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Südwest

Mannheim: Agentur bucht Islamisten als Reiseleiter

Von Christoph Hämmelmann

An der heiligsten Stätte des Islam: Ein Mannheimer Unternehmen organisiert Mekka-Reisen mit islamistischen Star-Predigern wie Pierre Vogel. Wer für knapp 5000 Euro die luxuriösere Tour mit dem Ingenieur und Ex-Berufssschullehrer Marcel Krass bucht, logiert im gigantischen Gebäudekomplex mit Uhrturm gleich hinter der Kaaba.

An der heiligsten Stätte des Islam: Ein Mannheimer Unternehmen organisiert Mekka-Reisen mit islamistischen Star-Predigern wie Pierre Vogel. Wer für knapp 5000 Euro die luxuriösere Tour mit dem Ingenieur und Ex-Berufssschullehrer Marcel Krass bucht, logiert im gigantischen Gebäudekomplex mit Uhrturm gleich hinter der Kaaba. ( Foto: dpa)

Islamistische Prediger wie Pierre Vogel werben für Reisen nach Mekka, und sie begleiten Pilgergruppen auch selbst in die Wüstenstadt. Vertrieben werden die Touren mit den berüchtigten Reiseleitern von verschiedenen Anbietern, doch hinter ihnen steckt dieselbe Firma. Deren offizieller Sitz: ein Reihenhäuschen in der Mannheimer Gartenstadt.

«Mannheim/Mekka.» Der Star der deutschen Islamisten-Szene ereifert sich in dem Internet-Video so sehr, dass seine Stimme kiekst. Erregt malt Pierre Vogel aus, was junge Muslime genau jetzt, an diesem Freitagabend, in Deutschland so tun: Sie verabreden sich für die Disco. Sie sprechen darüber, wen sie „aufreißen“ und was sie „saufen“ wollen. Und die Mädchen, brüllt der islamistische Prediger in sein kleines Mikrofon, die schminken sich auch noch dafür. Dann wird der 38-Jährige feierlich, er versichert seinen Zuhörern: Sie sind anders, denn Allah hat sie auserwählt.

Der Ex-Boxer aus dem Rheinland hält seine Ansprache inmitten einer Gruppe bärtiger und meist junger Männer, die sich in weiße Gewänder gehüllt haben. Denn sie pilgern gerade nach Mekka, in die heilige Stadt der Muslime. Gebucht haben sie die Tour bei einem Veranstalter, dessen Logo das Internetvideo mit Vogels Einstimmungspredigt ziert: Für Pauschalpreise ab gut 1500 Euro beschafft Bakkah-Reisen den Kunden Flugtickets und das Visum für Saudi-Arabien, lässt sie in Herbergen nahe der heiligen Stätten schlafen, organisiert Bustransfers und Ausflüge.

Die nächste Pilgergruppe macht die große Reise Ende August. Dann kostet ein 15-Tage-Tripp stolze 3990 Euro – im Vierbettzimmer. Aber dafür fällt er auch in die eigentliche Hauptpilgerzeit. Und es sind gleich zwei prominente Reiseleiter angekündigt: Neben Pierre Vogel soll Abul Baraa mitfahren. Dieser Berliner Imam predigt besonders gerne darüber, wie mit Frauen umzugehen sei. Im Jahr 2012 zum Beispiel hat er verkündet, dass Mädchen mit „überlanger“ Klitoris ein zu großes Verlangen nach Intimität hätten, weshalb ihnen dieses Körperteil ein wenig zu kürzen sei.

Und es gibt noch einen radikalen Prediger, der im Spätsommer zum Pilgerführer wird. Marcel Krass allerdings gibt zumeist den intellektuellen Islamisten, immerhin ist der Krefelder nach eigenen Angaben Ingenieur. Und er hat als Berufsschullehrer gearbeitet, bis er wegen islamistischer Umtriebe gefeuert wurde. Wer mit ihm pilgern will, muss sogar 4790 Euro ausgeben, logiert in Mekka aber im Fünf-Sterne-Mövenpick-Hotel. Es ist Teil des gigantischen Gebäudekomplexes, der mit einem 601 Meter hohen Uhrturm seit 2010 die Hauptmoschee überschattet.

Als Verkäufer dieser deutlich luxuriöseren Mekka-Tour tritt der Veranstalter IME-Reisen auf. Doch hinter der vermeintlichen Edel-Konkurrenz zum Pierre-Vogel-Anbieter Bakkah stecken die gleichen Firmen. Für die eigentliche Organisation der Reise ist in beiden Fällen die Agimex ATM Muslimereisen GmbH & Co. KG zuständig. Diese Hamburger Agentur veranstaltet Pilgerfahrten unter ihrem eigenem Namen, verkauft Pauschaltouren für Gruppen aber auch an andere Veranstalter weiter. Einer der Abnehmer solcher Reisepakete ist die Lame gemeinnützige UG.

Die übernimmt bei gemeinsam veranstalteten Fahrten die „Betreuung der Reiseteilnehmer“, so steht es in den Reiseunterlagen. Demnach ist sie für jenen Service zuständig, der den berüchtigten Reiseleitern anvertraut wird. Ihren offiziellen Sitz hat die Firma mit dem speziellen Begleitpersonal in der Mannheimer Gartenstadt, den Briefkasten teilt sie sich dort mit den Bewohnern eines Reihenendhäuschens: den Schwiegereltern des Lame-Geschäftsführers Abdirahman Farah. Dessen eigener Name wiederum prangt handgeschrieben auf einer Briefkasten-Batterie in einem nahen Gewerbepark.

In den früheren Fabrikgebäuden können Gründer und Kleinunternehmer Räume kurzfristig und für wenig Geld anmieten. Farah erwartet hier nicht nur an ihn persönlich adressierte Post, neben seinem Namen kleben auch Schildchen für: Lame und Bakkah, außerdem für ein weiteres Pilgerunternehmen (Haramain-Reisen). Und für einen wohltätigen Verein. Denn Farah ist auch noch Vorsitzender des Islamisch-humanitären Entwicklungsdiensts (IHED). Der widmet sich nach eigenen Angaben der Entwicklungshilfe, dem Kampf gegen die Armut und der Notfallhilfe.

Den amtlichen Unterlagen zufolge wurde die Organisation im Juli 2011 in Schwetzingen gegründet, ein paar Monate später verlegten die Mitglieder den Sitz nach Mannheim. Schon 2011 kümmerten sich auch Staatsanwälte um IHED-Funktionäre: Geldwäscheverdacht. Doch die Ermittlungen wurden 2013 eingestellt, „aufgrund fehlenden hinreichenden Tatverdachts“. Das jedenfalls berichtete Anfang 2014 das Stuttgarter Innenministerium, als es den Landtag über Islamisten in Baden-Württemberg informierte. IHED bekam das Prädikat „salafistisch beeinflusst“.

Der hessische Verfassungsschutz ging 2013 noch weiter: Da stufte er den angeblichen Wohltäter-Verein ohne Umschweife als „extremistische Gruppierung“ ein. Das bayerische Finanzministerium wiederum führt die Truppe auf seiner langen Liste verfassungsfeindlicher Organisationen, deren Anhänger im öffentlichen Dienst nichts verloren haben. RHEINPFALZ-Anfragen zu diesen amtlichen Vorwürfen lässt Vereinschef Farrah ebenso unbeantwortet wie die zur Verquickung seiner angeblichen Hilfsorganisation mit dem Pilgertour-Unternehmen.

Denn Spenden lässt sich IHED nicht nur aufs eigene Konto überweisen, immer wieder gibt der Verein stattdessen das Konto der Reisefirma Lame an. Die scheint mit ihrem speziellen Touristik-Angebot das Geschäftsfeld der Hamburger Labaik e.K. übernommen zu haben, die früher Pilgerfahrten mit Pierre Vogel anbot. Was bei einer ihrer Trips im Sommer 2013 geschah, beschäftigt noch heute deutsche Gerichte. Damals fuhr ein drogensüchtiger Libanese aus Stuttgart mit. Zwölf Tage nach seiner Rückkehr brach der 23-Jährige gleich wieder auf, diesmal in Richtung Syrien.

Dort schloss er sich einer Islamisten-Miliz an, die ungefähr zu dieser Zeit weitgehend mit dem „Islamischen Staat“ (IS) verschmolz. Im März 2015 hat ihn das Stuttgarter Oberlandesgericht als Mitglied einer ausländischen Terrorgruppe für viereinhalb Jahre hinter Gitter geschickt. Und sich im Urteil noch einmal ausführlich seiner Pilgerfahrt gewidmet. Denn die Richter sagen: Um vom türkischen Gaziantep aus ins Krisengebiet zu kommen, brauchte der Stuttgarter einen Schleuser. Und während seiner Mekka-Reise habe er den Kontakt zu diesem Lotsen bekommen.

Die verhängnisvolle Verbindung soll der Vogel-Vertraute und Ko-Reiseleiter Sven Lau hergestellt haben. Als Pilgerführer fällt dieser Ex-Feuerwehrmann und Erfinder der Wuppertaler „Scharia-Polizei“ allerdings derzeit aus. Weil er eine syrische Terrorgruppe unterstützt haben soll, wird ihm gerade in Düsseldorf der Prozess gemacht.

 

Im Internet

Über seine Recherche berichtet RHEINPFALZ-Redakteur Christoph Hämmelmann im Netz auf: blog.rheinpfalz.de.

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