abend gegessen wird, können die Gesichter, die sich in Armlängen-Entfernung vor mir drängeln, nicht verbergen. Die Vorfreude auf die Wurst ist einigen anzusehen. Bei anderen ist sie so groß, dass sie ungeduldig werden. „Leck mich“, sagt einer, der die Schlange wütend verlässt, weil ich seinen Nachbarn zuerst nach seinem speziellen Wunsch frage.

Auf sechs Flammen brutzelt es

Auf sechs Flammen brutzeln zum Abschluss des Weinfestes kontinuierlich rund 30 Würste, 15 Steaks, acht Frikadellen und drei Saumagen, die jeweils weggehen wie die sprichwörtliche warme Semmel. Alles unter Kontrolle – denke ich zumindest, bevor ich feststelle, dass drei ursprünglich rote Bratwürste sich kurzfristig entscheiden, eine rot-schwarze Koalition einzugehen. In der Bundespolitik geht das. Am Bratwurststand eher nicht. Verbrennungen mindestens dritten Grades auf der Pelle.

Neben mir stehen die „Drei Damen vom Grill“, die einen Teil meiner TV-Kindheitserinnerungen spiegeln. Und nicht zuletzt steht da Kartal Tas, der das Geschäft in Esters Metzgerei schon lange kennt und mich mit Blicken straft, als er das Ergebnis meiner Grillpolitik sieht. Er ist Antreiber und Klassenclown gleichermaßen, unterhält die Leute mit kleinen Sprüchen. Das Tempo, in dem er arbeitet, werde ich am heutigen Abend nicht mehr erreichen. Der Mann scheint vier Arme und drei Beine zu haben – und ein schlagfertiges Mundwerk obendrein.

Arbeit auf engstem Raum

Im Akkord drehe ich das Grillgut. Gleichzeitig öffne und schließe ich mit dem Knie die unter mir befindliche Schublade. Aus den ursprünglich vakuumierten Plastiktüten tropft beim Aufschneiden Wurstwasser auf den Boden, auf dem ich fortan hin und her gleite. Währenddessen lässt Selahattin Temel, jedes Jahr Teil des Ester-Wurstmarktteams, gerade wieder 30 Brötchen in die Schublade gleiten. Das alles geschieht auf engstem Raum.

„Haxe ist aus!“, ruft Gerd Ester, der an einem Tag zugleich Beigeordneter und Imbissbudenchef sein kann. Zur Primetime steht er hinter der Theke. Noch 30 Minuten bis zum Feuerwerk, und Martin Schulz erzählt in der ARD-Wahlarena seit einer Viertelstunde, wie er noch Bundeskanzler werden will. Während des Wurstmarktes kann er auf Dürkheimer Zuschauer kaum hoffen. Das TV-Publikum steht heute vor meinem Grill.

Hitze wie in der Sauna

Selahattin Temel ist Vorsitzender der Türkischen Gemeinde. Er arbeitet während des Wurstmarktes nach eigener Aussage in Doppelschichten für Ester. Der Abbau steht in dieser Nacht bevor. „Wenn es nicht regnet, arbeiten wird durch“, ahnt er. Hinter dem Stand spülen weitere Mitarbeiter Geschirr, sorgen für Nachschub an allem Möglichen, und Jutta Ester schiebt regelmäßig ganze Bleche von aufzubackenden Brötchen in einen Herd.

Ein hungriges Pärchen lässt einen Teil seines Bargeldes über die Theke in meine Pfanne gleiten. Das heiße Fett spritzt auf meine Arme. Ich weiche zurück und stoße an die Hähnchen, die sich hinter mir im Ofen an einer Stange drehen. Auch hier herrscht Gluthitze wie nach einem Sauna-Aufguss. Nur der Geruch unterscheidet sich minimal. Mühsam angle ich endlich das Geld aus der Pfanne. Ich schwitze wie’d Sau.

Gähnende Leere beim Feuerwerk

Es sind viele hundert Euro, die wir an diesem Abend umsetzen, und die Frage, ob die Schlange vor uns jemals abreißt, erübrigt sich bei einem Blick auf den Platz, der mir weiterhin Menschen mit schorlegeröteten Gesichtern zeigt, die nur eines zu sagen scheinen: BRAATWUURST. Das Ende dieses Schauspiels kommt wie erhofft. Als der erste Feuerwerkskörper in die Luft fliegt, herrscht auf einen Schlag gähnende Leere vor dem Stand, wo eben noch hunderte Gesichter waren. Meine Schicht ist beendet und ich überlege mir, ob ich mein bisheriges Verhältnis zur Bratwurst überdenken muss. Was ich hingegen sicher weiß, ist die Tatsache, dass ich einen der härtesten Jobs der Stadt hinter mir habe. Der mich buchstäblich bis ins Bett begleitet.

Zur Serie

Stephan Alfter hat den härtesten Job der Stadt gesucht. Nach sechs Reportagen zieht er in der Donnerstagausgabe sein Fazit.

Bad Dürkheim-Ticker