| Dienstag, 23. Oktober 2012, 20:21 Uhr | Drucken | Versenden |
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Neustadt
Entgleisung beim ''Zug der Erinnerung''
Hans-Rüdiger Minow vom Trägerverein der rollenden Ausstellung erhebt schwere Vorwürfe gegen Oberbürgermeister Hans Georg Löffler (CDU) und die Stadt. Der Anlass ist nichtig: Löffler lehnt es ab, am Grab des nationalsozialistischen Gauleiters Josef Bürckel eine mahnende Gedenktafel anbringen zu lassen. Er will keine Pilgerstätte für Neonazis.
Der Verein ”Zug der Erinnerung” hat einen bösen Streit mit der Stadt vom Zaun gebrochen. Vorstandssprecher Hans-Rüdiger Minow wirft Oberbürgermeister Hans Georg Löffler (CDU) vor, ”aus offenkundiger Rücksicht auf die Umtriebe heutiger NS-Rassisten jeden Hinweis auf die Verbrechen des vormaligen NS-,Gauleiters‘ auf dem Neustädter Friedhof ab(zu)lehnen”.
Was ist passiert? Wie gestern berichtet, hatte die Schweizerin Margot Wicki-Schwarzschild vergangenes Jahr der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass in Neustadt mit Tafeln an die Verbrechen des ehemaligen NS-Gauleiters Josef Bürckel erinnert werde. Der freundlich formulierte Brief hatte Löffler nur über den Freiburger Andreas Meckel erreicht, der sich dort in der Gedenkarbeit engagiert. Löffler hatte Meckel mitgeteilt, dass eine Tafel an der Villa Böhm, Bürckels ehemaligem Dienstsitz, in Vorbereitung sei. Im selben Gespräch hatte der Oberbürgermeister auch erklärt, dass er eine Gedenktafel am Grab Bürckels nicht für sinnvoll halte, da sonst eine ”Pilgerstätte” für Neonazis entstehen könnte. Zudem gebe es noch Angehörige mit Nutzungsrecht am Grab. Löffler war davon ausgegangen, dass Meckel Wicki-Schwarzschild über das Gespräch unterrichten würde. Das ist offenbar nicht erfolgt. Im ”Zug der Erinnerung” und auf den Internetseiten des gleichnamigen Vereins ist dieses Versäumnis ungewöhnlich scharf kritisiert worden. Vorstandssprecher Hans-Rüdiger Minow schrieb dazu auf RHEINPFALZ-Anfrage: ”…jeder Versuch, die unsensible Verweigerung eines Dialogs mit der Absenderin zu rechtfertigen, statt sich dafür öffentlich zu entschuldigen, lässt mannigfaltigen Vermutungen Raum.” Gestern hat Minow nachgelegt. Er lege Löffler nahe, sich bei Wicki-Schwarzschild zu entschuldigen und dem Eindruck entgegenzutreten, dass die Neustadter Stadtspitze die Besorgnis früherer Deportierter um die Aufdeckung der in Neustadt begangenen NS-Verbrechen und die Benennung der Verantwortlichen gering schätze. Es sei irritierend, dass Löffler unter Hinweis auf die Tätererben und, wie eingangs zitiert, aus Rücksicht auf die Umtriebe heutiger Rassisten jeden Hinweis auf dem Friedhof ablehne. Minow appelliert in einem offenen Brief an die Neustadter, sich die Frage zu stellen, ”ob sie die Mörder (...) auf unseren Friedhöfen unter den Schutz eines vom Neustädter Oberbürgermeister beanspruchten ,Nutzungsrechts‘ gestellt sehen wollten.” Den Überlebenden fehlten dagegen die Gräber, an denen sie die Ermordeten betrauern könnten, weil deren sterbliche Überreste in den Krematorien der NS-Vernichtungslager verbrannt worden seien.Minow fordert Löffler auf, ”die offenkundige Kontroverse um einen angemessenen Umgang mit den Opfern und den vollständigen Bruch mit den Tätern öffentlich zu führen”. Für eine solche Veranstaltung stehe der Verein zur Verfügung. Zudem solle Löffler durch persönliches Erscheinen bei einer Gedenkveranstaltung heute am Zug verdeutlichen, dass die Neustadter ohne jede Zweideutigkeit der Erinnerung an die Opfer verpflichtet seien und die Täter verdammten. Löffler zeigte sich gestern betroffen über die Vorwürfe. Offenbar wisse Minow nichts über die Gedenkarbeit in Neustadt. Der heutigen Veranstaltung werde er fernbleiben - erstens aus Termingründen, zweitens weil eine solche Gedenkveranstaltung ganz sicher nicht der richtige Zeitpunkt sei, die bestehenden Missverständnisse auszuräumen. Er werde Minow schreiben, aber die unerfreuliche Diskussion nicht öffentlich führen. Der Verein hat zudem auf seiner Homepage (www.zug-der-erinnerung.eu) kritisiert, dass in Neustadt kein offizieller Empfang des Zuges zustande gekommen sei. Stadt-Pressesprecher Andreas Günther betont, dass mit dem Arbeitskreis der Schulen, die die Ausstellung in Neustadt vorbereiteten, eine Eröffnungsveranstaltung mit Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer (CDU) geplant gewesen sei. Diese sei vom Arbeitskreis abgesagt worden, weil eine Veranstaltung mit Musik, Reden, Brezeln und Wein angesichts des Themas seltsam anmute. Minow hat dazu geschrieben, er habe von diesen Absprachen keine Kenntnis, dennoch stimme die Tatsachenbehauptung auf der Homepage, dass es keinen Empfang der Stadt gebe.
Von Heike Klein und Sebastian Böckmann
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