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Montag, 11. Mai 2015 Drucken

Wir sind digital

Die Masse macht’s

Wir sind digital: Über das Internet Künstler zu unterstützen, kommt in Mode – Ist Crowdfunding auch für die klassische Musik ein Zukunftsmodell?

Von Rebekka Sambale

 

Beifall ist das Brot des Künstlers. Doch leben kann er davon nicht. Crowdfunding setzt darauf, die applaudierende Menschenmenge aus den Konzertsälen auf die Internetplattformen zu holen, um Musik-Projekte zu finanzieren. Bei klassischer Musik funktioniert das bislang nur bedingt. ( ArchivFoto: Dpa)

Crowdfunding ist ein Weg, um per Internet gezielt Projekte aus Kultur und Wissenschaft finanziell zu unterstützen. Dabei kommt das Geld nicht von großen Unternehmen, sondern von Privatpersonen. Das könnte auch eine Chance für CD-Produktionen oder Konzerte mit klassischer Musik sein. Bereits kleine Summen helfen – vorausgesetzt, es gibt Unterstützer.

April 2015: Eine neue CD mit Richard-Strauss-Liedern erscheint. Der Sänger: Timothy Sharp aus Mannheim. Die Financiers: Privatpersonen. Januar 1823: Die „Missa solemnis“ wird vollendet. Der Komponist: Ludwig van Beethoven aus Bonn. Die Financiers: Privatpersonen. Vor 200 Jahren hieß das „Subskription“ oder „Mäzenatentum“, heute nennt es sich „Crowdfunding“ – und läuft im Netz, online, statt mit Unterschrift auf dem Papier. Schon mit kleinen Beträgen kann jeder Projekte fördern, für die sonst das Geld fehlt.

In der Filmbranche gibt es dieses Modell schon länger. 2004 wurde „Stromberg – Der Film“, angelehnt an die gleichnamige Comedy-Fernsehserie, zu einem Großteil über Crowdfunding finanziert. Auch die Pop-Musik zog nach. Bei der Klassik gibt es ein ganz anderes Grundproblem: Politiker müssen Subventionen immer wieder öffentlich rechtfertigen. Kritiker mahnen: Zu viel Geld fließt in Theater und Opernhäuser, die ohnehin kaum einer besucht. Freie Künstler stehen vor noch größeren Herausforderungen: Kein geregeltes Einkommen, wenig Absicherung, keine Subventionen – von gelegentlicher Projektförderung abgesehen. Doch vom Beifall alleine kann niemand leben, von den Einnahmen kleiner Konzerte kaum jemand.

Hier könnte Crowdfunding ansetzen. Denn wer sich ohnehin für klassische Musik begeistert, greift gerne in den Geldbeutel – vielleicht auch im Internet. Timothy Sharp hat es mit seiner Strauss-CD gewagt. 7000 Euro hat er über die Crowdfunding-Plattform startnext.com gesammelt. Allerdings: „Die Zielgruppe ist im Augenblick noch zu Internet-unerfahren“, sagt der Bariton. Statt darauf zu hoffen, dass potentielle Förderer online auf sein Projekt aufmerksam wurden, habe er bei Konzerten im Foyer Handzettel ausgeteilt, Menschen angesprochen und ihnen erklärt, wie das funktioniert mit dem Crowdfunding. Das Publikum der sogenannten E-Musik ist älter als das in Pop-Konzerten. Die Menschen hatten Bedenken, sich im Internet zu registrieren, sagt Sharp. Sie hätten Angst um ihre Daten und seien mit der Technik oft wenig vertraut.

Diese Erfahrung hat auch Thomas Rainer gemacht. Er leitet die Mannheimer Agentur „Allegra“ und hat bei startnext.com 10.000 Euro für die Frankfurter Konzertreihe „Klang im Kloster“ gesammelt. Die Veranstaltung wurde einst von der Stadt Frankfurt finanziert. Inzwischen sind die Zuschüsse gestrichen, „Klang im Kloster“ stand auf der Kippe. Rainer wagte das Internet-Experiment. Das Fazit: „Es war sehr mühsam.“ Erfolgreich war er nur, weil ihn zusätzlich große Kooperationspartner unterstützten. Auch er kennt Menschen, die gerne gespendet hätten – aber nicht online. „Es ist sehr aufwendig“, sind sich Sharp und Rainer einig. Um für eine Aktion zu werben, mussten sie ein Video drehen und im Internet regelmäßig über ihre Arbeit informieren.

„Die Projekte zu Popmusik überwiegen“, heißt es auch von startnext.com. Seit 2010 gibt es die Crowdfunding-Plattform. Es war die erste in Deutschland, in Dresden von zwei jungen Unternehmern gegründet. Auf der Homepage ist von 950 erfolgreichen Projekten in 2014 die Rede, insgesamt 8 Millionen Euro seien im vergangenen Jahr investiert worden. Wer auf die Rubrik „Musik“ klickt, findet zurzeit Hip-Hop-Musiker Danny Fresh, der für eine Aufnahme sammelt, eine Liedermacherin aus Nürnberg, die auf ihr Debüt-Album hofft, Schlagersänger, Popmusiker und Vertreter alternativer Genres. Auch einzelne Projekte aus der sogenannten Ernsten Musik, der E-Musik – landläufig als Klassik bekannt – sind dabei: Der Landesjugendchor Nordrhein-Westfalen braucht Geld für eine Konzertreise durch Schweden, und der Münchner Knabenchor möchte Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“ aufführen.

„Der Klassikmarkt funktioniert einfach anders“, sagt Etienne Emard, Geschäftsführer des Landesmusikrates Rheinland-Pfalz im RHEINPFALZ-Gespräch. Während es im Rock/Pop einige Independent-Künstler gebe, die Experimentelles ausprobieren, sei Klassik „nichts, das mit etwas ganz Neuem kommt.“ Der gängige Weg zum Erfolg laufe daher immer noch über Agenturen hin zu Labels. Für große Orchester sei das Modell ohnehin schwierig. Crowdfunding arbeitet projektbezogen und kann so nur schwerlich eine Langzeitfinanzierung ersetzen. Öffentliche Geldgeber und Sponsoring „werden weiterhin die Hauptsäulen sein“, ist Emard überzeugt. Matthias Rauch, Clustermanagement Musikwirtschaft in Mannheim, sagt allerdings über Crowdfunding: „Ich glaube, dass sich das immer stärker in der Klassik durchsetzen wird.“ Man etabliere so eine andere Beziehung zum Publikum und lasse es am Entstehungsprozess des Werks teilhaben. Wer „crowdfunded“, bekommt übrigens auch etwas dafür: Bei Timothy Sharps Strauss-Projekt gab es für 25 Euro eine signierte CD, für 100 Euro lädt der Bariton zum Gesangsunterricht ein. Das ist ein Charakteristikum des Modells: Geld geben, Leistung erhalten und Kultur unterstützen.

„In den Köpfen der Menschen, die nicht ins klassische Konzert gehen, ist stark verhaftet, dass Klassik sowieso subventioniert wird“, sagt Kathrin Christians. Ein Trugschluss. Die Musikerin war mehrere Jahre lang Soloflötistin der Heidelberger Sinfoniker und arbeitet jetzt freischaffend. Wenn sie Leute auf das Thema Crowdfunding anspricht, reagieren diese teilweise sogar aggressiv: „Warum wollt ihr denn noch mehr Geld?“ Christians kann sich ein eigens Crowdfunding-Projekt gut vorstellen, plant derzeit eine CD mit Werken des dänischen Komponisten Carl Nielsen.

Bilder von übermäßiger Subventionierung seien die eine Herausforderung, außerdem sieht die Flötistin aus Heidelberg ein Problem in der Musikerausbildung. „Im Studium wird nicht vermittelt, dass man proaktiv werden muss“, sagt Christians. Es dominiere noch das traditionelle Bild vom Genie, das plötzlich entdeckt wird. Schulungen zum Eigen-Marketing seien selten. Geniale Musiker, die zu entdecken es sich lohnt, gab es schon immer – doch die Zeiten haben sich geändert.

Beethoven war zweifelsohne ein Genie, als er 1823 seine „Missa solemnis“ vollendete. Er hatte – wie auch viele andere seiner Zeitgenossen – bereits Subskriptionen an zahlreiche Förderer vergeben. Bei diesem gängigen Modell verpflichteten sich Interessenten vorab, das Werk zu kaufen. Es wurde vorfinanziert. Crowdfunder entdecken diese alte Idee heute wieder neu. Auch in der klassischen Musik. Beethoven war bereits vor 200 Jahren dem Marketing seiner Zeit weit voraus.

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