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Sport

Das Leben nach dem Crash bei der Vogelsberg-Rallye

Von Maria Huber

Für Riedemann und Wenzel ist Rallyefahren erst mal tabu. Michael Wenzel steigt dafür aufs Rennrad. Er war aber schon wieder bei der Rallye – als Zuschauer.

Für Riedemann und Wenzel ist Rallyefahren erst mal tabu. Michael Wenzel steigt dafür aufs Rennrad. Er war aber schon wieder bei der Rallye – als Zuschauer. ( Fotos: View/Huzl)

Ein Crash bei der Rallye hat für Beifahrer Michael Wenzel aus Mehlingen und seinen Fahrer Christian Riedemann das Leben verändert. Wenzel stand kurz vor dem Genickbruch, Riedemann kurz vor der Querschnittslähmung. Ein befreundeter Arzt testet jetzt ein neues Sicherheitskonzept für den Rallyesport.

Als wir abgehoben sind, wusste ich, dass ich am nächsten Tag kein Rad fahren werde.“ Michael Wenzel wirkt gefasst, wenn er das erzählt. Auch wenn die Bilder, die er im Kopf hat, schwer zu verarbeiten sind. Er weiß, wie knapp alles war, dass er ein Riesenglück hatte. Aber wenn er von dem Moment berichtet, in dem sein Leben fast vorbei gewesen wäre, klingt es, als würde er aus einem übertriebenen Film erzählen. Er spielt bei der Vogelsberg-Rallye, Etappe zwei der Deutschen Meisterschaft 2017 im April. Der 41-jährige Mehlinger, ein erfahrener Beifahrer, seit vielen Jahren national und international unterwegs, unter anderem bei der Rallye Monte Carlo, sitzt neben seinem ebenfalls weltcup-erfahrenen Kollegen Christian Riedemann (29). Es läuft gut. Sie liegen mit ihrem Peugeot 208 T16 auf Rang zwei hinter dem Konkurrenten Skoda. Das Team Peugeot Romo will diesmal den Titel. Die Linkskurve in Wertungsprüfung sieben ist scharf, plötzlich hebt das Auto ab, dreht sich über die Nase, die Reifen fliegen weg. „Das war’s schon?“, denkt Wenzel. Doch der große Crash kommt noch. Der Peugeot landet ungefedert auf der Kante des Grabens.

Ein Szenario, für das kein Rallyeauto der Welt gerüstet ist

Wenzel ist sekundenlang regungslos. Was er später erst registriert, als er die Szene auf dem On-board-Video noch mal erlebt. „In dem Moment verschwimmt das Zeitgefühl.“ Neben ihm schreit Christian Riedemann. Er hat starke Schmerzen und kann sich nicht bewegen. Rettungskräfte eilen zum Wagen, versuchen, die beiden Männer zu befreien. Doch die Tür klemmt. Der Griff reißt ab. Wenzel verklemmt sich im Fahrzeug, versucht sie von innen aufzuhebeln und tritt sie schließlich auf. Alles stürzt sich auf Riedemann, der Lähmungserscheinungen hat.

 

Michael Wenzel setzt sich in den Graben. Er hat Schmerzen im Nacken. „Ich hatte das Gefühl, dass ich den Kopf nicht mehr halten kann.“ Er muss mehrfach bitten, bis er eine Halskrause bekommt. „Als ich die dann hatte, war es ganz okay.“ Er koordiniert den Rettungseinsatz, navigiert den Krankenwagen. Die beiden Verletzten landen schließlich im Krankenhaus in Lauterbach. Auch dort gilt der Fahrer als der Schwerverletzte. Wenzel sitzt in der Notaufnahme und fühlt sich nicht gut. Er bekommt eine Nachricht aufs Handy ...

Das Thema Rallye lässt einen nicht los

Zur gleichen Zeit steht sein ehemaliger Rallyekollege Niko Schneider in der Warteschlange des Abfallhofs. „Wir sind gerade aus dem Skiurlaub gekommen und meine Frau hat gefragt, ob ich die Kartons von den Gartenmöbeln noch wegbringen kann“, erzählt er. Schneider gewann 1999 mit Wenzel den Junior-Cup. Dann hörte er mit dem Sport auf, wurde Arzt. Inzwischen arbeitet er als Anästhesist an der Uniklinik Heidelberg. Doch das Thema Rallye lässt ihn nicht los. Er hat sich auf Schwerverletztenversorgung im Motorsport spezialisiert. Plötzlich sieht er ein Bild vom Unfallwagen, in dem Wenzel saß – und versucht ihn zu erreichen.

 

Sein Kumpel weiß noch immer nicht, was er hat, während Riedemann nach Frankfurt geflogen und bald darauf operiert wird. Sein siebter Halswirbel ist gebrochen, dazu drei Brustwirbel. Schneider schert aus der Warteschlange aus und macht sich auf den Weg nach Fulda. Dort wird Wenzel hingebracht. „Er hat nicht das Genick gebrochen, sondern den Knochen, der drumherumgeht. Das Band rechts ist gerissen. Wenn es auf beiden Seiten reißt, kann das direkt zum Tod führen. Die Situation war lebensbedrohlich. Der erste Halswirbel war gebrochen, der fünfte war pulverisiert“, erklärt der Anästhesist. Was dem Mehlinger vielleicht das Leben rettete: Er ist einer von fünf Prozent der Menschen, die von Geburt an einen weiten Spinalkanal haben. So hatten die abgesplitterten Knochenstückchen Platz, sich zu verteilen, ohne das Rückenmark zu verletzen. Ansonsten: Querschnittslähmung.

Zufall, gepaart mit Glück

Schneider rast nach Fulda und telefoniert mit dem dortigen Krankenhaus. „Ich hatte Glück, dass der Neurochirurg mich kannte. Er hat einen Unikurs bei mir mitgemacht, in Intensivmedizin.“ Sein Kollege gibt zu, dass diese Art von Verletzung woanders behandelt werden sollte. „Er ist mit einem blauen Auge davongekommen“, meint Schneider. Er nimmt seinen Kumpel mit nach Heidelberg, wo er operiert wird. „Dass nicht mehr passierte, ist Zufall, gepaart mit Glück“, sagt er.

 

Und feilt an seinem Konzept für mehr Sicherheit im Motorsport. Das vorsieht, dass, wie bei Rundstreckenrallyes längst üblich, auch bei Straßenrallyes sofort ein speziell ausgebildeter Arzt vor Ort ist, der weiß, wie ein Verletzter aus einem Rennwagen geborgen werden soll und wie er bestmöglichst versorgt wird. Was schiefgehen kann, hat die Rallye Thüringen gezeigt. Es gab wieder einen schweren Unfall mit Verdacht auf Querschnittslähmung.


Rallye und Rettung -Zahlen und Fakten

Michael Wenzel

Der 41-jährige Mehlinger hatte seine ersten Rallye-Einsätze im Jahr 1992. 2004 und 2005 wurde der Konstrukteur Deutscher Meister S1600. 2011 kam er mit Christian Riedemann auf Rang acht der Rallye-Juniorenweltmeisterschaft. 2011 startete er mit Markus Fahrner bei den ADAC Rallye Masters (6.) und wurde Erster im ADAC Opel Rallye Cup. 2015 fuhr er mit Christian Riedemann bei der Rallye Monte Carlo auf Platz zwei.

Christian Riedemann

Der 29-jährige Industriemechanikermeister ist in Sulingen geboren und lebt in Oldenburg. Seine erste Rallye fuhr er mit 18 Jahren. Seitdem war er national und international unterwegs, hat zahlreiche Erfolge gesammelt, unter anderem den ADAC Rallye Junior Cup gewonnen, die Rally de Espana, die ADAC Rallye Deutschland, die Citroen Racing Trophy Benelux, die Citroën Top Driver Rallye d’Italia Sardegna und Racing Trophy Deutschland, war Zweiter bei der Vodafone Rallye de Portugal, der Deutschen Rallye-Meisterschaft und mit Michael Wenzel bei der Rallye Monte Carlo.

Niko Schneider

Der 44-Jährige ist von 1990 bis 2002 Rallyes gefahren. Er hat den ADAC Rallye-Junior-Cup gewonnen und den DSK Sport Pokal, hat Stunts für „Alarm für Cobra 11“ gedreht, war als Schotterspion unterwegs. Seit 1993 ist er im Rettungsdienst, mit 34 Jahren hat er angefangen, Medizin zu studieren. Seit 2013 ist er Anästhesist am Universitätsklinikum Heidelberg, forscht mit dem Schwerpunkt Behandlung von Wirbelsäulentraumata, Traumareanimation. Er hat Race Track Trauma Life Support (RTTLS) mitentwickelt, ein Konzept zur strukturierten und prioritäten-orientierten Versorgung von schwerverletzten Patienten bei Rennsportveranstaltungen, bietet mit Unterstützung des Deutschen Motor Sport Bundes Kurse an.

Die Verbindung

Kennengelernt haben sich Niko Schneider und Michael Wenzel 1982. Beide waren mit ihren Vätern in Waldleiningen bei der Rallye. Michael Wenzels Vater saß im Rennwagen und hatte einen Unfall. Schneiders Vater rettete ihn aus dem Unfallwagen. „Das war die erste Verbindung zur Familie Wenzel“, sagt Schneider, der immer Rallyefahrer werden wollte, sich an Michael Wenzel erinnerte, als er seinen Traum wahr machte und mit ihm als Beifahrer an den Start ging.

Deutsche Rallye-Meisterschaft

Acht Stationen hat die Deutsche Rallye-Meisterschaft, die am 3. März mit der ADAC Saarland-Pfalz Rallye gestartet ist. Die ADAC Hessen Rallye Vogelsberg, die dem Peugeot 208 T16 von Christian Riedemann/Michael Wenzel zum Verhängnis wurde, war die zweite Station der Serie. Das Team lag zu dem Zeitpunkt auf Platz zwei.

Die Konsequenz

Schneider will die Schwerverletztenversorgung im Motorsport verbessern. Sein Konzept sieht unter anderem vor, dass bei jeder DRM-Veranstaltung derselbe Rennarzt vor Ort ist, dass die Helfer und Rettungskräfte regelmäßig geschult werden, wie Verletzte geborgen und weiterversorgt werden sollen und dass es einen Rettungshubschrauber mit einem motorsporterfahrenen Team gibt. Derzeit finanzieren Peugeot und Skoda einen Probelauf. Am Ende der Saison soll Bilanz gezogen werden. huzl