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Pfalz-Ticker

Europäischer Staatsakt für Helmut Kohl (mit Video)

Helmut Kohl wird auch im Ausland als großer Staatsmann geehrt und gewürdigt. (Foto: Reuters)

Helmut Kohls Sohn Walter kommt am Freitagabend in Oggersheim an. (Foto: dpa)

Die Straße, in der Helmut Kohl zuletzt gewohnt hat, wurde nach der Todesnachricht von der Polizei abgeriegelt. (Foto: Kunz)

Kamerateams und Polizisten stehen vor Kohls Anwesen in Oggersheim. (Foto: Ditt)

Ludwigshafens Oberbürgermeisterin Eva Lohse bei ihrem Statement in Oggersheim. (Foto: Ditt)

Der ehemalige Bild-Herausgeber Kai Diekmann tritt vor dem Bungalow der Familie Kohl vor die Presse. (Foto: Ditt)

Helmut Kohl wurde 87 Jahre alt. Dieses Archivbild wurde im Jahr 2003 in Ludwigshafen aufgenommen. Kohl sprach dort bei der Veranstaltung „50 Jahre CDU“. Foto: Kunz

Helmut Kohl wurde 87 Jahre alt. Dieses Archivbild wurde im Jahr 2003 in Ludwigshafen aufgenommen. Kohl sprach dort bei der Veranstaltung „50 Jahre CDU“. Foto: Kunz

Trauer um den Kanzler der Einheit und einen großen Europäer: In Straßburg soll ein Staatsakt für Helmut Kohl stattfinden.

Als erste Persönlichkeit in der Geschichte der EU soll Helmut Kohl mit einem europäischen Staatsakt geehrt werden. Dies bestätigte die EU-Kommission am Montag. Der von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker angeregte Staatsakt für den gestorbenen Bundeskanzler soll binnen zwei Wochen im Europaparlament in Straßburg stattfinden. Der genaue Termin und die Details seien aber noch offen, sagte eine Kommissionssprecherin am Sonntag in Brüssel. Einen solchen Staatsakt hat es noch nie gegeben, die Ehrung ist beispiellos.

 

In den Tagen nach Helmut Kohls Tod haben sich in Ludwigshafen und Speyer immer mehr Trauernde eingefunden. Mit Kondolenzbüchern, Trauerbeflaggung und Gedenkwachen in seiner Heimat Pfalz wird an Kohl erinnert.

 

 

Kondolenzbücher ab Montag im Ludwigshafener Rathaus-Center und Oggersheimer Rathaus

Für alle Ludwigshafener, die sich von Altkanzler Helmut Kohl verabschieden möchten, legt die Stadtverwaltung ab 10 Uhr am Montagmorgen Kondolenzbücher aus – und zwar  im Rathaus-Center und auch im Oggersheimer Rathaus. „Wer möchte, kann sich in den Kondolenzlisten verewigen und seine persönlichen Gedanken zu Helmut Kohl aufschreiben“, sagt Oberbürgermeisterin Eva Lohse. Zu Trauerfeiern und der Beerdigung Kohls konnte sie am Sonntag noch keine Angaben machen. Man warte nun die Planung des europäischen Staatsakts ab. Danach könne man entscheiden, ob es auch in Ludwigshafen noch Gedenkveranstaltungen gebe – etwa beim Stadtfest nächstes Wochenende. Aktuell gilt für die ganze Stadt Trauerbeflaggung, so Lohse.

Junge Union organisiert Gedenkwache

Im Gedenken an Helmut Kohl haben sich am Samstagabend etwa 150 bis 200 Mitglieder der Jungen Union vor dem Wohnhaus des Altkanzlers in Ludwigshafen versammelt. Die aus ganz Deutschland angereisten Vertreter der CDU-Nachwuchsorganisation legten Blumen, Kränze und Kerzen vor dem Bungalow im Stadtteil Oggersheim nieder. «Wir wollen unsere Trauer zeigen und Abschied nehmen», sagte der Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, Conrad Clemens (34). Sie seien von der Todesnachricht sehr betroffen gewesen und hätten beschlossen, sich vor dem Wohnhaus Kohls zu treffen. Die JU-Mitglieder zeigten auch Transparente. Auf ihnen stand «Danke für die deutsche Einheit», «Danke für Europa» und «Danke für Frieden und Freiheit. Ruhe in Frieden». Einige trugen Deutschland-Fahnen und Europa-Flaggen. Die meist andächtige Stille unter den Trauergästen wurde unterbrochen, als sie die deutsche Nationalhymne sangen.

OB Lohse und Speyerer Bischof kondolieren

Kurz nach der Trauerbekundung der Jungen Union kam Ludwigshafens Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU), legte ebenfalls Blumen nieder und betrat anschließend das Wohnhaus. Auch der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann und der frühere «Bild»-Chefredakteur Kai Diekmann, ein langjähriger Vertrauter von Helmut Kohl, waren zuvor zu weiteren Kondolenzbesuchen gekommen.

Polizei sperrt Straße vor Bungalow

Helmut Kohl war am Freitagmorgen im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim gestorben. Als sich Kohls Tod allmählich in seiner Heimatstadt herumgesprochen hatte, rückte erst einmal die Polizei an. Im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim, wo sich der eher unauffällige Bungalow befindet, sperrten die Beamten weiträumig ab. In dem Einfamilienhaus hatte der Altkanzler bis zuletzt gelebt. Vor knapp 16 Jahren war in dem Haus auch Helmut Kohls frühere Ehefrau Hannelore gestorben.

Die Ersten bringen Blumen

Die ersten Menschen brachten am Freitag Blumen, ein Polizist nahm sie an der Absperrung entgegen und trug sie zum Haus. Später traf Sohn Walter ein. Der gebürtige Ludwigshafener Kohl war sehr verwurzelt mit seiner Heimat. In seinem Haus in Oggersheim empfing er gerne Staatsgäste - wie den russischen Präsidenten Boris Jelzin oder den US-Präsidenten Bill Clinton.

Zu denjenigen, die am Freitag Blumen zum Haus von Kohl brachten, gehörte auch der 27-jährige Stefan Ehlers. Er sei im September 1989 im damaligen Ost-Berlin zur Welt gekommen, erzählte er. «Ich bin im Jahr des Mauerfalls geboren. Daher ist Helmut Kohl auch eine Figur aus meiner persönlichen Geschichte.» Seit einem Jahr lebe er aus berufliche Gründen in der Pfalz. Als er vom Tode Kohls hörte, habe er spontan Blumen gekauft und sich auf den Weg zum Haus des Altkanzlers gemacht. «Egal, wo man politisch steht, man muss schon sagen, dass er ein großer Mann war», sagte Ehlers.

Zuletzt lebte Kohl zurückgezogen

Privat zeigte sich der Altkanzler von seiner unkomplizierten Seite, wie Nachbarn berichten. Kohl sei öfter mal in der Nachbarschaft unterwegs gewesen und habe sich mit den Leuten unterhalten, selbst in Zeiten der Kanzlerschaft, sagt Rudolf Wieland. Der 71-Jährige wohnt mit seiner Frau Rosemarie schräg gegenüber. Der Politiker habe auch mal mit Nachbarn ein Bier im Garten getrunken. In den letzten Jahren habe man den Altkanzler aber nur noch selten zu Gesicht bekommen. «Durch die Krankheit hat sich ja sein Aktionsradius immer weiter verkleinert.»

Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler, länger als alle anderen Amtsinhaber bisher, und von 1969 bis 1976 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Außerdem war er von 1973 bis 1998 Bundesvorsitzender der CDU. Als sein bedeutendstes politisches Werk gilt die 1990 vollzogene deutsche Wiedervereinigung. Weltweit würdigten viele Menschen das Wirken des Staatsmannes Kohl.

Merkel: "Höchste Staatskunst"

Man werde noch lange bewundern, wie entschlossen Kohl und seine Mitarbeiter die Gunst der Stunde zur Vereinigung genutzt hätten, sagte die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel am Abend in Rom über ihren Amtsvorgänger. «Das war höchste Staatskunst im Dienste der Menschen und des Friedens. Helmut Kohl ist damit zu einem Glücksfall für uns Deutsche geworden.»

Kohl habe auch ihren Lebensweg als DDR-Bürgerin entscheidend verändert, sagte Merkel. «Ich bin ganz persönlich dankbar, dass es ihn gegeben hat.» Er sei zudem ein Modernisierer der CDU gewesen. Merkel hatte die Nachricht von Kohls Tod während ihrer Reise nach Rom erhalten. Dorthin war die Kanzlerin für eine Privataudienz bei Papst Franziskus am Samstag geflogen. Merkel rief umgehend die Witwe Maike Kohl-Richter an.

Seit einem Sturz und Schädel-Hirn-Trauma 2008 war Kohl schwer krank, saß im Rollstuhl und konnte nur schwer sprechen. 2015 hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert. Nach Operationen lag er monatelang im Krankenhaus. Kohl kehrte aber wieder in sein Haus in Ludwigshafen-Oggersheim zurück.

Steinmeier lobt Kohls politischen Instinkt

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte am Abend die Verdienste des gestorbenen Altkanzlers für die Wiedervereinigung und den Zusammenhalt Europas. «Es ist ihm gelungen, die deutsche Einheit im friedlichen Einvernehmen und in guter Partnerschaft mit unseren europäischen Nachbarn zu erreichen. Ihm verdanken wir, dass Deutschland als europäische und geeinte Nation bestätigt und damit die "Deutsche Frage" beantwortet wurde», schrieb Steinmeier laut Präsidialamt an die Witwe.

Steinmeier fügte mit Blick auf die deutsche Einheit hinzu: «Sein politischer Instinkt, seine große Erfahrung und seine herausragende Begabung, Vertrauen bei unseren Nachbarn und Partnern zu gewinnen, haben ihn dazu befähigt, eine einmalige historische Chance zu erkennen und sie mit Entschlossenheit zu ergreifen.»

Seehofer: Ein "Ausnahmepolitiker"

Als Ausnahmepolitiker bezeichnete Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) den Altkanzler. «Sein Name wird auf alle Zeit verbunden bleiben mit der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes.» Er fügte hinzu: «Als langjähriges Mitglied seines Bundeskabinetts macht mich sein Tod auch ganz persönlich sehr betroffen.»

Schulz: Kohl war "großer Europäer"

Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz würdigte Kohl als «großen Europäer» und «großen Staatsmann». Er habe «historische Weichen für Deutschland und Europa gestellt und sich Verdienste erworben, die Bestand haben und nicht vergessen werden». Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte. Kohl habe «sehr viel dafür getan, dass nicht nur die Deutsche Einheit gekommen ist, sondern auch dass Europa zusammengewachsen ist. Das ist sein großes Vermächtnis.»

Viele Würdigungen im Ausland

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg schrieb: «Als die Berliner Mauer fiel, war er der Lage gewachsen. Ein wahrer Europäer.» EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker teilte mit: «In Gedenken an Helmut Kohl habe ich die Europaflaggen vor den europäischen Institutionen auf Halbmast setzen lassen.» Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu äußerte «tiefe Trauer» über den Tod Kohls. Dieser sei «einer der größten Freunde des Staates Israel» und der Sicherheit des jüdischen Staates «vollkommen verpflichtet» gewesen.

Der frühere US-Präsident George H. W. Bush würdigte Kohl als «wahren Freund der Freiheit». «Er ist der Mann, den ich als einen der größten politischen Führungsfiguren im Nachkriegseuropa ansehe», heißt es in einem Statement von Bush, das sein Büro am Freitag verbreitete. Bush war einer der US-Präsidenten, die während Kohls Amtszeit im Weißen Haus waren. Beide Politiker gelten als Väter der Deutschen Einheit. |rhp/dpa/ax




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