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Südwest

Pfalz-Bashing: Genauer hinsehen, bitte!

Wird von Fremden gerne herablassend betrachtet: Kaiserslautern. (Foto: View)

Pfalz beschimpfen zum Dritten: Nach Pirmasens und Ludwigshafen ist aktuell Kaiserslautern dran

Hässlich, verarmt, bröckelnder Putz, abreißen, Erde drauf, Bäume pflanzen und gut ist. So ist eine pfälzische Stadt mal wieder in einem der Kanäle des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ dargestellt worden. In Wort und Bild entsteht langsam das Gefühl: In der Pfalz gibt es nur abgewrackte, verranzte Städte. Mit Neu-Denglisch „Pfalz-Bashing“ lässt sich das beschreiben. Einfach mal draufhauen. Wie und warum? Egal.

Stereotypen-Sammlungen im Nachrichtenmagazin

Los ging es in Pirmasens. „Spiegel TV“ hat sich mit der Anmoderation „Im Westen nichts Schönes“ an Klischees abgearbeitet: Arbeitslose, hohe Schulden, arme Kinder, Leerstände. Was für eine Überraschung in einer strukturschwachen Region, die es so ähnlich zigfach in Deutschland gibt. Pirmasens lässt sich nicht unterkriegen. Aber die schönen Ecken, die erfolgreichen sozialen Projekte und Perspektiven passen nicht in die Stereotypen-Sammlung des Nachrichtenmagazins. In die der „Süddeutschen Zeitung“ auch nicht. Die beginnt einen Artikel über Pirmasens mit „Niedrige Lebenserwartung, hohe Arbeitslosigkeit, leere Häuser“.

Klischee-Kiste ausgekippt

Die Klischee-Kiste wird auch über Ludwigshafen ausgekippt. Die Stadt zeichnet sich durch ein Zentrum aus, gegen das – Zitat „Spiegel“-Autor Alexander Osang – „jeder Pissbahnhof in Vorpommern, jede Autobahntankstelle in Sachsen-Anhalt wie ein blühender Zukunftsort“ wirkt. Hässlicher als ein Pissbahnhof, das muss man erst mal sacken lassen.

Es muss nicht alles hübsch sein

Die Parkinsel, das für die Größe der Stadt bemerkenswerte Kulturangebot, die erfolgreiche Stadtentwicklung hin zum Rhein ist nicht erwähnenswert. Genauso wenig wie die Unternehmen und Konzerne, die die Stadt in der Pfalz zu dem machen, was sie ist: Ein Ort, an dem viele Menschen arbeiten. Manchmal muss nicht alles hübsch sein. Es muss funktionieren.

Kaiserslautern auch - wie überraschend

Seit Neuestem ist Kaiserslautern im Club der „Pfalz-Bashing“-Betroffenen aufgenommen. Noch so eine Überraschung. Ist aber auch wirklich einfach: Man nehme eine Stadt mit einem von seinen Fans frenetisch verehrten Fußballverein, bei dem „Schwächeln“ die Untertreibung des Jahres ist. Man nehme die guten alten Klischees, und fertig ist die Laube.

Ein Seitenhieb, der daneben geht 

Oder der „Spiegel Online“-Kommentar von Peter Ahrens von vergangenem Sonntag. Er betet, aufgehängt am WM-Qualifikationsspiel der Fußball-Nationalelf gegen Aserbaidschan auf dem Betzenberg, frühere Erfolge des 1. FC Kaiserslautern herunter, nur um zu zeigen: Da ist einer tief gefallen. Er nennt „Der Betze brennt“ einen abgeranzten Marketingspruch und die Stadtbewohner die „Bauern“, die dem „verarmten Adel“, sprich dem Verein, nicht helfen können. Ahrens freut sich über Länderspiele im Fritz-Walter-Stadion, weil man nicht hingehen muss. Diese Meinung teilen nicht alle Sportjournalisten. Sein Seitenhieb auf den „Betze“ als potenzielle EM-Spielstätte 2024 geht daneben. Der DFB habe das Stadion nicht in der engeren Auswahl gehabt, weshalb die Stadt ihre Bewerbung zurückgezogen habe. Fast. Der Stadtrat hat sich wegen nicht abzuschätzender Kosten gegen die Bewerbung entschieden. Sollte Ahrens das nicht begrüßen? Spart doch Geld, das für die Verschönerung der Stadt verwendet werden könnte.

Alles schonmal gelesen

Sein Bild von Kaiserslautern: Hohe Pro-Kopf-Verschuldung, bröckelnder Putz, bekannte Filialisten, Zweckbauten, Abrissbirne. Déjà-vu? Richtig. Haben wir alles schon gelesen, gehört oder gesehen. Über Pirmasens. Über Ludwigshafen. Die Bewohner der Städte sind genervt von der Berichterstattung. Das haben Leserbriefe und Kommentare auf der RHEINPFALZ-Facebook-Seite, E-Mails und Gespräche mit Stadtverantwortlichen gezeigt.

Arroganz des Vorzeige-Mediums

Wer mit der Arroganz des bundesweiten Vorzeige-Mediums daherkommt, sollte nicht nur herablassend in einem Sammelsurium von Vorhersehbarem auf Städte blicken, sondern nach spannenden Geschichten suchen, wie diese mit ihren Problemen umgehen. Ja, die Städte haben Schwächen. Ja, sie könnten schöner sein. Ja, der FCK könnte erfolgreicher spielen.

Zeit für was Neues

Aber wo ist die Nachricht? Was erfahren Leser und Zuschauer aus all den undifferenzierten Berichten und schnöden Schmähungen? Noch eine Stadt am Abgrund. Noch eine Krise. Noch ein Schuldenberg. Noch einen drauf auf die am Boden. Das bringt Quote und Klicks. Nicht nur in der Pfalz. Das Städte-Bashing funktioniert bundesweit. Die Geschichte – Achtung Klischee – wiederholt sich. Es wäre Zeit für Neues. | LAURA ESTELMANN

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