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Pfalz-Ticker

Verschwundene mutmaßliche Terrorkrieger aus der Pfalz aufgespürt

Von Christoph Hämmelmann

Parade der islamistischen Terrorkrieger: Auch ein Türke aus Eisenberg und seine deutsche Frau sollen sich 2014 so einer Miliz angeschlossen haben, ihren wenige Monate alten Sohn nahmen sie mit ins Krisengebiet.  Foto: afp

Parade der islamistischen Terrorkrieger: Auch ein Türke aus Eisenberg und seine deutsche Frau sollen sich 2014 so einer Miliz angeschlossen haben, ihren wenige Monate alten Sohn nahmen sie mit ins Krisengebiet. Foto: afp

Ein in der Pfalz aufgewachsener Türke und seine deutsche Frau gelten als islamistische Terrorkrieger. Doch weil das Paar in Syrien oder im Irak verschollen sein soll, ruhen die Ermittlungen. Dabei scheinen die Ehepartner mit ihrem kleinen Sohn längst in der Türkei zu leben. Die RHEINPFALZ hat ihre Spur gefunden.

Friedlich nuckelt der Säugling an seinem Schnuller, eingewickelt in ein braunes Tragetuch ruht er an der Brust seines langbärtigen Vaters. Der lädt sein Selfie mit Sohnemann, blauem Himmel und historischem Istanbuler Gemäuer am 6. Dezember 2013 bei Facebook hoch. So hinterlässt der in der Pfalz aufgewachsene Türke im Internet sein letztes öffentlich sichtbares Lebenszeichen, ehe er mit seiner deutschen Frau und dem Kleinkind ins syrische oder irakische Kriegsgebiet geht.

Schwerwiegende Vorwürfe

 

Im Sommer 2014 erfährt auch die deutsche Polizei, dass und wohin das Paar aus Eisenberg (Donnersbergkreis) verschwunden sein soll. Die für derartige Fälle zuständige Staatsanwaltschaft in Zweibrücken geht davon aus, dass sich die Eheleute zu islamistischen Terrorkriegern ausbilden lassen wollen, ermittelt daher wegen des Verdachts der „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat“. Dieser Vorwurf ist so gewichtig, dass der Generalbundesanwalt in Karlsruhe den Fall an sich ziehen dürfte – wenn die Verdächtigen wieder nach Deutschland kämen.

Neues Facebook-Profil

Doch stattdessen werden die Verfahren vorläufig eingestellt, denn das mutmaßliche Islamisten-Paar gilt als verschollen. Und dabei ist es bis heute geblieben, obwohl längst ein neues Facebook-Profil mit dem Namen des einstigen Garten- und Landschaftsbauers aufgetaucht ist. Auch deutsche Fahnder haben es bemerkt. Allerdings lassen sie offen, ob sie es tatsächlich ihrem Terrorverdächtigen zuordnen. Schließlich geht es um einen 36-Jährigen mit einer Kombination aus Vor- und Nachnamen, die in der Türkei ungefähr so häufig vorkommt wie in Deutschland „Michael Müller“ oder „Peter Schmidt“.

Kein Kommentar zu Terrorvorwürfen

Außerdem verzichtet der neue Internet-Auftritt auf Fotos, die Menschen zeigen. Stattdessen sind Werbebilder zu sehen, auf denen Sofalandschaften und Teppiche präsentiert werden. Doch auf eine RHEINPFALZ-Anfrage hin bestätigt der Inhaber des mysteriösen Profils schließlich selbst, dass es sich bei ihm um den mutmaßlichen Islamistenkrieger aus Eisenberg handelt. Zu den Terrorvorwürfen allerdings schweigt er ebenso wie zu Fragen nach dem Schicksal seiner 29-jährigen Frau und seines Sohnes, beruft sich dabei auf den Rat eines Anwalts.

Wenig Interesse der Behörden

Schließlich ist der Verdächtige mitsamt seiner Partnerin international zur Fahndung ausgeschrieben. Deutsche Ermittler hätten daher trotz der politischen Spannungen auch längst schon versuchen können, türkische Kollegen auf die Facebook-Spur anzusetzen. Oder auf die Geldtransfers aus Deutschland, mit denen Angehörige die in der Türkei gestrandete Kleinfamilie unterstützen. Doch offensichtlich haben rheinland-pfälzische Behörden nur wenig Interesse daran, Leute wie das Eisenberger Ehepaar vor Gerichte in der Bundesrepublik zu stellen.

Innenministerium: Drei Gefährder zurückgekehrt

Nach amtlicher Zählung sind insgesamt 15 Rheinland-Pfälzer in die Kriegsgebiete gereist, um sich Terrorgruppen anzuschließen. Einige von ihnen dürften dort ums Leben gekommen sein. Für tot halten die Ermittler zum Beispiel einen jungen Mann bosnischer Herkunft, der zuletzt in der Vorderpfalz gelebt hatte und dessen Fall im Zusammenhang mit dem Eisenberger Ehepaar bekannt geworden war. Drei weitere Personen hingegen sind nach Angaben des Mainzer Innenministeriums inzwischen wieder nach Rheinland-Pfalz zurückgekehrt.

 

Geheim bleibt, wie nun mit diesen drei Menschen umgegangen wird, ob sie also nach ihrer Ankunft zum Beispiel festgesetzt wurden. Oder ob sie auf freiem Fuß geblieben sind, aber als Gefährder mehr oder weniger intensiv überwacht werden. Klar ist aber: Wer einmal in Syrien oder im Irak war, gilt erst recht als bedrohlich. Schließlich könnten die Rückkehrer zu Kämpfern ausgebildet worden und im Gemetzel noch weiter verroht sein. Außerdem könnten sie als bewunderte Kriegshelden in Deutschland zu Werbefiguren für die islamistische Sache werden.

Hindernisse für eine Rückkehr

Auch wenn sie es nicht ganz so offen aussprechen: Den Mainzer Hütern der inneren Sicherheit wäre es am liebsten, wenn mutmaßliche Ex-Milizionäre einfach im Ausland blieben. Fernhalten können die Behörden zumindest jene Islamisten, die zwar in Rheinland-Pfalz gelebt haben, aber als Migranten nie eingebürgert worden waren. Aus den Gesetzen lässt sich ableiten: Auch solche Ausländer haben in Deutschland noch Rechte, auf die der Staat Rücksicht zu nehmen hat. Aber dessen „Ausweisungsinteresse“ wiegt in ihrem Fall besonders schwer. 

 

So könnte auch für den 36-jährigen Türken aus Eisenberg neben der Haftdrohung ein weiteres, nur schwer überwindbares Rückkehrhindernis aufgerichtet werden, obwohl er eine – nun allerdings ebenfalls unter Terrorverdacht stehende – Deutsche geheiratet hat. Und Vater eines mit seinen Eltern in der Türkei gestrandeten kleinen Deutschen ist, der längst nicht mehr am Schnuller nuckelt, aber bald eine Schultasche braucht.

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