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Südwest

Ludwigshafen/Kaiserslautern: Polizei warnt vor „Polizisten“

Von Christoph Hämmelmann

Miese Masche: Angebliche Polizisten warnen am Telefon vor Einbrechern und lassen Senioren ihre Wertsachen zusammenpacken. Komplizen kommen dann vorbei und holen die Habseligkeiten ab – angeblich, um sie in Sicherheit zu bringen. (Archivfoto: Kunz)

Betrüger geben sich als Ermittler aus, um Senioren um hohe Summen zu prellen. Der Trick boomt seit etwa zwei Jahren, die Fallzahlen steigen immer weiter. Im Raum Neustadt zum Beispiel hätte sich eine 80-Jährige jetzt beinahe 120 000 Euro abluchsen lassen.

Ein wenig formlos stellt sich der Anrufer vor, der an einem Donnerstag um 14.53 Uhr das Telefon einer Westpfälzerin läuten lässt: Er ist der „Jürgen von der Polizei“. Doch gleich darauf wird der angebliche Beamte amtlich: Er vergewissert sich, dass er tatsächlich die Anschlussinhaberin am Apparat hat. Denn die will er warnen. Vor zwei Einbrechern, die gerade ihre Wohngegend heimsuchten. Die 77-Jährige soll deshalb all ihre Wertgegenstände zusammensuchen. Damit die Polizei gleich vorbeikommen und die Habseligkeiten in Sicherheit bringen kann.

83-Jährige überlässt falschen BKA-Beamten Millionenbetrag

Mit solchen Anrufern gelingt es Gaunern immer wieder, älteren Menschen viel Geld abzuluchsen. Der vielleicht spektakulärste Fall: Ein angeblicher vor Betrügereien warnender Polizist überredete Anfang des Jahres eine 83-Jährige aus dem Münchener Nobel-Stadtteil Bogenhausen dazu, 500.000 Euro vom Konto abzuheben, ein Aktiendepot aufzulösen und Goldbarren aus dem Bankschließfach zu holen. Laut „Bayerischem Rundfunk“ hat die Frau angeblichen Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) unterm Strich 1,2 Millionen Euro überlassen.

Ob Einzeltäter oder organisierte Gruppen am Werk ist unklar

Dabei boomt der miese Trick schon seit etwa zwei Jahren. Und er wird immer häufiger angewendet, auch in Rheinland-Pfalz. Das Mainzer Landeskriminalamt (LKA) warnt: 2017 sind in den ersten acht Monaten landesweit mehr als doppelt so oft Betrügereien falscher Polizisten gezählt worden wie im ganzen Vorjahr. Allerdings ist die zentrale rheinland-pfälzische Ermittlungsbehörde nach eigenen Angaben nicht in der Lage, genaue Fallzahlen zu nennen. Ebenso lässt eine Sprecherin offen, ob eher Einzeltäter oder gut organisierte Gruppen am Werk sind.

LKA spricht von "kriminellen Banden"

Dabei spricht das LKA in eigenen Veröffentlichungen ganz unumwunden von „kriminellen Banden“. Ermittlungsbehörden in anderen Bundesländern verraten zudem, von wo aus die betrügerischen Telefonate zumeist abgesetzt werden: Vor allem in der Türkei muss es regelrechte Call-Center für dieses schmutzige Geschäft geben. Mit technischen Tricks können die Betrüger auch dort problemlos dafür sorgen, dass ein Telefon im fernen Deutschland als Anrufer-Nummer eine Durchwahl präsentiert, die zur nächsten Polizeiinspektion gehört.

Wer einen 110-Anruf bekommt, soll sich bei Polizei melden

Allerdings lassen die Täter der Einfachheit halber gerne die 110 anzeigen. Was für potenzielle Opfer ein wichtiges Warnsignal ist. Denn die echte Polizei ist unter der Notrufnummer zwar jederzeit erreichbar. Aber sie verwendet sie nie für ausgehende Anrufe. Also rät das Mainzer LKA: Wer einen 110-Anruf bekommt, soll sich seinerseits bei der Polizei melden. Aber nicht mit der Rückruf-Taste, die könnte erneut zu den Betrügern führen. Weitere Tipps: am Telefon nie über das eigene Vermögen sprechen. Oder Wertsachen für angebliche Polizisten vor die Tür legen.

Woher Anrufe kommen nicht nachweisbar

Ohnehin müssen die echten Ermittler vor allem darauf setzen, dass potenzielle Opfer die miese Masche rechtzeitig durchschauen. Denn woher die Anrufe kamen, ist technisch meist nicht herauszufinden. Und wenn es doch eine Spur gibt, die aber in die Türkei führt, kommen deutsche Fahnder angesichts der politischen Spannungen derzeit auch nicht weiter. Bleibt nur noch der Versuch, die Abholer vor Ort zu erwischen. Polizisten in Dresden ist das gelungen, nachdem sie eine Bank alarmiert hatte: Gleich mehrere Senioren hatten überraschend viel Geld abgehoben.

Polizei in Vorder- und Südpfalz ermittelt in vier Fällen

Die Beamten beobachteten daraufhin die Wohnung einer 74-Jährigen. Und erwischten dort einen Mann, der sich von ihr 28.000 Euro übergeben ließ. Derartige Fahndungserfolge kann die Polizei in der Pfalz nicht vermelden. Aber immerhin: In Raum Neustadt haben Beamte nach eigenen Angaben im Juli verhindert, dass sich eine 80-Jährige um 120.000 Euro prellen lässt. Insgesamt laufen in Vorder- und Südpfalz derzeit Ermittlungsverfahren zu vier derartigen Betrügereien, in der Westpfalz hat die Polizei in den vergangenen Monaten acht solcher Fälle registriert.

Täter prellten Mann um fünfstelligen Betrag

Beute gemacht haben die Täter im Westen nur einmal, sie knöpften einem Mann einen fünfstelligen Eurobetrag ab. In anderen Fällen witterten die Senioren selbst die Falle. Oder die Betrüger verloren das Interesse, weil sie am Telefon herausgehört hatten, dass nicht viel zu holen ist. Das zumindest dürfte bei zwei Senioren gelten, die bei der Polizei anriefen – aber eigentlich nur, um nachzufragen, wo die Beamten bleiben, die die Wertsachen mitnehmen. 

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