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Kirchheimbolanden

Fantasie statt Fesseln

Von Jutta Glaser-Heuser

 

Kreativität gefragt: In der Seniorenresidenz am Schloss in Kirchheimbolanden gibt es Sitzkissen, in denen sich die Bewohner erholen können. Die Pfleger Mathias Ohl (links) und Thomas Stumpfhäuser sorgen dafür, dass diese es darin auch bequem haben. ( Foto: Stepan)

( Foto: Stepan)

Gurte, Bettgitter und geschlossene Stationen – in den Altenheimen im Donnersbergkreis kommen sie nur noch in Ausnahmefällen zum Einsatz. Kleinere Heime schaffen es oft ganz ohne Fixierungen. Der Kreis hat dafür als einer der Pioniere den „Werdenfelser Weg“ beschritten. Die Erfahrungen bei Pflegenden und Angehörgen: uneingeschränkt gut.

Es ging um Sicherheit. Immer wenn verwirrte und gebrechliche Menschen in Alten- und Pflegeheimen fixiert werden, spiele das Streben nach Sicherheit die entscheidende Rolle. „Wir Pflegenden haben das so gelernt“, erzählt Martina Degen, Leiterin der Seniorenresidenz am Schloss in Kirchheimbolanden. „Unsere ganze Denkweise drehte sich darum, wie wir den alten Menschen vor Schaden bewahren können. Wie schädlich und auch grausam freiheitsentziehende Maßnahmen tatsächlich sind, das haben wir darüber völlig übersehen“, sagt die Heimleiterin.

Gemeinsam mit ihrem 130 Mann und Frau starken Team machte sie sich 2010 auf den „Werdenfelser Weg“, begleitet und beraten von Silvia Rosenbaum von der Betreuungsbehörde des Kreises. In Richter Thomas Edinger vom Amtsgericht Rockenhausen fand man einen Mitstreiter, der das Ziel ,weniger Fixierungen’ „von Anfang an sehr motiviert vertrat“, so Dezernent Fabian Kirsch von der Kreisverwaltung.

Alle elf Altersheime des Kreises machen mit – freiwillig. Von 817 Heimbewohnern im Kreis haben heute im Schnitt 25 eine Fixierungsgenehmigung. Was aber nicht bedeutet, dass diese Menschen tatsächlich rund um die Uhr eingeschränkt sind. Im Jahr 2010, als der Kreis in das Projekt einstieg, waren es noch 161. „Der größte Wechsel muss im Kopf der Menschen stattfinden“, sagt Fabian Kirsch, und Rosenbaum nennt es den „wirklichen Erfolg bei der Sache“, dass eben dieses Umdenken im Kreis innerhalb von sechs Jahren in großem Stil stattgefunden habe. „Wir werden wohl nie auf null Prozent kommen, wie es am Anfang unsere Hoffnung war, aber wir haben ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass die Freiheit der Menschen höher zu bewerten ist als der Sicherheitsaspekt.“

Dabei gehe es nicht darum, einfach nur die Gurte wegzulassen. „Wir gehen völlig anders an dieses Thema als noch vor wenigen Jahren“, schildert Degen. Man überlege nicht, wie man einen unruhigen Bewohner vor einem Sturz schützen könne, sondern woher diese Unruhe kommt. Die Lebensgeschichte der Heimbewohner sei oft der Schlüssel dazu. „Es gibt dementiell erkrankte Bewohner, die besonders in den frühen Morgenstunden unruhig sind, weil sie früher um diese Zeit arbeiten mussten“, nennt sie ein Beispiel. Dann suche man heute im Team nach einer Möglichkeit, diesen Bewohner morgens zu beschäftigen. Oder jene Bewohnerin, die immer um fünf Uhr nachmittags zum Spaziergang aufbricht, weil sie früher um diese Zeit mit dem Hund Gassi ging. „Mit ihr gehen wir dann ein paar Schritte, danach geht es ihr auch schon wieder gut“, beschreibt Degen. Von der besonders kreativen Idee einer Heimleiterin im Kreis weiß Dezernent Kirsch zu berichten. „Sie hat auf ihrem Außengelände eine Bushaltestelle errichtet“, so Kirsch. Zwar verkehrten dort keine Busse, aber manche Bewohner säßen immer zu bestimmten Uhrzeiten dort, so wie sie es früher getan haben. Das mache sie zufrieden und beruhige sie.

Kreativität und Fantasie ist immer gefragt, wenn Alternativen zur Fixierung gesucht werden. Das wissen auch die beiden Verfahrenspflegerinnen Claudia Behnke und Uta Herzog. Sie kommen dann ins Spiel, wenn eine Fixierungsgenehmigung beim Amtsgericht beantragt wurde. „Diese Genehmigungen werden heute nur noch für sechs Wochen ausgestellt“, erklärt Herzog. Früher waren es zwei bis drei Jahre. „Wir gehen dann ins Heim und sprechen mit den Betreuern, meist sind das die Angehörigen“. Oft sind die es dann auch, die aus Angst um die demente Mutter oder den unruhigen Vater eine Fixierung gutheißen. „Wir zeigen dann die Alternativen auf“, so Behnke, die beispielsweise gute Erfahrungen mit dem „Walker“ hat. Vergleichbar mit einem Gehfrei für Kindern können Erwachsene darin auf und ab gehen, haben jederzeit eine Stütze und können sich hinsetzen. „Das ist gerade für Bewohner gut, die längere Zeit im Bett lagen, um wieder Muskulatur aufzubauen und das Gleichgewicht zu trainieren“, so Behnke.

Damit alte oder verwirrte Menschen keine Bettgitter mehr brauchen, haben sich Niedrigbetten bewährt. Die können bis auf wenige Zentimeter vor Bodenhöhe heruntergefahren werden, um die die Sturzgefahr zu verringern. Zudem werden Matratzen vor die Betten gelegt. Vor dem Weglaufen schützt beispielsweise in der Seniorenresidenz eine Lichtschranke, die ein Signal auslöst, sobald Bewohner mit Bewegungsdrang das Haus verlassen. Sie tragen zu diesem Zweck ein spezielles Armband. „Aber auch dann gehen wir heute nicht mehr einfach hin und holen die Leute zurück, wir gehen ein paar Schritte mit ihnen, und meistens wollen sie dann ohnehin wieder zurück“.

Bei überregionalen Treffen mit Heimleiterkollegen empfehle sie diesen Weg, auf dem der Donnersbergkreis Pionier ist, „ohne Einschränkungen“, sagt Degen. „Ich kann die Skepsis nachvollziehen“, meint sie. Auch die Angst vor Regressforderungen der Krankenkassen sei begründet. „Die Kassen gehen diesen Weg noch nicht mit.“ Sie selbst sehe heute aber keine Alternative mehr dazu. „Die alten Menschen werden eindeutig ruhiger und zufriedener, und den Pflegekräften und Angehörigen geht es damit auch viel besser“, zieht sie Bilanz. Auch die Statistik ist auf ihrer Seite, ergänzt Sabine Rosenbaum. Die Anzahl der Stürze in Altersheimen hat sich seit dem „Werdenfelser Weg“ nicht erhöht.