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Bad Dürkheim

Kallstadt im Fokus der Welt

Von Dagmar Schindler-Nickel

 

Ein Fernsehteam aus New York auf den Spuren von Donald Trump: Reporter Steven Fabian (links) interviewt Bürgermeister Thomas Jaworek am Dienstag vor der evangelischen Kirche. ( Foto: Franck)

War noch nie in Kallstadt, dafür aber sein Cousin John: Der schrille Milliardär Donald Trump, der US-Präsident werden will. ( Foto: Franck)

Das zur Zeit meistfotografierte Haus in Kallstadt: Das Geburtshaus von Trumps Großvater in der Freinsheimer Straße. ( Foto: Franck)

Filmemacherin Simone Wendel berichtet in der Talkshow von Markus Lanz über Kallstadt und ihr Interview mit Donald Trump. ( Foto: Franck)

Im Blickpunkt: Viel Aufhebens machen die Kallstadter nicht darum, dass Donald Trumps Vorfahren aus ihrem Ort stammen. Umso mehr interessiert sich die Weltpresse dafür. Jede Menge Journalisten wollen alles über die Wurzeln des Präsidentschaftsbewerbers wissen – die Kallstadter nehmen`s gelassen.

„Alles über Trump ist wichtig“, sagt Colum Ward. Er ist mit seinem dreiköpfigen Fernsehteam der TV-Show „Inside Edition“ aus New York nach Kallstadt geflogen, um einen Tag lang auf den Spuren der Vorfahren von Donald Trump zu wandeln. Gerade dirigiert der Produzent ein paar Aufnahmen im Keller der Winzergenossenschaft. Donald Trump trinkt zwar keinen Wein, aber das spielt keine Rolle. Die Winzergenossenschaft baut hier Weine aus Kallstadt aus und allein das zählt.

Geschäftsführer Axel Messer weiht die New Yorker in die Geheimnisse des „Wine Making“ ein. „This is barrique“, sagt er mit Blick auf die Barrique-Fässer, in denen Rotwein heranreift. Ein langgezogenes „Wow!“ hallt durch den Keller. Insbesondere der Unterschied zwischen den Stahltanks und den 100 Jahre alten Eichenfässern beeindruckt die Amerikaner. Mit journalistischer Neugier und viel Respekt vor Geschichte saugen sie alles auf, was es hier zu erfahren gibt.

Natürlich war das TV-Team zuvor am „Trump-House“ in der Freinsheimer Straße, das im Gegensatz zum berühmten New Yorker Trump-Tower einen sehr unscheinbaren Eindruck macht. Aber es strahlt Geschichte aus, die in diesen Tagen der Präsidentschaftsvorwahlen bis nach Amerika reicht. Unzählige Journalisten sind seit Herbst hierher gepilgert und haben fotografiert, gefilmt und Kallstadter interviewt. Einen echten Kallstadter Trump haben sie zwar nie zu sehen bekommen, dafür haben sie sich auf alles gestürzt, was irgendwie mit Trump zu tun haben könnte.

Das New Yorker Fernsehteam ist denn auch ganz entzückt, als Kallstadts Bürgermeister Thomas Jaworek ihnen beim Gang durch die protestantische Kirche erklärt, dass hier die Trumps früher den Gottesdienst besucht haben – bevor sie nach Amerika ausgewandert sind. Dies muss Jaworek auf Englisch immer wieder in allen Einzelheiten ausmalen – soweit man dies heute über einen Trump-Gottesdienstbesuch vor über 100 Jahren überhaupt kann. Aber Jaworek weiß sehr genau, was die Journalisten wollen und so kann er den Reporter Steven Fabian mit diversen Ausschmückungen begeistern. Warren Manos macht mit seiner Kamera mal eine Aufnahme in Richtung Altar und mal hin zur Orgel – bis Colum Ward zufrieden ist und der Fernsehtrupp draußen weiterdreht.

„Ja, hier sind die Trumps die Treppe hoch und in die Kirche rein“, versichert Jaworek, als die Kirche ihr langes 11-Uhr-Geläut beendet hat. „Wow!“ Colum Ward ist jetzt so richtig in Fahrt und möchte zumindest noch auf dem Friedhof den Namen Trump auf einem Grabstein filmen. Die Enttäuschung ist groß, als Gemeindediener Stefan Storzum („Bamm Bamm“) am Telefon erklärt, dass das letzte Trump-Grab abgeräumt ist. Die Amerikaner sind etwas enttäuscht und hinzu kommt, dass es jetzt wieder anfängt zu regnen. „Das Wetter ist immer so, wenn die Amerikaner kommen“, sagt Jaworek bedauernd. Auch als CNN an Fasching gedreht habe, war das Wetter schlecht. Dabei wäre es doch so schön gewesen, Kallstadt bei strahlendem Sonnenschein der Welt zu präsentieren. Dafür konnten die CNN-Reporter live dabei sein, wie die Kallstadter Landfrauen in der Gemeindehalle das Heringsessen vorbereiteten.

Eigentlich gehört zu den kulinarischen Genüssen aller Journalisten eher der Verzehr von Kallstadter Saumagen – im Glas und auf dem Teller. Auch Colum Ward und sein Team wurden am Dienstagabend entsprechend verköstigt. Simone Wendel leistete ihnen Gesellschaft. Ihr Film „Kings of Kallstadt“ hat jeder Journalist gesehen, der Kallstadt in den letzten Wochen besucht hat. In den Beiträgen über Donald Trumps Wurzeln wird daraus gerne zitiert. Dass der Film solch eine weltweite Wirkung entfalten würde, hatte die 41-jährige nicht gedacht, als sie ihren Dokumentarfilm 2014 veröffentlichte. „Eigentlich hätte der Film vor einem halben Jahr in die Kinos kommen müssen“, meinte sie gestern verschmitzt am Telefon. Der Besuch in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz war Wendels bislang größter Auftritt, weitere Einladungen von TV-Shows liegen bei ihr auf dem Tisch – „ich darf aber noch nichts verraten“, bedauert Wendel, die diese Art der Popularität als sehr aufregend beschreibt – insbesondere wenn dadurch der Name Kallstadt berühmt werde. Dass das Interesse einfach nicht nachlassen will, erstaune sie sehr. Auch freut sie, dass die Kallstadter so souverän und locker damit umgehen. „Die Journalisten kommen hierher mit der Meinung, dass hier die Welt noch in Ordnung ist. Dann stellen sie fest, es ist wirklich so und dass es hier zudem noch total lustig zugeht“, erzählt sie. Mehrere Journalisten hätten angekündigt, für einen Urlaub wieder zu kommen.

Dass das Interesse an Kallstadt sehr unterschiedlich ausgeprägt ist, darüber berichtet Bürgermeister Jaworek. „Das Interesse schwankt von einem Kurzbesuch von einer Stunde, bei dem nur das Haus fotografiert wird, bis zu einem einwöchigen Aufenthalt, in dem das ganze Dorfleben eine Rolle spielt“, erzählt der 47-Jährige, der ein Jahr in England studiert hat. „Wir hatten den Guardian aus England da, das Wall Street Journal, die Washington Post, eine japanische Tageszeitung und einen Journalist aus Stockholm“, zählt Jaworek auf. Natürlich war auch die deutsche Presse vor Ort, darunter Spiegel, Welt oder FAZ. Die Internet-Links zu den Veröffentlichungen hat Jaworek zu Hause auf dem PC – die Liste wird immer länger. Wie das Interesse weitergeht, hänge ganz davon ab, ob Trump sich bei den Republikanern als Präsidentschaftskandidat durchsetzen könne. „Wenn er das schafft, dann wird es hier richtig rund gehen“, ist Jaworek überzeugt.

Jörg Dörr, der als i-Punkt-Leiter vor Ort in Kallstadt sitzt und den Medien-Rummel ebenso hautnah mitbekommt, hadert etwas mit der Art der Popularität, die Kallstadt jetzt erfährt. „Nicht jede Publicity ist gute Publicity“, meint er angesichts einer Provinzposse, in die so mancher Beitrag abgedriftet sei. Auch Jaworek steht im Nachhinein einem Interview, das er auf Wunsch eines deutschen Privatfernsehens mit einem Donald Trump aus Pappe habe führen sollen, etwas kritisch gegenüber. Dörr würde sich auch wünschen, wenn Trumps politische Rolle etwas positiver besetzt wäre. Durch seine umstrittenen Äußerungen tauge er als Werbeträger für Kallstadt nur bedingt, meint der Tourismusexperte.

Dass von dem Medieninteresse die ganzen Region profitiert, darüber spricht Axel Messer von der Winzergenossenschaft. „Im Weinverkauf werden wir das wohl aber nicht merken“, meint der 49-Jährige. Er plädiert dafür, Trump als Werbe-Medium weiter zu nutzen. Von den Journalisten ist er bislang sehr angetan. „Sie kommen sehr gut informiert hierher. Ein Journalist aus Stockholm wusste auch vom Dürkheimer Wurstmarkt“, erzählt Messer und fügt hinzu: „Wir sollten uns in den Medien weiter mit unserer Pfälzer Gastlichkeit und Offenheit präsentieren. Und was dann folgt, davon lassen wir uns einfach überraschen.“

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