| Mittwoch, 26. Dezember 2012, 20:21 Uhr | Drucken | Versenden |
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Aus dem Südwesten
Formel 1 im Juli 2013 am Nürburgring?
Kommt die Formel 1 am 7. Juli 2013 an den Nürburgring oder nach Hockenheim? Seit Wochen verhandeln die früheren Pächter der Eifelstrecke mit Bernie Ecclestone, die Zeit für den Ticketverkauf wird knapp. Der Chefvermarkter der Formula One Association weiß, wie begehrt die Rennen sind. Seine Preise lagen weit über der Schmerzgrenze. Jetzt können sie aber nicht mehr bezahlt werden.
Knapp eineinhalb Jahre ist es her, Bernie Ecclestone hielt gerade am Nürburgring Hof in seinem schwarzen ”Mobile Home”, dem berühmten Wohnwagen, als sein Wortschatz um den Begriff ”Schuldenbremse” erweitert wurde. Ministerpräsident Kurt Beck und Infrastrukturminister Roger Lewentz (beide SPD), waren es, die Ecclestone mit der brandneuen Sparpolitik vertraut machen wollten. Die Botschaft: Das Geld sitzt nicht mehr so locker wie früher.
Draußen fuhren die Boliden im Kreis herum und Ecclestone, Chefvermarkter sämtlicher Formel-1-Rechte, wusste, für dieses Rennen im Juli 2011 war ihm die verlangte Fahrerfeldgebühr sicher. Sie soll bei 20 Millionen Dollar gelegen haben, doch die Verträge sind streng geheim. Sicher ist nur, dass im Landeshaushalt 2011 vorsorglich 13,5 Millionen Euro eingeplant waren, um die erwarteten Verluste auszugleichen. Im gleichen Haushaltsjahr wurden den Steuerzahlern 40 Millionen Euro aus Verlusten zurückliegender Formel-1-Rennen aufgebürdet. Sie waren bis dahin im sogenannten Liquiditätspool des Landes wie in einer schwarzen Kasse versteckt. ”Ein Stück Ehrlichkeit” hatte das Finanzminister Carsten Kühl (SPD) damals genannt. Steuermillionen für die Formel 1 soll es nun nicht mehr geben. Die früheren Pächter des Nürburgrings, Kai Richter und Jörg Lindner, versuchen schon seit Monaten, die Formel 1 an den Ring zu holen. Nach dem Vergleich mit den Insolvenzverwaltern Thomas B. Schmidt und Jens Lieser Anfang Dezember kündigten die beiden vollmundig an, der Vertragsabschluss mit Ecclestone stehe kurz bevor. Eine Fahrerfeldgebühr darf nicht gezahlt werden, so steht es im Vergleich. Die Insolvenzverwalter stellen allenfalls die Strecke, Personal und Sachleistungen in einem Gesamtwert von 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. Sollte sich Ecclestone darauf einlassen, stünde wirklich eine Zeitenwende ins Haus. Diese Entwicklung wäre der Insolvenz der Nürburgring GmbH zu verdanken und der EU-Kommission, die in einem Beihilfeverfahren prüft, ob die Verlustübernahmen aus dem Formel-1-Rennen nicht eine unerlaubte Subvention darstellen. Ohne Insolvenz und EU würde nämlich immer noch das Wort Kurt Becks vom Sommer 2009 gelten, dass das Land die Kosten der Formel 1 übernehme, wenn auch nicht zu jedem Preis. Die CDU-Opposition war der gleichen Meinung. Auf Druck der Grünen genehmigte die rot-grüne Regierung im Koalitionsvertrag für die fünf Jahre währende Legislaturperiode nur zwei Formel-1-Rennen. Ein Rückblick zeigt, wie bereitwillig die Landesregierung und der ehemalige Nürburgring-Chef Walter Kafitz früher auf Forderungen des 82-jährigen immer noch übermächtigen Formel-1-Zampanos Ecclestone eingegangen sind und welch fatale Folgen dies hatte: 1994, Michael Schumacher war gerade Weltmeister geworden, rang der damalige Aufsichtsratschef der Nürburgring GmbH, Ernst Eggers (FDP), Ecclestone ein einziges Gastspiel für 1995 ab. Walter Kafitz, der von der Mainzer Staatskanzlei zum neuen Nürburgring-Chef berufen war, erinnerte sich später: ”Wir hatten nur einen Einjahresvertrag und alle sagten: Da wird die Formel 1 bald wieder weg sein. Wir haben aber überlegt, wie können wir Bernie Ecclestone beeindrucken?” Kafitz ließ in den Folgejahren die neue Boxenanlage, ein Medical-Center und die Mercedes-Arena bauen. 3,5 Millionen Dollar verlangte Ecclestone für das erste Rennen. Das war noch bezahlbar, obwohl der Brite selbst die Werbeverträge abschloss und für die TV-Vermarktung kassierte. Sogar am Essen und Trinken verdiente er. Solange die Zuschauer in Scharen kamen und hohe Eintrittspreise zahlten, profitierte auch der Nürburgring. Kafitz schloss den ersten Fünf-Jahresvertrag und alle, auch die Kommunal- und Landespolitiker, sonnten sich im Glanz der Formel 1. 2002, der zweite Fünf-Jahresvertrag war unter Dach und Fach, die Fahrerfeldgebühr stieg um zehn Prozent pro Jahr, wendete sich das Blatt. Der Ring rutschte in die roten Zahlen. Die einzigen, die das störte, waren die damals oppositionellen Grünen im Mainzer Landtag unter ihrer finanzpolitisch versierten Fraktionschefin Ise Thomas. Weil Ring-Chef Kafitz eine Menge unnützer und teurer Projekte startete, blieb der Blick auf den Zusammenhang mit der Fahrerfeldgebühr für die Formel 1 zunächst allerdings verborgen. Der Landesrechnungshof rechnete 2006 vor, dass jede Eintrittskarte für die Formel 1 mit 133 Euro subventioniert sei, und empfahl den Verantwortlichen, günstigere Verträge auszuhandeln. Dem damaligen Finanzminister und Nürburgring-Aufsichtsratschef Ingolf Deubel (SPD) rang das allenfalls ein müdes Lächeln ab. ”Die Vorstellung, dass man mit Ecclestone hart verhandeln könne, belustigt ein wenig”, sagte er vor dem Haushalts- und Finanzausschuss. Vom großen weiten Formel-1-Business und dem kleinen mächtigen Mann aus London hatten die Speyerer Rechnungsprüfer eben keine Ahnung - glaubte die Regierung. Immerhin einigten sich Nürburgring und Hockenheimring angesichts der ausufernden Kosten darauf, sich bei den Formel-1-Rennen jährlich abzuwechseln. Eine kluge Entscheidung. Doch gleichzeitig beging das Land den verhängnisvollen Fehler, einen Freizeit- und Geschäftspark zu planen, mit dem am Nürburgring so viel Geld verdient werden sollte, dass er sich die Formel 1 weiter leisten könne. Die Darstellung, die SPD-Alleinregierung habe der strukturschwachen Region neue Impulse geben und Arbeitsplätze schaffen wollen, ist zwar weit verbreitet, aber nicht der wahre Grund. Die Arbeitslosenquoten im Raum Ahrweiler liegen seit Jahren um vier Prozent. Das sind nicht die Dimensionen wie man sie beispielsweise aus der Westpfalz kennt. Die Folgen des Ausbaus sind hinlänglich bekannt. Die Suche nach einem Privatinvestor endete mit ungedeckten Schecks, Deubels Rücktritt und Kafitz‘ Rausschmiss. Deubel, Kafitz und andere stehen seit Oktober wegen Untreue vor dem Koblenzer Landgericht. Und im Sommer meldete die Nürburgring GmbH Insolvenz an. Ecclestone selbst könnte demnächst eine Anklage drohen, weil er den früheren Bayern-LB-Manager Gerhard Gribkowski bestochen haben soll. Das wäre eine weitere Folge im Formel-1-Krimi. Doch vielleicht fällt ja vorher noch eine Entscheidung, wo das deutsche Rennen 2013 ausgetragen wird. Der Geschäftsführer des Hockenheimrings sagte jüngst, er gehe davon aus, dass das Rennen in der Eifel läuft. Der Hockenheimring springe nur ein, wenn die Konditionen stimmen. Die Kurpfälzer hatten Ecclestone 2010 erfolgreich im Preis gedrückt. Dort war das Land nicht spendabel, und der Stadt drohte der Bankrott. Für den Nürburgring wird die Zeit knapp. Das Weihnachtsgeschäft konnte schon nicht für den Kartenverkauf genutzt werden. Ob Ecclestone noch einmal am Nürburgring Hof hält, und ob er noch einmal rheinland-pfälzische Regierungsmitglieder empfängt, gehört freilich zu den spannenden Fragen in den letzten Tagen des alten Jahres. Von Karin Dauscher
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