Freitag, 30. März 2012, 14:39 Uhr Drucken   |   Versenden
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Für uns hier: Wissenswertes
Wenn das Mittagessen zur Prüfung wird
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Ein Teilnehmer des Kurses bei der Sichtprobe des Weines. Fotos: Benjamin Preißner 
Wie verhält man sich korrekt im Sternerestaurant, wie gegenüber Vorgesetzten? Wie kann man ein Duzangebot ablehnen? Und wie kleidet man sich für’s Vorstellungsgespräch? Um Antworten auf all diese Fragen zu finden, haben wir unseren Mitarbeiter Benjamin Preißner zum Knigge-Seminar geschickt.
Der Kurs fängt an: Bodo Bruckhaus, der Knigge-Trainer, betritt den Raum, stellt sich vor und behauptet, in den wenigen Sekunden und mit nur wenigen Worten bereits acht Fehler gemacht zu haben. Wir überlegen zusammen: „Ich bin der Herr Bodo Bruckhaus“, das ist sicherlich falsch, den Herrn sieht man ihm an, das muss er nicht noch extra erklären. Auch an das Glas zu klopfen, um sich Gehör zu verschaffen, „geht gar nicht“, das dürfe man vielleicht noch bei Tante Traudis Geburtstag machen. Tatsächlich sammelt sich in kurzer Zeit eine beschauliche Liste an Fehlern an. Zum Teil auch solche, die Bruckhaus nicht absichtlich eingebaut hat. Und hier wird sofort deutlich: Korrektes Verhalten ist ziemlich anstrengend, immer alles richtig zu machen nahezu unmöglich.

Das merkt man auch an den Fragen der Anwesenden: Eine Teilnehmerin möchte gerne wissen, wie man einer jüngeren Kollegin höflich klar machen kann, dass sie sich etwas weniger freizügig anziehen soll. Eine weitere, wie man der lauten Kollegin aus dem Nebenzimmer klar macht, dass sie bitte zumindest dann leiser sein soll, wenn Kunden im Büro sind. „Das sind schwierige Fälle“, so Bruckhaus. Fälle zumal, zu denen es keine detaillierten Handlungsanweisungen gibt. Da komme es dann auf das Fingerspitzengefühl an. Häufig helfe es, solche Dinge von jemandem ansprechen zu lassen, der nicht als Konkurrent wahrgenommen wird. Will man einer jungen Kollegin also etwas verschlossenere Kleidung nahelegen, könnte eine deutlich ältere Kollegin das ansprechen.

Keine Regeln, eher Empfehlungen

Eine weitere Teilnehmerin fragt, ob und wie man das Du ablehnen könne. Es käme zwar nicht leicht über die Lippen, erklärt Bruckhaus, aber man könne so etwas sagen wie: “Ich danke Ihnen sehr für das Angebot, würde jedoch gerne beim Sie bleiben, da ich Sie zu sehr respektiere”. Aha! Das geht tatsächlich nicht leicht über die Lippen und ich frage mich, ob man damit den Gesprächspartner nicht mehr beleidigt als mit der direkten Ansage, dass man sich nicht duzen will.
Was man da merkt, ist, dass es sich bei dem Knigge-Kodex vor allem um Empfehlungen und nicht um Regeln handelt. “Grundsätzlich”, sagt Bruckhaus, “darf man eigentlich alles, solange man niemand anders damit belästigt”. Es geht darum, eine Verhaltensempfehlung an die Hand zu geben, die vor dem Tritt in allzu viele Fettnäpfchen schützt.
Dabei gehts also nicht um Situationen, in denen wir uns ohnehin wohlfühlen und genau wissen, wie man sich verhalten kann. Ich darf mich also im Kreis meiner Freunde weiterhin genauso daneben benehmen wie bisher auch und weiß jetzt dank des Knigge-Kurses aber auch, wie ich mich verhalten sollte, wenn ich in einem formelleren Kontext auf Menschen treffe.

Mittagessen oder Prüfung?

In der Mittagspause gehen wir alle zusammen ins Restaurant. Die Serviette einmal gefaltet auf den Schoß, die offene Seite vom Tisch abgewandt, aufrecht sitzen, einmal benutztes Besteck berührt die Tischdecke nicht mehr – Beachtet man all das wird Mittagessen auf einmal ganz schön anstrengend. Und damit hört es ja nicht auf: Dutzende Fehler gibt es, die man nach Knigge beim Essen begehen kann. Wir alle sitzen zusammen um eine lange Tafel. Die Konzentration ist den Kursteilnehmern deutlich anzusehen. Zwar hat Bruckhaus vorher extra angekündigt, dass das Essen Teil der Pause und nicht des Kurses sei, trotzdem ist beim Mittagsmahl heute jeder sein eigener schärfster Kritiker.

Ins Brot gebissen anstatt nur ein kleines Stückchen abzubrechen - erster Fehler. Vergessen, die Serviette schon bei der Vorspeise auf den Schoß zu legen - gleich der nächste. Und dann auch noch zum Trinken das Besteck links und rechts am Tellerrand abgelegt - Fehler Nummer drei. Dabei hatten wir es doch gerade im Kurs besprochen: Die Bestecksprache, die häufigsten und schlimmsten Fehler, wie man zu sitzen hat, was man tunlichst zu unterlassen hat.

Entchen-Krawatten und Kniestrümpfe

Grundsätzlich einfacher sind Fragen zum Dresscode. Anhand von Fotos erklärt Bruckhaus wie es nicht geht: Ein kurzer Rock ohne Strumpfhose, Übermengen an Schmuck, Krawatten mit Entendruck oder Hemden in komischen Pink-Türkis-Farbkombinationen sind tabu. Klar ist mir auch, dass ich keine weißen Tennissocken anziehen sollte. Obskurer werden dann für den in Jeans und Pullover gewandeten Journalisten Regeln, die festlegen, dass die Hemdsärmel unter dem Sakko etwa 1,5 bis zwei Zentimeter herausschauen sollten. Oder die Aufforderung, doch bitte Kniestrümpfe zu tragen, damit man auch definitiv nie auch nur ein bisschen “unrasiertes Männerbein” zeigt.

Info: Angeboten wird das Knigge-Seminar von der Kurpfalzakademie. Die Anmeldung ist möglich per E-Mail an info@kurpfalz-akademie.de. Das Tagesseminar von 9 bis 16 Uhr findet im Binshof-Hotel in Speyer statt und kostet 179 Euro pro Person inklusive Mittagessen. Weitere Informationen zur Kurpfalz-Akademie finden sich hier.

Schließlich kommen wir zu dem Themenbereich, den jeder natürlich sofort mit dem Namen Knigge verbindet: Wie verhält es sich eigentlich mit Männern und Frauen?
Dass man als Mann der Frau die Tür aufhalten sollte ist mir auch schon vorher bekannt gewesen. Dass die Frau dem Mann im Knigge-Protokoll grundsätzlich und in jeder Situation überstellt ist, lerne ich aber auch erst in diesem Kurs. Das bedeutet für mich in Zukunft: Ich halte meiner Verarbredung die Tür auf (was auch bisher eigentlich selbstverständlich war), ich platziere sie, rücke also den Stuhl zurecht, kümmere mich um ihre Jacke und stehe mit auf, wenn sie zur Toilette muss. Darüber hinaus lasse ich Sie zuerst die Treppe hinauflaufen, denn Sie könnte ja plötzlich ins Straucheln kommen und dann stehe nur noch ich zwischen der Frau und einem metertiefen Sturz. Als das erklärt wird, schaue ich mich im Kurs um und bin erstaunt: Alle sind damit einverstanden, nicken und niemand wundert sich über diese Begründung. Nur ich muss kurz darüber schmunzeln, dass gutes Benehmen auf der Annahme fußt, dass eine Frau nicht unfallfrei vom Erdgeschoß in den ersten Stock kommt.

Stichwort: Knigge

Dass wir heute den Namen Knigge überhaupt mit diesen Anstands- und Etiketteregeln verbinden, ist allerdings eher einem Missverständnis und dem Verhalten des Verlegers Knigges geschuldet. Dieser hat dem Buch Knigges nach dessen Tod Benimm- und Kleiderregeln angefügt. Tatsächlich handelte es sich bei dem Buch “Über den Umgang mit Menschen” um eine Abhandlung über grundlegende Fragen des menschlichen Umgangs, der sich auf “Moral und Weltklugheit” stützen solle. Von einigen seiner Zeitgenossen wurde er wegen seines Buches als radikaler Aufklärer gesehen. In Italien gab es gar ein Verfahren, bei dem ein Verkaufsverbot des Buches angestrebt wurde. Mit deutlichen Veränderungen der später erschienen Auflagen verlor das Buch jedoch seinen sozialrevolutionären Ton.








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