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Museen & Galerien

Gestisches Haiku: Sonja Scherer in Deidesheim

Von Kai Scharffenberger

Seerosenteich, tachistisch: Gemälde aus Sonja Scherers Serie „Merci Monsieur Monet“.

Seerosenteich, tachistisch: Gemälde aus Sonja Scherers Serie „Merci Monsieur Monet“. (Foto: Scherer/Galerie Upart/frei)

Schrift scheint durch: Scherers „skripturale“ Malerei.

Schrift scheint durch: Scherers „skripturale“ Malerei. (Foto: frei)

„Es lehnt an die Berge sich dort der Strom des Himmels.“ Ein japanisches Haiku, Lyrik in höchster Konzentration.

Sonja Scherer hat es auf einen Bogen Papier geschrieben, dann ihre schöne Schrift umspielt und „überschrieben“, mit dichten Schichten aus Ölfarben und Ölkreiden, bis eine Art Palimpsest entstand, aus dem der Wortgrund nur noch hier und da hervorscheint. „Himmel“ kann man noch lesen, andere Schriftzüge glaubt man in der gestisch rhythmisierten Farbfläche zu erahnen. Das Haiku wurde in eine Malerei übersetzt, die ganz unmittelbar Bewegung vermittelt: der Strom des Himmels, abstrakt. Manchmal verschwindet die Schrift auch ganz im Fluss der Übermalung, dann bleiben nur Zeichen, Chiffren, die Naturbilder assoziieren lassen: Ähren oder Rohrkolben im Wind, Blauregenfülle – vielleicht.

 

Diese „skripturale“, also vom Akt des Schreibens ausgehende Malerei bildet einen Hauptaspekt in Sonja Scherers Schaffen. Inspiriert dazu wurde die 1953 in Homburg geborene, in Mannheim lebende Künstlerin mit Atelier in Ludwigshafen durch intensive Beschäftigung mit dem Werk des abstrakten Expressionisten Cy Twombly, der ganz gezielt Worte und Gekritzel in seine tachistische Malweise integrierte.

 

Eine zweite wichtige Quelle der Inspiration sind Reisen durch Asien, die Scherer seit 1989 unternimmt. In der Ausstellung in Deidesheim, einem Gastspiel der Neustadter Galerie Upart in der Galerie Backhaus, macht sich die künstlerische Auseinandersetzung mit asiatischen Phänomenen nicht nur in der Verwendung japanischer Haikus bemerkbar: Auch Scherers Faltarbeiten aus Papier, die durch Bearbeitung mit Graphit, Acrylfarben und Asphaltlack eine eigentümlich metallische Optik haben, sind durch Augenblicke in Indien oder Fernost angeregt. Vorbild für die Ziehharmonika-Struktur dieser reliefartigen Wandobjekte war ein über Treppenstufen zum Trocknen ausgebreiteter Sari, das tiefe Rot, das besonders eine Faltarbeit prägt, sei eine Reminiszenz an die Gewänder buddhistischer Mönche in Myanmar, verrät die Künstlerin.

 

Scherers dritte in Deidesheim gezeigte Werkgruppe bezieht sich dann allerdings auf heimische oder zumindest europäische Wasserwelten. Ihre „Landschaften am Fluss“ bleiben gezielt in der Schwebe zwischen konkretem Natureindruck und ungegenständlicher Malerei: beschworen wird das Atmosphärische. In der Serie „Merci Monsieur Monet“ gewichtet Scherer, ausgehend von den späten Seerosenbildern des Malers, stärker den Malakt an sich. Indem sie das Oval der Seerosenblätter direkt mit der Farbtube zeichnet und die restliche Farbe mit Fingern und Handfläche auf die Leinwand modelliert (der Pinsel kommt kaum zum Einsatz), überträgt Scherer das heikle Kitschmotiv in eine betont gestische Malerei: ein Rettungsversuch aus informeller Sicht.


Info

Sonja Scherer – 11.8. bis 6.9., Deidesheim, Galerie Upart zu Gast in der Galerie Backhaus, Heumarktstraße 5; Eröffnung: Do 10.8. um 19.30 Uhr; Di-Fr 11-14 Uhr, Sa 14-20 Uhr; Info: Telefon 0171-6702651.

 

 

 

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