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RHEINPFALZ am Sonntag

Ludwigshafen und die befreiende Kraft der Hässlichkeit

Von Daniel Krauser

„Spiegel“-Autor Alexander Osang war anlässlich der Kohl-Beerdigung in Ludwigshafen – und fand die Stadt, vorsichtig ausgedrückt, nicht so schön. Was manche Ludwigshafener ziemlich verärgert hat. Wobei die Fragen bleiben: Warum muss eigentlich jede Stadt schön sein? Wer definiert überhaupt, was eine schöne Stadt ist? Und was spricht dagegen, in Jogginghosen einkaufen zu gehen?

Es gibt dieses alte Klischee über Ludwigshafen. Nora hat es damals mustergültig formuliert, ist einige Jahre her. Nora war damals frisch aus Hamburg zugezogen, genauer aus dem Stadtteil Eppendorf. Der ist so etwas wie das Synonym für die gewaltsame Rekonstruktion einer in Deutschland längst verloren gegangenen Bürgerlichkeit, koste es, was es wolle – überzogenes Aufbrezeln in Alltagssituationen beispielsweise: Die Eppendorferin geht mutmaßlich nicht mal zum Briefkasten, ohne sich vorher die Falten im Plisseerock mit dem Lineal nachgezogen und das Wickeltuch dekorativ und windfest auf den Schultern verdübelt zu haben. Nora jedenfalls hatte es nach Ludwigshafen verschlagen, des Berufs wegen. Über gemeinsame Bekannte habe ich sie damals in der Kneipe kennengelernt, eine hübsche, blonde Frau, die allerdings nervös an ihrem Weinglas gedreht und ständig über die Schulter geblickt hat, um die anderen Gäste kritisch zu mustern. Nach ihren ersten Eindrücken aus Ludwigshafen befragt, hat Nora es dann rausgehauen: Nicht der Rhein, nicht der Hemshof, nicht die BASF bei Nacht, nicht die Gärten und Parks, nö, das Klischee eben. „Die gehen hier in Jogginghosen einkaufen“, hat Nora damals gesagt, mit dem gehetzten Blick dessen, der in der Straßenbahn Richtung Heidelberg einschlummert und in Minsk wieder aufwacht, „in Jogginghosen!“

In Jazzpants zum Bäcker

Einige Monate später habe ich sie wiedergetroffen, beim Bäcker im Stadtteil Friesenheim, in den Anblick von glasierten Nussteilchen versunken. Und in einem Paar verwaschener schwarzer Jazzpants. „Ich bin ja nur beim Bäcker“, hat sie auf spöttische Nachfrage gesagt, die nachlässig getuschten Lider halb geschlossen. Das Bild einer entspannten jungen Frau. Und der befreienden Kraft der Hässlichkeit: Glück ist, wenn der Perfektionsdruck nachlässt.

 

Was dem Pfälzer frommt, ziemt jedoch offensichtlich nicht jedem: Der Journalist und „Spiegel“-Autor Alexander Osang war kürzlich da, anlässlich der Kohl-Beerdigung. Und hat eine Momentaufnahme aus der Stadt geschrieben, pointiert und überhöht, macht man halt so in der Branche. „Fassaden, vor denen man osteuropäische Agentenfilme aus den Sechzigerjahren hätte drehen können“, hat er dabei gesehen. „Verglichen mit dem Zentrum von Ludwigshafen wirkte jeder Pissbahnhof in Vorpommern, jede Autobahntankstelle in Sachsen-Anhalt wie ein blühender Zukunftsort“, hat Osang in seinem „Spiegel“-Artikel notiert. In Ludwigshafen herrscht ob der Sottisen immer noch einige Aufregung. Liest man Osangs Artikel im Ganzen, könnte man den Ball allerdings auch flacher halten: „West-Reise“ ist das Stück des Ostberliners überschrieben. Osang stellt darin unter anderem die Frage, was die Anstrengungen für den Aufbau Ost, die Mühen der Wiedervereinigung, mit dem Westen angestellt haben. Einer seiner Sätze lautet: „Kohl hat die Kraft für den Osten aus seiner Heimat gesaugt, wie es aussah.“ Ein wenig Penunze war natürlich auch im Spiel: Das Geld, das man dazu genutzt hat, die Dresdner Altstadt zu einer scheintoten Historismus-Kulisse zurechtzusanieren, konnte man nicht gleichzeitig Ludwigshafen oder Herne zustecken.

Muss jede Stadt aussehen wie Dresden?

Fragt man Menschen, wie eine ideale, eine schöne deutsche Stadt aussieht – dann bekommt man wohl meist Beschreibungen von Ensembles, deren Zukunft eigentlich schon lange hinter ihnen liegt, irgendetwas mit mittelalterlichen Stadtkernen oder barocker Planstadtstruktur. Die Sehnsucht nach dem Alten hängt natürlich auch mit den Verlusterfahrungen des letzten Krieges zusammen. Dieses Land ist nicht zuletzt deshalb so seltsam grundhysterisch, so ohne Mitte, weil viele seiner Bewohner in Städten leben, denen kaum noch Geschichtlichkeit anzusehen ist. Wer in einer – erkennbar – alten Stadt lebt, sieht, dass es wenig Neues gibt unter der Sonne. Und er bekommt vorgeführt, dass offensichtlich auch schon die vorangegangenen Generationen Lösungen für ihre ureigenen Problemlagen gefunden haben, sonst stünden da ja weder Stadt noch Betrachter. Die Rekonstruktion von Geschichtlichkeit treibt inzwischen freilich seltsame Blüten: Mit dem Neubau des Berliner Stadtschlosses hat man jedenfalls begonnen, ohne sich allzu genaue Vorstellungen darüber zu machen, wozu man das Ding eigentlich braucht. Ob das Miniatur-Replikat der Frankfurter Altstadt, das gerade gebaut wird, wesentlich mehr ist als spätgotisch kostümiertes Disneyland, daran scheiden sich die Geister.

 

Was sich da im Ergebnis manifestiert, in jenem Sammelsurium teilweise längst ausgeträumter Utopien, ist die befreiende Kraft, die Geschichtslosigkeit eben auch innewohnt: Wer sich alte Fotografien von Ludwigshafen anschaut, vom planlos verbauten Berliner Platz beispielsweise, der sieht eine Stadt, die früher auch alles andere als schön war – und durch den Bombenkrieg sicher nicht schöner geworden ist. Wer Ludwigshafen auf seine Geschichtlichkeit hin überprüft, der kommt zunächst zum schlichten Resümee: „Früher war auch Kacke.“ Weniges wirkt befreiender.

Grammatik des Städtebaus

Geschichtlichkeit ist allerdings ein nachwachsender Rohstoff. Auch die städtebaulichen Manifeste des Industriezeitalters haben durchaus ihre Eigenästhetik, und seit einigen Jahrzehnten würdigt man sie auch als solche. Die Elemente der gründerzeitlichen Stadt beispielsweise – geschlossene Blockrandbebauung, einheitliche Traufhöhen, Nutzungsmischung – gehören längst zur städtebaulichen Grammatik. Auch in jungen Städten entwickeln sich Erinnerungsorte, die generationsübergreifende Erfahrungen miteinander verknüpfen, gleichsam die Humusschichten einer ständig nachwachsenden urbanen Erinnerungskultur bilden.

 

Ein Hauptproblem von jungen Städten ist freilich, dass sie bei der Auswahl des Bewahrenswerten und des Abzutuenden nicht immer geschmackssicher sind. Ludwigshafen ist dafür wohl ein gutes Beispiel: Der Hochstraße wird kaum einer nachweinen – der runden Tortenschachtel, dem ehemaligen Konsumtempel im Stil der 1960er-Jahre dagegen schon. Vor nicht allzu langer Zeit hat man zwei große, stählerne Gasballons am Rande des Stadtteils Gartenstadt abgerissen, Objekte, die für Generationen zum Bild von Stadt und Heimat dazugehört haben. Viele Bürger haben das bedauert. Stadt muss nicht aussehen, wie Stadt um 1300 ausgesehen hat, um Identifikationsraum zu sein. Im Zweifelsfall sind echte Gasballons wohl besser als nachgebaute pseudo-historische Fassaden.

 

Das läuft natürlich, in all seiner Widersprüchlichkeit, auf die Quadratur des Kreises raus. Ludwigshafen bekommt sie, mit hochwertigen und schlichten Neubauten und der behutsamen Aufwertung einzelner Quartiere, zurzeit wohl ganz gut hin. Was dann mutmaßlich auch die teilweise heftigen Kommentare auf den Artikel Osangs erklärt: Bei manchem Einheimischen wächst, so einen der Eindruck nicht trügt, allmählich das Bewusstsein, sich lange unter Wert verkauft zu haben.

 

Ludwigshafen ist eben eine ziemlich junge Stadt, mit dem durchaus schwankenden Selbstbewusstsein, das der Jugend so anhaftet. Eine Stadt wie eine Tochter im Teenageralter, der man wünscht, beim Klamottenkauf gelegentlich mehr Geschmack an den Tag zu legen. Über Jogginghosen regt sich dabei, müßig, das zu erwähnen, schon lange keiner mehr auf. Und wo wir gerade drüber sprechen: Nora habe ich vor Kurzem auf einer Gartenparty wieder getroffen – in lila Hotpants, mit Korallenhalskette und strassbesetzten Segeltuchschuhen. Die befreiende Kraft der Hässlichkeit hin oder her: Was zu weit geht, geht zu weit.