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Höhepunkte

„Ich sehe mich nicht als Star, sondern als Arbeitsbiene“

Interview: Marion La Marché in Ellerstadt und anderswo

Marion La Marché.

Multitalent im Musik- und Showgeschäft: Marion La Marché. (Foto: René van der Voorden/frei)

„Mit den Aufrichtigen das zu leben und zu zelebrieren, was mich immer und immer wieder am meisten berührt - die Musik - ist eines der größten Geschenke, das ich mir vorstellen kann“, sagt Marion La Marché. Die Sängerin und Schauspielerin aus Wiesloch, die auch Musikunterricht gibt und komplette Shows konzipiert und schreibt, ist eine wahre Überzeugungstäterin und in vielen Projekten daheim. Unter anderem gehört sie zum Ensemble des Mannheimer Capitols, hat Auftritte mit ihrem Trio und singt in der Elville Blues Band. Mit dieser zelebriert sie jetzt die 100. Session in Ellerstadt in der Weinstube Ultes (Do 17.8., 20 Uhr, Eintritt frei). LEO-Redakteurin Gisela Huwig hat sie im Interview aber auch von den Schattenseiten des Geschäfts erzählt.

Eine Reihe mit 100 Sessions. Das klingt ja ganz nach einer großen Erfolgsgeschichte.

 

Das ist schon der Hammer. Aber es ist trotzdem eher eine Hobbygeschichte. Wir spielen da ohne Eintritt und Gage auf Hutsammlung. In der Band haben aber alle außer mir ihre Jobs. Ich bin die einzige Professionelle in dem Haufen. Aber es macht einfach jede Menge Spaß und vermutlich habe ich irgendwie den Blues im Blut. Ich bin nicht von ungefähr schon seit 2012 dabei. Die Session ist seit 2006 immer am dritten Donnerstag im Monat. Und einen Tag vorher, am dritten Mittwoch im Monat, ist sie in gleicher Besetzung im Kulturzentrum „Das Haus“ in Ludwigshafen zu erleben. Wir haben tolle Gastmusiker dabei, die reisen zum Teil aus Hamburg an. Und so haben sie dann wenigstens zwei Auftritte in der Gegend.

 

Welche Gastmusiker waren denn schon dabei?

 

Zum Beispiel Stefan Zobeley, der Gitarrist der Grönemeyer Band, Ali Neander von den Rodgau Monotones und Gert Lange von der Hamburg Blues Band. Der Gert ruft schon immer selbst an, dass er gerne mal wieder dabei wäre. Anfangs haben wir den Leuten hinterher telefoniert, um sie für unsere Session zu gewinnen. Jetzt ist das ein Selbstläufer. Die Gastmusiker sind immer total begeistert, weil sie hier so ein fachkundiges Publikum finden. Da wird bei jedem Solo geklatscht, und die Leute hören auch wirklich zu.

 

Das mit dem Zuhören ist ja leider nicht so selbstverständlich ...

 

Das stimmt. Man muss sich nur mal anschauen, wie junge Leute heute die Musik konsumieren. Da wird nicht mehr mit Bedacht eine LP aufgelegt, die Nadel vorsichtig runtergelassen und die Platte nach 20 Minuten behutsam rumgedreht. Das geht heute alles per Klick von einem Track zum nächsten, und keiner nimmt sich mehr die Zeit, einen Song komplett zu hören, wenn der Anfang ihm nicht gleich gefällt.

 

Wenn man Ihre Biografie liest, wird schnell klar, dass Musik Ihnen quasi in die Wiege gelegt worden ist. Jetzt gehen Sie auf die 50 zu. Was hat Sie denn so lange bei der Stange gehalten und wie haben Sie es ins Profi-Lager geschafft?

 

Für mich gab’s von Anfang an nichts anderes als Musik. Mein Vater hat in einer Band gespielt, Ronny & the Flippers hieß die. Da war er sowas wie der Elvis von der Bergstraße. Weil seine Eltern aber den Beruf Musiker nicht akzeptierten, musste er eine Ausbildung machen. Er wurde dann Einzelhandelskaufmann und Schallplattenvertreter. Er war ständig in Sachen Musik unterwegs. Damals gab’s noch echte Schallplattenläden …

 

Die gute alte Schallplatte … Haben Sie denn noch eine Sammlung?

 

Ich habe noch meine alten Kinderplatten, so um die 300. Aber mein Vater hat eine richtig große Sammlung mit 8000 Platten und ganz vielen Raritäten und Bootlegs. Die soll ich mal bekommen. Aber ich sage immer, dann muss er mir auch das passende Haus dazu vererben (lacht).

 

Würden Sie denn gerne mal eine Vinylscheibe rausbringen? Welche Tonträger gibt es schon von Ihnen?

 

Ich habe schon ganz viele CDs gemacht. Auch eine mit der Elville Blues Band. P-Town hieß meine erste Band, mit der wir eigene Sachen gemacht haben. Da habe ich auch meinen Mann Thomas kennengelernt. Mit P-Town haben wir eine Single rausgebracht. Das war echt innovative Musik zwischen Popfunk und Peter Gabriel. Leider hatten wir keine Auftritte.

 

Daran scheitert es ja oft, dass man mit eigener Musik keine Auftritte bekommt.

 

Ja. Man muss zur richtigen Zeit die richtige Person am richtigen Ort treffen.

 

Wann sind Sie dann so richtig durchgestartet?

 

Durchstarten ist so ein Wort… Ich bin eher so die Dienstleistungstante. Ich finde es immer spooky, wie die Leute auf mich reagieren, wenn ich von der Bühne komme. Ich fühle mich gar nicht als Star, sondern als Arbeiterbiene, die auf Geburtstagen und Hochzeiten und solchen Anlässen spielt. Ich mag heute auch lieber kleinere Konzerte, zum Beispiel im Trio mit meinem Mann und meinem Sohn Raphael, der Cajon spielt. Aber wenn man als Sängerin und Schauspielerin sein Geld verdienen muss, ist das pure Plackerei, und man wird dabei nicht reich. Ich habe Pädagogik studiert und gebe noch Musikunterricht. Den Schülern sage ich immer, lernt noch richtig was dazu, damit die Musik immer Spaß macht, weil man nicht drauf angewiesen ist. Ich darf in meinem Musikerjob nie krank werden. Wenn man in so einem Ensemble unterwegs ist, sind ja die Kollegen drauf angewiesen, dass der Abend läuft und sie ihr Geld kriegen. Wenn da einer ausfällt, stehen alle im Regen. Da geht man auch schon mal mit 39 Fieber auf die Bühne. Das ist ein mörderischer Druck. Deshalb halten es vermutlich auch so wenige bis 50 durch.

 

Was hält Sie im Geschäft?

 

Musik gibt einem viel Power, hält lebendig. Und auch jung. Wenn ich andere in meinem Alter sehe, die von der Couch nicht mehr hochkommen, bin ich echt froh, dass ich noch so eine Power habe.

 

Die brauchen Sie sicherlich auch für Ihre vielen Projekte. Was ist mit Ihrem Erfolgsmusical „Janis – Piece of my Heart“?

 

Das war tatsächlich so eine Zäsur in meinem Künstlerleben. Ich habe dafür zwei Jahre lang intensiv geprobt, es war mein Erstlingswerk, bei dem ich alles selbst geschrieben habe. Damals habe ich gemerkt, dass ich ein Händchen für Dramaturgie habe und fürs Stückeschreiben. Ich spiele das Stück aber seit drei Jahren nicht mehr, wir geben nur noch Janis-Konzerte. Die One-Woman-Show, die ich komplett geschrieben habe, war mir irgendwann einfach zu anstrengend. Es wird dann auch schwierig, immer eine 27-Jährige zu spielen. Nach zwölf Jahren habe ich mir gesagt, jetzt ist es mal gut.

 

Und was steht aktuell so an?

 

Ich wirke im Fahrrad-Musical „Karl Drais – Die treibende Kraft“ im Mannheimer Capitol mit, das Michael Herberger, der Produzent von Xavier Naidoo, geschrieben hat. Ich mag das Stück sehr. Es verbindet eindrucksvoll die Vergangenheit mit der Gegenwart und ist auch sehr emotional. Außerdem stehe ich bei der Queen-Show „I Want it all“ und in der Hippie-Show „Here Comes the Sun“ auf der Capitol-Bühne. 2013 kam noch die „80er-Jahre-Show“ dazu. Und ich habe mehrere Kindertheater-Stücke fürs Capitol geschrieben und wirke mit bei „Jim Knopf“.

 

Das Capitol ist also sowas wie eine Bühnenheimat für Sie. Wie sind Sie ins Ensemble gekommen?

 

Ich bin seit 2006 dort dabei. Damals stand Jürgen Flügge, der das legendäre Jugendbuch und Theaterstück „Was heißt hier Liebe“ geschrieben und die Idee zu meiner Janis-Joplin-Show hatte, mit dem Capitol-Chef Thorsten Riehle in Kontakt. Weil er noch was gut bei Riehle hatte, wünschte er sich die Janis-Show ins Capitol-Programm. Das hat dann auch geklappt, und es schlug total ein.

 

Ihre Stücke fürs Capitol haben alle etwa Sentimentales, erinnern an die „guten alten Zeiten“, sei es an die Flowerpower der 70er oder die kultigen 80er. Wie kommt das denn?

 

Meine Eltern waren eben Hippies, ich wurde davon geprägt. Mein Vater hat mir mit zwei Jahren schon das Mikro hingehalten und gesagt: Sing da rein. Mit fünf Jahren stand ich erstmals vor 3000 Leuten auf der Bühne.

 

Kennen Sie trotzdem noch sowas wie Lampenfieber?

 

Nein, nur noch vor Premieren. Die machen mich immer noch total gaga. Natürlich muss es vor Auftritten immer eine gewisse Grundspannung geben, das hat aber alles nichts mit Aufregung zu tun. Das liegt vielleicht daran, dass ich mich nicht verstelle, außer wenn ich eine Rolle spiele. Aber als Sängerin bin ich einfach so, wie ich sonst auch bin. Ich bleibe da extrem bei mir, mir ist Authentizität sehr wichtig. So habe ich ein Kabarett-Soloprogramm geschrieben, das heißt „Dick im Geschäft“, das ist natürlich bezogen auf mich und meine Figur, aber es spiegelt auch ein bisschen das Business.

 

Mit dem Sie nicht immer so glücklich sind?

 

Mich stört, dass es ganz viele Menschen gibt, die auf einem hohen Level immer so vor sich hinarbeiten müssen, ohne dass dabei viel hängenbleibt. Und dann kommt lange, lange, lange nichts. Und dann kommen ganz weit oben eine Handvoll Leute, die den großen Reibach machen. Das ist extrem ungerecht. Mit zunehmendem Alter wäre ich schon froh um ein paar Sicherheiten. Früher war mir das egal, das war schon viel Rock’n’Roll. Aber inzwischen frage ich mich manchmal, wieso man mitunter für einen Abend mit 180 Euro abgespeist wird. Man muss sich das mal überlegen: Sting verdient 2000 Euro pro Tag nur an „Every Breath you Take“.

 

Woher kommen denn solche Klassenunterschiede? Spiegelt das die komplette Gesellschaft?

 

Das ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich kann es mir nicht wirklich erklären. Vielleicht liegt es daran, dass auch die Veranstalter kleingeschaltet werden. Die müssen Gema zahlen, die müssen in die Künstlersozialkasse zahlen. Viele schöne Locations machen deshalb gar keine Konzerte mehr, weil sie es nicht mehr finanzieren können. Die Kulturförderung wird ja immer zuerst gekürzt. Andererseits bekommen große Häuser auch jede Menge Geld reingeblasen. Die alternative Ecke wird unterdessen immer kleiner und stirbt aus. Ich sehe das als Wüste. Das trocknet wirklich aus. Andererseits wird in keiner Branche dieser Welt soviel gelabert und versprochen, und hinterher wird es nicht gehalten. Da kommen Leute nach dem Konzert auf dich zu, sagen „Super. Wir machen mal was zusammen“, und dann ist nichts dahinter. Das Geschäft verroht zusehends. Ich finde, Erich Kästner hatte Recht, als er meinte „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

 

Was wünschen Sie sich denn angesichts dieser Perspektiven für die Zukunft?

 

Ich liebe meinen Beruf über alles, und ich würde auch nichts anderes machen wollen. Aber ich sage meinen Schülern immer: Wenn man je davon leben will, muss man flexibel sein. Wenn die berühmte gute Fee käme, würde ich mir schon zwei Hits wünschen, mir dann ein Haus kaufen und auf die Rheinebene runterschauen und sagen: Macht doch alle grad, was ihr wollt. Ich könnte mir mich im Alter in meinem eigenen vegetarischen Restaurant vorstellen, wo ich koche und bediene. Und einmal die Woche singt die Chefin.

Weitere Termine/Info/Kontakt: www.marionlamarche.de

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