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Kirchheimbolanden

Feuerwehr mit Nachwuchsproblemen

Von Peter-Pascal Portz

 

Prüfungsstress der besonderen Art: Als schwarzer Qualm aus dem Autowrack dringt, müssen die Lehrgangsteilnehmer schnell handeln. Nur eine Minute dauert es, dann stehen die Feuerwehrleute knietief in der weißen Löschmasse. ( Fotos: J. Hoffmann)

Die Technik will nicht: Florian Herrmann dreht am Verteiler, das Wasser aber fließt nicht. Später finden die Wehrleute heraus: Die Saugleitung ist undicht. ( Fotos: J. Hoffmann)

Reportage: Viele Feuerwehren, etwa die Wehr in Rockenhausen, haben Nachwuchsprobleme. Aber Warum?

Rockenhausen. Schwarzer Qualm wabert in dicken Schwaden aus dem Wrack, das schief im Straßengraben hängt. Kein Brand, kein Feuer. Noch nicht. Nur der beißende Gestank dichten Rauches, der die Luft verpestet. Jens (16) hält den Schlauch fest gepackt, zielt auf den Schrotthaufen. Jetzt muss es schnell gehen – Gefahr in Verzug. „Wasser marsch!“ Als sich der Schlauch prall füllt, geht ein kräftiger Ruck durch den Oberkörper des jungen Obermoschelers. Aber er steht. Jens sprüht Wasser auf den Rauchherd, von der anderen Seite quillt weißer Schaum über das Auto, kriecht als zähe Masse über den Boden. Nur eine Minute dauert es, dann steht das Dutzend Feuerwehrleute knietief in der Pampe. Durchatmen, Ende der Simulation.

Richtig gequalmt, geschweige denn gebrannt hat es an diesem frischen Samstagmorgen hier in Rockenhausen nicht. Die Helfer stecken mitten in der praktischen Abschlussprüfung eines Grundlehrgangs. Eine Probe für den Ernstfall, unter Druck und Aufsicht. „Wenn ein Auto in Vollbrand stehen würde, bräuchten wir fünf bis zehn Minuten, um es zu löschen“, erklärt Dominik Gebhardt, stellvertretender Kreisfeuerwehrinspekteur (KFI), am Rande des ersten Praxis-Teils.

Jens steht der Schweiß auf der Stirn. In voller Montur, mit Helm und Sicherheitskutte, atmet er neben dem Löschfahrzeug tief durch, reibt sich das Gesicht. Die heutige Prüfung ist kräftezehrend. „Da muss aufgepasst werden, dass kein Feuer aus dem Wagen kommt. Sollte es brennen, muss der Schaum gleichmäßig verteilt werden“, betont er.

Mit sechs Jahren trat Jens der Feuerwehr bei. Damit ist er nicht unbedingt ein Einzelfall. Aber: Die Regel ist es nicht, dass junge Menschen in Massen zur Feuerwehr strömen. Der Brandschutz hat – wie viele Vereine – ein Nachwuchsproblem. Die Gründe sind vielschichtig, reichen vom demografischen Wandel über die unzähligen Freizeitalternativen bis zum schwindenden Interesse der Jugendlichen, ehrenamtlich aktiv zu werden. Dabei ist die Feuerwehr eine der tragenden Sicherheitssäulen der Gesellschaft.

„Das meiste Vertrauen genießt immer noch der Feuerwehrmann. Von daher ist unser Image gut, wir erledigen ja hochwertige Arbeit“, sagt Timo Blümmert, Wehrleiter der VG Rockenhausen. Und trotzdem wirft Kreisfeuerwehrinspekteur Christian Rossel ein: „Wir müssen um jedes Mitglied kämpfen.“ Plakat-Aktionen, Mund-zu-Mund-Propaganda, Bambinigruppen, sogar das persönliche Werben an der Haustür – es lässt sich den Feuerwehren nicht vorwerfen, sie würden untätig dasitzen und sich ihrem trüben Schicksal ergeben. Nur werden viele Angebote ignoriert. Etwa zwei Jugendliche pro Jahr, so Blümmert, treten in Rockenhausen den Aktiven bei – eine im Vergleich zu anderen Bezirken „hervorragende Quote“. Bei etwa 30 Jahren liege das Durchschnittsalter seiner 50 Mann. Zu alt, weiß der Wehrleiter. Man sieht es auch heute, hier am Gerätehaus Rockenhausen: Knapp 30 Teilnehmer sind es, aber zwischen dem jüngsten und dem ältesten Teilnehmer liegen zehn Jahre Differenz.

„Wir erledigen ehrenamtlich eine Aufgabe zugunsten der Bevölkerung. Aber wie viele Jugendliche sitzen lieber zu Hause am Tablet oder am PC?“, winkt Rossel ab. Es sind die mittlerweile gewohnten Probleme. Die Auswirkungen auf unsere Sicherheitsstandards aber sind verheerend: „Deutschlandweit hat es bereits eine Reihe von Fällen gegeben, da hat die Sirene geheult und keiner ist gekommen“, so der KFI. Weil die Freiwillige Feuerwehr im eigenen Dorf zu dünn bestückt ist, rücken dann städtische Fahrzeuge aus – und das bringt ein massives Zeitproblem mit sich. Denn bis das Löschen beginnt, kann das Häuschen abgebrannt sein. Traurig, aber wahr.

Wasserentnahme offenes Gewässer, Teil zwei. Der kalte Wind zieht übers Gelände, Kommandos dröhnen durch die Luft. Hektischer Trubel. Aufgeregt, aber konzentriert wuseln die Prüflinge an der Alsenz entlang. Sie sollen Wasser aus dem Fluss pumpen. Also heißt es nun: Saugleitungen zusammenstecken, Kompressor anschmeißen, spritzen.

Wenn es so einfach wäre. Irgendetwas läuft da falsch. Es fließt kein Wasser. „Was ist los, das Häuschen brennt gleich ab“, scherzt Gebhardt. Florian (20) kniet nervös am Verteiler, dreht an den Rädern, schüttelt den Kopf. Nix geht. Rossel schaut auf die Uhr, kneift die Lippen zusammen. Das alles dauert zu lange. „Woran es liegt, kann ich jetzt auch nicht sehen“, sagt er ratlos. Bis die Truppe das Problem entdeckt: Die Saugleitung ist undicht. „Das Problem ist dann, dass wir keinen Unterdruck haben und kein Wasser kommt“, sagt Florian. Ein technisches, kein menschliches Versagen also. Florian lächelt.

Warum aber schließen sich junge Leute wie er der Feuerwehr an? „Man kann der Allgemeinheit Gutes tun, helfen. Jeder von uns kann mal in eine Notlage kommen und dann froh sein, wenn er einen Helfer hat“, findet der Dielkirchener. Zudem seien die Aufgaben abwechslungsreich. Nicht nur Feuer, nicht nur Löschen. „Wenn die Sirene ertönt, weiß man nie, was man bekommt oder wie das Bild vor Ort ist.“

Seit etwa einem Jahr trägt auch Jonas (18) aus Jakobsweiler den Helm. Weil er sah, dass der eigenen Dorffeuerwehr die Leute ausgehen. „In den Orten ist es extrem, wir kriegen noch nicht mal ein Auto voll“, erzählt er. Für ihn sei das auch ein Hobby. Wie für Luca aus Rockenhausen: „Ich mag den Druck, das gibt einen Kick. Man hat das Gefühl, dass man was geschafft hat, wenn man hilft.“ Egal, wen man heute hier fragt: Das „Helfenwollen“ ist primärer Grund, zur Feuerwehr gehen. Wenn doch nur mehr Jugendliche so denken würden.