Schließen x

Anmelden

»Registrieren     »Passwort vergessen

Zum Einzelverkauf der Ausgabe als PDF
Mittwoch, 23. August 2017

30°C

Sonntag, 13. August 2017 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Wallfahrt in die Westpfalz

Eine Reportage von Steffi Blinn

Die Gruppe auf dem Weg. (Fotos: Blinn)

Das Kreuz, das die Pilger mit sich tragen.

Eine Pilgerin mit Rosenkranz.

Blick in eine Gnadenkapelle.

Schrittzähler am Ende des Tages.

41 Kilometer lang ist der Weg von Wallfahrtsort zu Wallfahrtsort, von Blieskastel in der Saarpfalz auf den Rosenberg im südwestpfälzischen Waldfischbach-Burgalben. Der Marsch mit Kreuz und Lautsprecher ist nicht nur ein Weg des Pilgers zu Gott, sondern auch einer des Wanderers zu sich selbst.

Seht, ich mache alles neu“, steht groß auf den weißen Fahnen, die auf Maria Rosenberg flattern. Nun denn, dann hätte ich gern neue Füße. Meine haben heute 41 Kilometer zurückgelegt und schmerzen bei jedem Schritt. Ich bin an einem Tag noch nie so viel gelaufen, schon gar nicht gepilgert. Was für eine Schinderei! Und dabei bin ich nicht mal katholisch. Ich bin evangelisch und das ganz gerne. Ich glaube an Gott und ich denke, ich komme ganz gut mit ihm klar. Pilgern ist mir fremd, aber ich wandere gern. Deshalb reizen mich die 41 Kilometer von Wallfahrtsort zu Wallfahrtsort, von Blieskastel in der Saarpfalz auf den Rosenberg in Waldfischbach-Burgalben in der Südwestpfalz. Pfarrer und Maria-Rosenberg-Direktor Volker Sehy umschreibt die Tour als „Beten mit den Füßen für Ausdauernde“. „Dürfen protestantische Frauen da auch mit?“, hatte ich ihn vorher gefragt, man weiß ja nie. Seine Antwort kam prompt und herzlich: „Ja, natürlich!“

Unbehaglichkeit bei gefühlten 41 Grad

Beim Start (um sechs Uhr in der Frühe!) ist mir dennoch etwas unbehaglich. Wegen der 207 Stufen, die mich auf dem Weg zum Wallfahrtskloster Blieskastel schon ins Schwitzen bringen, noch ehe die Tour begonnen hat. Und weil Pfarrer Sehy auf einmal ein großes Holzkreuz hervorholt. Das soll die ganze Strecke über vorneweg getragen werden. Da bin ich raus. Bei 41 Grad (gefühlt) und 41 Kilometern (sicher), hat da nicht jeder genug Arbeit mit sich? Offenbar nicht. Ein älterer Mann übernimmt das Kreuz gern – sogar gleich für mehrere Stunden. Respekt.

 

Auch für den Rucksack mit der Lautsprecheranlage – ein eher ungewöhnliches Accessoire beim Wandern – findet sich schnell ein Träger. „Wir sind Pilger, nicht einfach nur Wanderer“, sagt Volker Sehy, als sich die 25-köpfige Gruppe in Gang setzt. Schon nach den ersten Metern zeigt sich, was das bedeutet. Als wir durch die Gässchen der Blieskasteler Altstadt laufen, betet der Pfarrer den Rosenkranz. „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“, sagt er ins Mikrofon. Ein Mädchen, wohl auf dem Weg zum Bäcker, dreht sich verstört um zur Gruppe, die für sie ein seltsames Bild abgeben muss.

Heilige Maria, Mutter Gottes ...

Ich denke noch darüber nach, ob ich das Wort „gebenedeit“ jemals gehört habe, da murmelt die Masse um mich herum textsicher: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“ Dasselbe noch mal, dasselbe noch mal, immer wieder. Die evangelischen Mitwanderer, die mich begleiten, und ich sind etwas ratlos. Wir können damit nichts anfangen, also laufen wir einfach und schweigen. Dann kommen bekanntere Zeilen aus dem Lautsprecher: Vaterunser und Glaubensbekenntnis. Die können auch wir mitsprechen, wobei sich das ungewohnt anfühlt, so unter freiem Himmel, ganz ohne Kirche drumherum. Doch es stimmt, was Sehy zu Beginn der Wanderung gesagt hatte: So ein Rosenkranzgebet gibt einen Rhythmus vor, in dem es sich gut laufen lässt. Was nicht heißt, dass ich nicht doch aus dem Takt komme: etwa, als der Hüftgurt meines Rucksacks reißt (ist das ein Zeichen?), und als ich die schweren Wandertreter gegen leichte Turnschuhe tauschen muss. Es dauert kurz, dann bin ich wieder im Tritt. Aufgeben ist nicht. Ich will auf dem Rosenberg ankommen. Westpfälzer Kranzkuchen hilft dabei, werde ich unterwegs merken.

 

„Rutscht ihr die 40 Kilometer auf Knien?“, hatte mich jemand spaßeshalber gefragt, als ich von der Pilgerwanderung erzählte. Keineswegs, stelle ich unterwegs fest, aber fordernd ist die Strecke über Zweibrücken – Contwig – Maßweiler – Höheinöd allemal, körperlich wie geistig. Auch wenn nicht ständig gebetet wird, sondern viel Raum bleibt zum Reden, Lachen, Durchatmen: So eine Pilgerwanderung ist eine Auseinandersetzung mit Gott, mit den Mitmenschen, mit einem selbst.

„Fer was bin ich uff de Erd?“

„Fer was bin ich uff de Erd?“, umschreibt Pfarrer Sehy die Frage, die jeden irgendwann umtreibt, die man im Alltag aber allzu gern beiseiteschiebt. Doch hier ist nicht Alltag. Hier ist Zeit, sich selbst näherzukommen, zum Nachdenken, auch mal in minutenlanger Stille. Sehy, dem man gerne zuhört, liest aus der Papst-Schrift „Evangelii Gaudium – Die Freude des Evangeliums“ vor. Fremd wie der Rosenkranz, aber ganz interessant. Gedanken folgen Gedanken wie ein Schritt dem anderen. Wie achtsam bin ich im Alltag? Kann ich gut zuhören? Blicke ich hinter die Dinge, oder gebe ich mich mit der Oberfläche zufrieden? Kann ich verzeihen? Was erwarte ich von der Kirche, wie bringe ich mich im Gegenzug dort ein? Wann habe ich zuletzt die Natur mal so bewusst wahrgenommen wie bei dieser Wanderung? Nicht nur Füße können unangenehm wehtun, auch Antworten, selbst wenn sie niemand laut ausspricht.

Die Pilgerwanderung ist eine Grenzerfahrung

Ich spüre meine Grenzen (als wir in der größten Hitze die Pottschütthöhe erklimmen) und auch die Grenzen zwischen Katholiken und Protestanten (als es am Abend zur Eucharistiefeier geht und ich das Abendmahl nicht empfangen darf). Doch da ist auch viel Verbindendes. „So einen Weg gemeinsam zu gehen, das schweißt zusammen“, sagt Franz Ullrich (72), ein erfahrener Pilger, und es stimmt. In den gut zwölf Stunden, die wir gemeinsam verbringen, wird aus der Masse eine Gruppe. „Ich finde, Ihr passt hier ziemlich gut rein“, sagt Sehy in einer Pause zu mir und meinen Mitwanderern. Ein schönes Kompliment. Wir gehören dazu, auch ohne Rosenkranz.

 

Bergauf und bergab ergeben sich viele gute Gespräche, die über die Kilometer tragen – mit bekannten, aber auch mit fremden Mitpilgern, über Gott und die Welt. Als es um ihren Glauben geht, erzählen viele von Gemeinschaft, von dem Gefühl, einen Platz zu haben, aufgehoben zu sein – ohne dass man dafür ein ultrafrommer „Kerchespringer“ sein muss. Als solche hatte ich mir Pilger aber immer vorgestellt. Das ist nicht die einzige Erkenntnis, die ich unterwegs aufsammele. Von Frank Bodesohn (38) lerne ich, dass Tage wie dieser Samstag wichtig sind: sich Zeit nur für sich nehmen, sich mit sich selbst beschäftigen – nicht irgendwann, jetzt! Auch wenn daheim reichlich Arbeit wartet, so ein Freiraum muss sein. Von Jonas Stiele lerne ich durchzuhalten: „Wichtig ist, dass man sein eigenes Tempo findet“, erklärt mir der Elfjährige (!), der die 41 Kilometer bei gut 30 Grad so mühelos läuft, als wäre das ein Handyspiel, wenn auch ein nicht ganz leichtes. „Da muss man halt durch“, sagt er und lächelt.

Schätze am Wegesrand

Von der Mallersdorfer Schwester Margareta lerne ich, wie glücklich und reich Menschen sein können, wenn (oder vielleicht weil?) sie wenig besitzen. Und welche Schätze am Wegesrand wachsen, an denen ich bisher immer achtlos vorbeigefahren oder -gelaufen bin: Johanniskraut etwa, aus dem die Nonne mit Olivenöl ein Mittel gegen Schürfwunden ansetzt. Von Stephan Bähr (52) lerne ich, dass der Glaube keine Sache ist, die sich nur in der Kirche abspielt, sondern die einem auch bei Konflikten am Arbeitsplatz helfen kann. „Glaube zeigt sich vor allem im Umgang mit den Mitmenschen“, sagt Bähr. Und da würden auf Maria Rosenberg gar keine großen Unterschiede gemacht, berichten mehrere Pilger: „Jeder ist dort willkommen, wie er ist.“

 

Ich bin vor allem platt, als wir gegen 18.30 Uhr auf dem Rosenberg ankommen, aber auch dankbar und stolz. Wir haben es geschafft! Mit Gottes Hilfe? Schon, irgendwie. Der Schrittzähler zeigt mehr als 60.000 Schritte, die Füße tun weh und ich brauche unbedingt Wasser im Gesicht und ein frisches T-Shirt. Vor dem gemeinsamen Abendessen (Nudeln, himmlisch!) geht es noch in die Gnadenkapelle. Nach dem vielen Laufen tut sogar das Sitzen weh. Volker Sehy beweist Ausdauer: Er hält den Gottesdienst für die Pilger. „Warum tue ich mir so was an?“, fragt er in der Predigt stellvertretend für alle, als er auf den schönen, aber unglaublich anstrengenden Tag des „Betens mit den Füßen“ zurückblickt. Seine Antwort: „Weil’s mir guttut.“ Wie einfach, wie wahr. Egal, ob man evangelisch oder katholisch ist.


Wallfahrt im Westen

Zu Fuss

Seit 2015 veranstalten die beiden großen Wallfahrtsorte im Westen des Bistums Speyer, das Franziskaner-Minoriten-Kloster in Blieskastel und Maria Rosenberg in Waldfischbach-Burgalben, mit den anliegenden Pfarreien einmal im Jahr eine Fußwallfahrt. Bis zu 35 Pilger nehmen teil, Männer und Frauen, elf bis 70 Jahre alt. Auch für den Sommer 2018 ist eine solche Pilgerwanderung geplant. Wer mitpilgert, kann die gut 40 Kilometer lange Strecke komplett laufen, aber auch nur Teile davon.

Informationen im Internet: maria-rosenberg.de

Maria Rosenberg

Der Wallfahrtsort Maria Rosenberg umfasst eine rund 900 Jahre alte Kapelle, eine Wallfahrtskirche, einen sogenannten Gnadenbrunnen und eine Lourdesgrotte. Maria Rosenberg ist zugleich ein Geistliches Zentrum des Bistums, das Veranstaltungen organisiert und eine Tagungsstätte bietet, sowie Heimat der Rosenberger Kantorei, die sich geistlicher Chormusik widmet. Nicht nur Katholiken besuchen gerne den Rosenberg; er gilt vielen als spiritueller Ort, an dem man spazierengehen, aber auch übernachten kann.

Blieskastel

Herzstück des Wallfahrtsklosters in Blieskastel ist die mehr als 300 Jahre alte Heilig-Kreuz-Kapelle, in der die Pietà „Unsere liebe Frau mit den Pfeilen“ steht, die bereits mehr als 600 Jahre alt sein soll. Etwa 80 Jahre lang beheimatete das Kloster bayrische Kapuziner, 2005 übernahmen dann polnische Franziskaner-Minoriten Kloster und Wallfahrt. Auch die Blieskasteler Anlage lohnt einen Besuch, unter anderem wegen ihres Parks. sbn